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Oskar Maria Graf:"Der Graf hat mich schon in der Schulzeit fasziniert"

Oskar Maria Graf

Der Autor Oskar Maria Graf konnte nicht nur herrlich schlecht gelaunte Figuren schreiben, sondern auch die bayerische Lebensart genießen.

(Foto: SZ Photo)

Weil ihn der bayerische Autor seit seiner Kindheit nicht loslässt, schrieb ihm Georg Unterholzner mit zwei Musikern das "Oskar-Maria-Grafical": eine musikalische Lesung, die nun im Theater im Fraunhofer zu hören ist.

Ein stampfender Rhythmus, dazu die bluesige Basslinie, darüber der Chorgesang der beiden Gitarristen: "Dirty old man." Mit kratzig-rauer Stimme setzt Georg Unterholzner ein: "Du oids Weibsbuild, lass mi in Ruah, stinkst ausm Maul und schaugst aus wia da Tod." Er schimpft das heraus, eine Tirade, aber dann wird er schmachtend bittersüß, der Groove ist weg, und es klingt fast volksliedhaft: "I mog de Madl, de junga, de riachn so guad, und sie san, sie san so schee . . ."

Der Mann, um den es hier geht, ist der Kastenjakl, der Großonkel Oskar Maria Grafs, der eine nicht gerade rühmliche Rolle in den Geschichten des Schriftstellers spielt. Der Kastenjakl ist ein bösartiger alter Krauderer, der griesgrämig in einer Kammer haust, alte Mägde beschimpft, aber in sabbernde Lüsternheit verfällt, wenn ihm die junge Kellnerin den Kaffee bringt. Meckernd lachend wie ein Ziegenbock betupft er die Brust oder den Hintern der jungen Frau, die sich aber zu wehren weiß. Mit einem lässigen "Geh weg, damischer Tropf!" weist sie ihn in die Schranken.

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"München hasse ich geradezu schon"

Vor 50 Jahren starb mit Oskar Maria Graf einer der bedeutendsten bayerischen Schriftsteller im New Yorker Exil. Mit seiner Heimat versöhnte er sich nie - trotzdem wäre er beinahe zurückgekehrt.   Von Wolfgang Görl

So einer war der Kastenjakl, ein Lustgreis, ein Grapscher, ein dirty old man. Es wäre ein Leichtes gewesen, hätte Unterholzner in seinem Songtext den alten Bock nach allen Regeln der Kunst der Lächerlichkeit preisgegeben. Ja, der Kastenjakl ist ein fieses Schwein - aber ist er nicht auch eine arme Sau? Ein verhutzelter alter Knacker, der nichts mehr zu hoffen hat und einsam seinem Ende entgegen vegetiert? Auch diese Seite hat Unterholzner in das Lied eingebaut, und wenn er singt, dann ist es, als wäre er selbst für einen Moment der greise Flegel, und für den anderen der bedauernswerte Sonderling.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die drei Männer einen Volksmusikabend veranstalten - zumindest ihre Klamotten legen das nahe. Trachtenjoppen, Lederhosen, grüner Hut. Damit wären sie auch für einen alpenländischen Hoagascht bestens kostümiert. Aber sie machen etwas ganz anderes. "Grafical" heißt ihr Projekt, und wer vermutet, das hätte was mit grafischer Kunst zu tun, irrt. Es geht um Oskar Maria Graf, den großen bayerischen Schriftsteller, geboren 1894 in Berg am Starnberger See als Sohn einer Bäckerfamilie.

Bereits als Jugendlicher war er vor der Tyrannei des älteren Bruders nach München geflohen, wo er als Tagelöhner schuftete, aber auch das Bohèmeleben genoss. Vor allem aber schrieb er, Gedichte zunächst. Auch trieb sich Graf, der undogmatische Sozialist, in der Revolution 1918/19 herum, deren blutiges Ende er überlebte. Dann die ersten größeren literarischen Erfolge in den Zwanzigerjahren, die Flucht vor den Nazis, das Exil in New York, wo er am 28. Juni 1967 starb. Dieses Leben will das Trio nacherzählen, mit Texten des Autors und mit Songs, die Grafs Geschichten kommentieren oder ihren Figuren eine Stimme geben, untermalt mit Musik.

Aus Grafs Texten basteln Josef Kloiber, Georg Unterholzner und Martin Regnat (von links) einen musikalisch-literarischen Abend.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Vor einiger Zeit ist Georg Unterholzner mit einer Reisetasche voller Graf-Bücher nach Bernried am Starnberger See gefahren. Er quartierte sich im dortigen Kloster ein und machte sich daran, aus der riesigen Menge der autobiografischen Werke Grafs diejenigen rauszusuchen, welche dessen wichtigsten Lebensstationen schildern und sich zudem gut vortragen lassen. "Der Graf hat mich schon in der Schulzeit fasziniert", erzählt er. Ein Buch nach dem anderen hat er gelesen, "Das Leben meiner Mutter", "Wir sind Gefangene", "Anton Sittinger", "Unruhe um einen Friedfertigen" und so weiter. In den Geschichten, die auf dem Land spielen, hat er vieles entdeckt, was er von zu Hause kannte. Unterholzner, Jahrgang 1961, ist auf dem Dorf, in Hornstein, aufgewachsen, die Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft mit sieben Kühen. Graf-Milieu könnte man sagen.

Im bürgerlichen Leben ist Unterholzner Tierarzt, nebenbei hat er fünf Krimis geschrieben, in denen nicht der Kommissar, sondern zwei junge Burschen, Internatsschüler wie er, ermitteln. Aber da war ja noch die Begeisterung für Oskar Maria Graf, für dessen virtuose Menschenschilderungen, für seinen Humor, seinen Pazifismus, seinen Kampf gegen die Nazis. "Das Grafical", sagt Unterholzner, "ist eine Hommage, eine Verbeugung vor dem großen bayerischen Schriftsteller."