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Münchner Kammerspiele:Ach, diese Realität

Touch

Das Hirn schwebt über der Szenerie von „Touch“, immerhin aber in Gold.

(Foto: Sigrid Reinichs)

Falk Richter eröffnet mit "Touch" die Intendanz von Barbara Mundel an den Münchner Kammerspielen.

Von Egbert Tholl

Das Motto der neuen Münchner Kammerspiele lautet: "Die Wirklichkeit nicht in Ruhe lassen." Vielleicht ist es aber andersrum. Die Wirklichkeit lässt das Theater nicht in Ruhe. Damit ist nicht gemeint, dass Barbara Mundel, als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal nun Intendantin des Hauses, sich den Beginn ihrer Leitung sicherlich ganz anders vorgestellt hat. Ohne Corona und mit mehr als den knapp 200 erlaubten Zuschauern im Schauspielhaus. Solche Probleme haben schließlich alle Theater in Deutschland, auch wenn diese sich auf einen Neubeginn noch verheerender auswirken - kein Fest, keine Party und nach der Eröffnungspremiere der schüttere Applaus des Profipublikums, nach der Uraufführung von Falk Richters "Touch", inszeniert von ihm selbst, dem neuen leitenden Regisseur der Kammerspiele.

In der Wunderkammer des Schauspielhauses fühlt man sich auch mit wenigen sehr wohl

Nicht die Herstellungsbedingungen sind das Problem, nicht einmal die geringe Besucherzahl, denn in der Wunderkammer des Schauspielhauses fühlt man sich auch mit wenigen Menschen zusammen sehr wohl. Nein, die Wirklichkeit kriecht in die Köpfe hinein und verdrängt dort die Souveränität künstlerischen Denkens und Handelns. Vor der Sommerpause begann Falk Richter zu proben und schrieb darüber ein lockeres Tagebuch in dieser Zeitung, schrieb über die tägliche Absurdität, unter Abstandswahrung Theater herstellen zu müssen. Daneben schrieb er für das Kunstfest Weimar den Monolog "Five deleted messages", den er Anfang September dort selbst inszenierte. Mit einem einsamen Dimitrij Schaad allein nächtens vor dem Kühlschrank, getrieben von Verschwörungstheorien, der Sehnsucht nach einer menschlichen Nähe, die in einem desaströsen Telefonat mit der Ex-Freundin kulminierte. Er fühlte sich verfolgt von Bildern von Massentierhaltung aus den Medien, die Zeit blieb stehen auf fünf Uhr nachmittags, und nie war jemand da.

Richter packte nun all dies, Aspekte aus dem Tagebuch und weite Teile des Monologs, in sein neues Stück, schrieb unermüdlich um die Copy-and-Paste-Passagen herum weiter, dachte die Verlorenheit der im Internet sozialisierten Menschen weiter, dachte Verschwörungsirrsinn weiter, dachte auch gleich die Menschheitsgeschichte mit. Das Problem ist hierbei nicht, dass sich ein Autor selbst zitiert, das machten zum Beispiel in der Barockzeit die meisten Komponisten so. Irritierend ist vielmehr, dass schon vor fünf Wochen jenem Monolog in Weimar etwas Historisierendes innewohnte, weil die harten Beschränkungen öffentlichen Lebens damals auch schon drei Monate vorbei waren. Das wirkte zwar nicht gleich à la "Opa erzählt vom Krieg", aber halt doch wie "das Theater erzählt vom Lockdown". Den haben schließlich alle selbst erlebt, da hülfe Analyse mehr als Bestandsaufnahme.

