Münchens 9/11 Es geschah am 11. September - 1972

Dann warteten sie. Die Schlussfeier ging weiter. Am Himmel ein künstlicher Regenbogen. Athleten fingen an zu tanzen. Die Spiele gingen zu Ende, die Spannung unten im Stadion fiel ab. In der Sprecherkabine warteten sie, schweigend. Irgendwann kam jemand und rief: "Vorbei, blinder Alarm!" Die Meldung vom geklauten Privatflieger war falsch gewesen, und das Flugzeug, das sich dem Stadion näherte, war eine verirrte finnische DC 8, eine Passagiermaschine mit ausgefallener Radaranlage. Der Pilot hatte um Landeerlaubnis in München gebeten, im allerletzten Moment. Wie sehr nah die Passagiere der finnischen Maschine dem Abschuss waren, welche Panik eine Ansage Fuchsbergers im Stadion hätte auslösen können, wurde erst im Laufe der Jahre deutlicher - so ähnlich wie ein Foto, das mählich im Entwicklerbad an Konturen gewinnt. Eine fast vergessene Episode, hinter der sich die größte Katastrophe verbirgt, die bei Olympischen Spielen nicht passiert ist.

Vielleicht hat Joachim Fuchsberger, der Chefsprecher, mit seinem Schweigen die Spiele gerettet, wenigstens ein bisschen, aber er glaubt das nicht. Er findet, dass die Spiele verloren sind, nicht als Business, aber bestimmt als Idee. In Athen ist jetzt die Nato mit ihren Awacs-Flugzeugen, im Hafen ankert Kriegsmarine, 70000 Sicherheitsbeamte sind in der Stadt, vorsorglich sind Spezialisten aus dem Ausland angefordert worden, Pathologen, die bei der Identifizierung von Leichen helfen können. Die Athleten des amerikanischen Teams haben eigene Gasmasken dabei. Man fürchtet Flieger, Bomben, Bakterien, Gifte, Selbstmordattentäter, man riegelt sich ab gegen Angriffe aus der Luft, aus der Nähe, aus der Ferne, aus der Kanalisation. Alle Gullys Athens werden versiegelt. "Das ist doch das Gegenteil von den Spielen, die wir wollten. Das ist alles pervers mittlerweile", sagt Fuchsberger. Die ersten Sommerspiele der neuen Zeit, nach dem 11. September 2001, finden statt in einem Hochsicherheitsbereich, der sich über eine ganze Stadt ausdehnt, in den Himmel und übers Meer.

Die Flamme wird entzündet vor einer Kulisse aus Laserkanonen und Scharfschützen auf allen Dächern, im Himmel knattern Hubschrauber. Eigentlich ist es absurd, so etwas Spiele zu nennen.

Joachim Fuchsberger wird nicht in Athen sein. Es gab ein paar Einladungen, er hätte im Fernsehen auftreten sollen, live aus Athen. "Aber ich kann das nicht. Vor allem will ich nicht vor einem Millionenpublikum verkünden, dass alles, was die tun, meiner unmaßgeblichen Meinung nach keine Garantie bietet." Er ist ein Skeptiker geworden, damals in seiner versiegelten Kabine. Er weiß, dass man planen und üben und vorausdenken kann, wie man will. Manchmal braucht man am Ende trotzdem so etwas Läppisches wie Glück, um zu verhindern, dass alles zusammenstürzt.

Davon handelt Joachim Fuchsbergers Geschichte. Deshalb hat er sie noch mal erzählt. Es ist nicht allein seine Geschichte. Es ist die Geschichte aller Verantwortlichen bei einer Olympiade.

Ein Albtraum. Ein olympischer Traum. Vielleicht sind olympische Träume immer Albträume.