Klassik:Im Malstrom der Existenzkrisen

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Schlussapplaus für die Münchner Philharmoniker und die Dirigentin Giedrė Šlekytė sowie den Solocellisten Gautier Capuçon nach der Aufführung von Lera Auerbachs "Diary of a Madman" (Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen). (Foto: Tobias Hase / mphil/Tobias Hase / mphil)

Die Münchner Philharmoniker wagen sich an das Werk der zeitgenössischen Komponistin Lera Auerbach. Die Wildheit und Virtuosität ihrer Einfälle aber schöpft nur ein Solist aus - das Orchester scheut das Höllenspektakel.

Von Reinhard J. Brembeck

Die Münchner Philharmoniker sind nicht dafür berühmt, regelmäßig lebenden Komponisten ein Forum zu bieten. Auch weil sie in Valery Gergiev einen Chef haben, der am besten mit Romantik und Russischem brilliert. Das hören alle gerne. Zudem hat das gängige Repertoire den Vorteil, dass es das Produkt einer langjährigen Siebung ist. Üblicherweise gespielt wird nur, was Hunderte Male erprobte Qualität ist. Alles, was nur gut oder gar schlechter ist, wurde längst aus dem Kanon des Aufführungswürdigen ausgeschieden. Auch deshalb haben es lebende Komponist(inn)en schwer. Denn wer komponiert schon ästhetisch auf dem Niveau von Franz Schuberts Unvollendeter? Im Schatten solcher Gigantenwerke verblassen die meisten modernen Stücke. Deshalb bedarf es Mut, wenn ein Standardsinfonieorchester, das ja mit den Gigantenwerken immer auf der sicheren Seite der Publikumsgunst ist, eine Uraufführung wagt.

Die Münchner Philharmoniker haben jetzt binnen zwei Wochen sogar drei Uraufführungen programmiert, Chefdirigent Gergiev leitete keine einzige. Das ist nicht ganz verständlich, zumal sich die Philharmoniker weder mit Fazıl Say, Julian Anderson und jetzt dem Cellokonzert von Lera Auerbach mitnichten der Hardcore-Avantgarde verschrieben haben, sondern Komponisten präsentieren, die sich einem durch die traditionellen Gigantenwerke sozialisierten Publikum durchaus erschließen, da sie sich klanglich nie radikal vom gewohnten Mainstream entfernen. Aber die Vertrautheit der Klänge ist ästhetisch ein überschätztes Kriterium bei der Rezeption neuer Werke. Sehr viel zentraler sind dabei Kriterien wie Dichte, Redundanz, Schlüssigkeit, Eigenständigkeit, Tiefe.

Solist Gautier Capuçon ist nichts zu schnell, nichts rasend genug - Cellospiel der Superklasse

Lera Auerbach, 1973 in Sibirien geboren und seit 1991 in New York, kombiniert unbefangen und virtuos Klezmer und jüdische Folklore mit Russlandromantik, György Ligetis Klangatmosphären und Filmmusik. Anregen lassen hat sich Lera Auerbach - wie schon in ihrer Oper "Gogol" - durch diesen ukrainischen, aber russisch schreibenden Schriftsteller, durch dessen tagebuchartige "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", der zunehmende Absturz in den Irrsinn: "Heute kam der Großinquisitor in mein Zimmer, aber ich hatte seine Schritte von ferne gehört und versteckte mich unter dem Stuhl."

Auerbach reiht Klangspielepisode an Tanz, liebt Düsteres und Tiefes, Gezerrtes, Gequetschtes, Gespreiztes. Also alles, was die heutige, nicht erst durch die Seuche aus den Fugen geratene Welt ausmacht. Cellosolist Gautier Capuçon behauptet sich in der Münchner Isarphilharmonie klangvoll und mit überlegener Souveränität in diesem Malstrom allzu oft allzu ähnlicher Existenzkrisen. Nichts ist ihm in den Flageoletts zu säuselnd hoch, nichts in den Attacken ungeheuer, nichts im Rasen zu schnell, nichts emotional überfordernd. Das ist Cellospiel der Superklasse. Aber da ist weniger ein Wahnsinniger in Aktion als ein Übermensch, dem die Welt und ihr Irrsinn nichts anhaben können.

Doch das Orchester müsste in diesem Stück der übermächtige Gegner des Cellisten sein, ein perfider Gegner, der den einsamen Streicher zumindest mundtot machen und in den Wahnsinn, wenn nicht sogar in den Suizid treiben will. Das aber kommt nicht raus. Vielleicht weil die junge Dirigentin Giedrė Šlekytė, es ist ihr Debüt bei den Philharmonikern, nicht böse und bösartig genug für den Irrsinn der Welt ist, den Lera Auerbach da episch düster ausmalt. Vielleicht weil die Dirigentin zu akkurat an den Noten hängt und sich deshalb nicht traut, das von der Komponistin gemeinte Höllenspektakel weltzerschmetternd pandämonisch aufzumotzen. Giedrė Šlekytė und die Philharmoniker gehen allzu harmlos nobel mit Gautier Capuçon um, der sich sicherlich auch noch sehr viel perfiderer Klangattacken zu erwehren wüsste.

In Schuberts "Unvollendeter" gelingen die Abgründe tiefer, in Zoltán Kodálys "Tänzen aus Galánta" die Lebensfreude ekstatischer. Lera Auerbachs Klangwelt aber ist eine neue, unvertraute. Da tun sich Musiker schwerer, ihren Sinn zu entschlüsseln. Ein Anfang aber ist in München immerhin gemacht.

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