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Münchens 9/11:Es geschah am 11. September - 1972

Ein Chefsprecher im Stadion ist der einzige Mensch, der direkten Zugang zu allen Zuschauern hat, eine verantwortungsvolle Aufgabe, und deshalb war er bei allen Sicherheitsbesprechungen in den Jahren zuvor dabei. Die Besprechungen ergaben, dass seine Kabine aus schusssicherem Glas gebaut werden musste, die Tür nur von innen zu öffnen, damit nicht ein Terrorist sich seines Mikros bemächtigte und eine Predigt an die Leute hielt, die 70000 im Stadion und die Milliarden vor den Fernsehern. Bei Eröffnung und Schlussfeier Olympischer Spiele schaut die ganze Welt zu, eine größere Bühne kann es nicht geben. Es war viel von Terroristen die Rede damals, man machte sich Gedanken, was man tun könnte.

"Ein paar Ideen waren fast lächerlich", sagt Fuchsberger. Dackel, die aussahen wie das Olympiamaskottchen Waldi, sollten darauf dressiert werden, protestierende Gruppen anzukläffen.

Manches wirkte also lächerlich, aber der ernsthafte Gedanke hinter allem war, der Bedrohung friedlich entgegenzutreten. Kein Militär, keine Uniformen, keine sichtbar getragenen Waffen. Es waren andere Spiele als die heutigen, als die Spiele nach dem 11.September 2001, mit Aufklärungsflugzeugen, mit Scharfschützen auf den Dächern. Es sollten jedenfalls andere sein. Joachim Fuchsberger erinnert sich, dass in einer Sitzung ein Polizeipsychologe sagte: "Aber was machen wir, wenn das olympische Dorf überfallen wird?"

Am 5. September 1972 ist genau das passiert. Die israelische Mannschaft wurde von palästinensischen Terroristen der Gruppe Schwarzer September überfallen, das Dorf war nicht genug gesichert gewesen, der Befreiungsversuch später in Fürstenfeldbruck war schlecht koordiniert.

Elf tote Israelis, fünf tote Terroristen, ein toter Polizist. Vielleicht hätte mehr Polizei, mehr Militär das Schlimmste verhindert, aber dann wären es nicht die Spiele gewesen, die sie wollten in München.

Vielleicht wäre dann auch was anderes passiert. Fuchsberger sagt: "Da gibt es zwei Welten, die gegeneinander stehen. Die Angreifer wissen ganz präzise, was sie wollen. Und die anderen, die Sicherheitskräfte, die haben keine Ahnung. Die können nur vermuten." Manchmal, wenn er so auf der Terrasse sitzt und redet, sieht er aus wie dieser Lehrer, den er im "Fliegenden Klassenzimmer" gespielt hat, die Schüler nannten ihn Justus.

Der hat immer eine Pfeife geraucht und den Schülern erklärt, wie die Welt außerhalb ihres Internats so funktioniert. Fuchsberger hat sich das Rauchen abgewöhnt mittlerweile, aber die Welt draußen funktioniert immer noch nicht richtig. "Es gibt keine größere Konzentration als die kriminelle Energie auf ein Ziel hin. Wenn ich das will, wenn ich was zerstören will, dann schaff ich's auch."

Das Attentat im Dorf holt ihn nicht mehr aus dem Schlaf. Dies hängt mit dem Wesen von Träumen zusammen: das Attentat fand ja seinen traurigen Abschluss. Und es hat aber eine Stimmung erst erzeugt, die alles Weitere geschehen ließ, es hat allen Angst gemacht. Angst erzeugt Träume. Angst hat damals den olympischen Ablaufplan verändert. Ein Trauertag wurde eingelegt, die Schlussfeier verschob sich von Sonntag auf Montag. Dieser Montag war der Tag, von dem er träumt - bis heute. Ein Spätsommertag im Jahr 1972. Es war der 11. September.

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