Münchens 9/11 Es geschah am 11. September - 1972

An diesem Tag näherte sich ein außerplanmäßiges Passagier-Flugzeug der Abschlussfeier der Olympischen Spiele. Erst heute wird das ganze Ausmaß einer Fastkatastrophe deutlich. Sie bereitet dem damaligen Stadionsprecher Joachim Fuchsberger immer noch Albträume. Ein Erinnerungs-Protokoll.

Von Holger Gertz

Joachim Fuchsberger sagt, es klinge vielleicht albern, aber er träume immer noch diesen Traum.

Joachim Fuchsberger 1972 in der Stadionsprecher-Kabine des Münchner Olympia-Stadions.

(Foto: Foto: dpa)

Der Traum geht so: Jemand sagt, da kommen Flugzeuge, vielleicht mit Bomben im Laderaum. Und dann zeigt er ihm eine Menge Menschen, Tausende Menschen. Und er überlässt es ihm, Fuchsberger, den Menschen von den Flugzeugen zu erzählen oder nicht. Er gibt ihm Macht über die ganzen Menschen, aber in Wahrheit liefert er ihn aus, denn er lässt ihn mit dieser Macht allein. Und Fuchsberger sagt nichts im Traum, sondern wartet auf die Flugzeuge und hofft, sie kommen nicht. Ein schrecklicher Traum vom Warten und Hoffen. Warten und Hoffen kann die Hölle sein. Er beobachtet die Leute vor ihm, er lauscht einem Brummen in der Luft, und irgendwann, nach Ewigkeiten, erlöst ihn das Erwachen.

Ein Albtraum. Ein olympischer Traum. Vielleicht sind olympische Träume immer Albträume. Davon handelt Fuchsbergers Geschichte.

Joachim Fuchsberger, der Schauspieler und Moderator, Quizmaster und Dokumentarfilmer, er sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Grünwald, seine Frau bringt den Kaffee. Er ist 77 mittlerweile, aber er hat immer noch ein Jungengesicht und diese klare, leicht reibende Stimme, die ihm damals, vor über 30 Jahren, den Job verschafft hat, aus dem sich seine Träume speisen. Sie brauchten für die Olympischen Spiele 1972 eine Stimme im Stadion, die so war, wie die Spiele sein sollten.

Inspiriert, aber zugleich gelassen. Und nicht martialisch, nichts Blechernes. Die Münchner Spiele sollten das Gegenteil sein von denen in Berlin 1936, und wenn heute, zum Beispiel im Sender Phönix, die Mitschnitte noch mal in voller Länge gezeigt werden, sieht man manchmal die Eröffnungsfeier, die gläsernen Dachzelte, das traumhaft schöne, weit geschwungene Olympiastadion, den weißblauen Himmel.

Dazu Fuchsbergers Stimme aus der Sprecherkabine. Sie sagt die Nationen beim Einmarsch der Athleten an, die Sportler haben bunte Schlaghosen und klasse Siebziger- Jahre-Frisuren, alles klingt und schwingt, alles sieht nach einem großen Fest aus. Aber das war nur eine schöne Idee. Das hatte Fuchsberger schon bei den Vorbereitungen gelernt.