Stattdessen entwirft Richter ein düster anmutendes Museum der Menschheitsgeschichte, in das er die Ängste und Nöte hineinstellt, aber auch Rassismus, Kolonialismus, Raubbau an der Natur. Frauen aus der Zukunft bemitleiden den weißen Mann, jede Utopie verschwindet, und wir steuern auf eine "grauenhaft ungerechte Gesellschaft" zu. Was ja alles nicht falsch ist, aber auch wohlfeil zusammengepackt. Das kann man am Ende abnicken, schließlich sind alle Aspekte scheußlicher Realität berührt worden, aber dieses Nicken ist dasselbe wie das eines sozialdemokratischen Publikums nach dem Besuch einer Kabarett-Veranstaltung wie etwa hier in München in der Lach- und Schießgesellschaft.

Freilich: Falk Richter ist viel zu sehr Profi, als dass ihm nicht einige Formulierungen gelängen, die sich dem schnellen Verfall von tagesaktueller Relevanz entzögen. Und er ist als Regisseur des eigenen Werks ein Meister perfekter Oberflächen. Die zwei Stunden der Aufführung laufen rasant ab, auch wenn nichts hängen bleibt, nichts berührt, was man in der Wirkung auch als große Metapher begreifen kann, denn schließlich geht es ja ums Berühren beziehungsweise dessen Absenz.

Gesungen wird viel. Es endet in der Gruppenerkenntnis, dass wir alle im Schlamassel stecken

Auf der Bühne liegen ein paar Eisschollen - Achtung, Gefühlskälte -, ansonsten ist der Raum voll mit dem klebrigen Dröhnen der Musik von Matthias Grübel, der im Keller offenbar einen alten Roland-Synthesizer gefunden hat. Hinten flackern Videos von Chris Kondek, schöne Polaroid-Ästhetik, die jedes vorgetragene Wort verdoppelt. Und Anouk van Dijk, die seit 2000 immer wieder mal mit Falk Richter zusammenarbeitet, hat ein halbes Dutzend Tänzerinnen und Tänzer mitgebracht. Sie rasen zackig und ruhelos über die Bühne, verdoppeln damit, ähnlich wie die Videos, die Worte, stecken mit ihrem Bewegungsdrang auch die schauspielenden Menschen an. Auf der Bühne versammelt sich viel kunterbuntes Volk, das sehr schön anzuschauen ist. Eingekleidet hat sie Andy Besuch mit viel Aufwand und offenbar in einem kaum endenden LSD-Rausch.

Und doch beginnt das ganze Brimborium sehr vertraut: Thomas Hauser und Christian Löber, die Barbara Mundel neben vielen anderen vom Lilienthal-Ensemble übernommen hat, beginnen mit der monologischen Absonderung der Texte, gut wie eh und je, aber auch in seltsam abstrakter Beziehung zu den Worten. Zu ihnen gesellen sich bald Anna Gesa-Raija Lappe und Anne Müller - später werden sie zu viert die einzige echte, konkret leuchtende Theaterszene spielen: Als wäre es eine Erfindung von Yasmina Reza, trifft zum ersten Mal nach dem Lockdown ein schwules Pärchen auf zwei Schwestern, der eine hat Angst vor Nähe, schon immer, der andere nicht, die eine Schwester ist lieb, die andere hat einen Zorn. Diesen verwandelt Anne Müller später in einen Auftritt einer Influencer-Tussi, die wie Marie-Antoinette durch die Jahrhunderte segelt und Armut nicht versteht. Gesungen wird viel auch live, endend in der Gruppenerkenntnis, dass wir alle im Schlamassel stecken, Erwin Aljukić saust im Rollstuhl über die Bühne und lässt sich mit seinem erbarmungswürdig fragilen Körper ausstellen, geredet wird in vielen Zungen und Sprachen.

Wie um zu versichern, dass man gerade einem Ereignis beiwohnte, begrüßt danach Barbara Mundel das Publikum, bedankt sich bei ihrem Haus. "Wir sind das Theater des Jahres", sagt sie. Aber nein, Frau Mundel. Dies gelang Matthias Lilienthal in seinen beiden letzten Spielzeiten. Sie müssen das erst erarbeiten.

© SZ vom 10.10.2020
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