München swingt:Mit der Kraft des Blues

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Prägt seit 50 Jahren die Münchner Kulturszene: der aus Kalifornien stammende Ron Williams im Schwabinger Lokal "Drugstore". (Foto: Alessandra Schellnegger)

In New York wohnte er neben Count Basie, in Schwabing mit Donna Summer zusammen. Doch das Leben des Entertainers und Wahlmünchners Ron Williams war nicht immer einfach

Interview von Oliver Hochkeppel

Schon 2005, beim ersten vom Impresario Peter Wortmann initiierten "München swingt", dem jährlichen Gipfeltreffen der heimischen Traditional-Jazzszene, war Ron Williams mit von der Partie. Der kalifornische Wahlmünchner ist ein Entertainment-Allrounder: Er war der erste schwarze Radiomoderator in Deutschland und der erste Afroamerikaner im deutschen Kabarett, nämlich beim Stuttgarter Renitenztheater. Als Stand-up-Comedian, Parodist - der amerikanische Präsident Ronald Reagan war eine seiner Paraderollen - sowie Film- und Fernsehdarsteller war und ist er ebenso erfolgreich wie als Sänger im Blues-, Soul- und Jazz-Fach. Seit einigen Jahren ist Williams außerdem auf musikalisch-biografische Shows über schwarze Heroen abonniert, von Martin Luther King bis Nelson Mandela, Harry Belafonte und Ray Charles. Dessen Hits singt Ron Williams bei "München swingt" im Carl-Orff-Saal.

SZ: Sie waren beim Debüt von "München swingt" damals im Prinzregententheater nicht nur dabei, sie haben den Abend moderiert. Erinnern Sie sich noch?

Ron Williams: Aber ja. Es war eine tolle Show, und die Leute waren begeistert. Bei den Proben war ich nur etwas überrascht, dass die Band mit Blues Schwierigkeiten hatte. Doch der Blues war damals schon out, und heute hat er es erst recht schwer, dabei bräuchten wir ihn so. Wie auch das alte Jazzer-Lebensgefühl, das gibt es ja fast nicht mehr. Wir wollen es an diesem Abend noch mal zum Leben erwecken.

"München swingt" zelebriert den klassischen Jazz. Sie sind aber doch wohl eher mit Soul aufgewachsen?

Das ist eine komplizierte Geschichte, weil ich eine schwierige Kindheit hatte. Mein gesetzlicher Vater war nicht mein leiblicher, und meine Mutter war lange nicht da, ich kam von Heim zu Heim - von all dem erzähle ich in meiner Show "Hautnah". Ich nenne meine Tante und meinen Onkel, bei denen ich schließlich groß wurde, Mom und Dad. Und mein Onkel war ein klassischer Tenor, ein erfolgreicher Gesangslehrer und auch mal Leiter eines berühmtes Militärchores. Als ich bei ihm in New York lebte, bevor mich meine Mutter nach Kalifornien zurückholte, war der Nachbar ein gewisser Count Basie, etwas weiter weg in der Straße wohnte Lena Horne - es war das Queens der wohlhabenderen Schwarzen. Aber in Kalifornien habe ich tatsächlich vor allem Blues und Soul gehört. Aretha Franklin, Ray Charles und vor allem Lou Rawls, der war mein Mann. Aber ich wollte gar kein Musiker oder Sänger werden.

Sondern?

Anwalt. Ich war schon früh nicht auf den Mund gefallen und politisch engagiert. Ich hatte ein Stipendium für eine der besten Universitäten an der Ostküste in der Tasche. Da wäre ich der erste und einzige Schwarze gewesen.

Das klebt ja an Ihnen, sie waren oft der erste Schwarze.

Ja, sehr oft. Selbst beim Militär. Mein Dad meinte nämlich, es käme vielleicht etwas zu früh mit dem Studium, der Druck dort wäre vielleicht zu groß. Ich solle doch erst einmal zum Militär, mich für drei Jahre verpflichten, ins Ausland gehen, etwas lernen, vielleicht auch Musik, und danach dann Jura machen, wenn ich das immer noch wollte. Denn als Freiwilliger, das war Gesetz, wurde der Platz reserviert. Zur Infanterie oder zu den Panzern wollte ich nicht, also bin ich zur Militärpolizei, wegen der schicken Uniformen und der 45er am Gürtel. Aber ich wurde ausgerechnet in den Südstaaten stationiert, wieder als einziger Schwarzer meiner Einheit. Das war hart damals Anfang der Sechziger, da gab es Rassismus der härtesten Sorte, ich hab' unglaubliche Dinge erlebt und musste da raus. Das ist dann wieder eine lange Geschichte, aber so kam ich zum Pressekorps und nach Deutschland, das mich schon immer irgendwie fasziniert hatte. Schon an der High School, wo man sich eine historische Figur als persönliches Vorbild aussuchen musste, nahm ich nicht wie die anderen Lincoln oder Washington, sondern Friedrich den Großen.

Sie waren erst in Stuttgart, später dann auch längere Zeit in England. Wie und wann kamen sie nach München?

Ich spielte den "Hud" in der deutschen Fassung von "Hair", und los ging es 1968 hier in München - die Querelen vor, während und nach der Premiere sind ja heute legendär. Ich hatte mir mit Donna Summer, die auch mitspielte, in Schwabing eine Wohnung gemietet, und seitdem bin ich, mit Unterbrechungen und trotz all der Reiserei, Münchner - seit jetzt 50 Jahren.

Noch ein kleines Jubiläum. Spielt das für Ihren Auftritt eine Rolle?

Ein bisschen schon. Zum 15-Jährigen reihen wir auch ein paar andere Jubiläen aneinander: Erst das 40-jährige Bestehen der Veterinary Street Jazz Band, die sogar ein neues Album vorstellt. Dann der 120. Geburtstag von Duke Ellington, zu dem die Wine And Roses Swing Big Band interessante Ellington-Arrangements des Saxofonisten Wolfgang Roth spielt. In der kleinen Formation hat Trompeter Heinz Dauhrer, der musikalische Leiter des Abends, dann auch etwas zu feiern, glaube ich. Und zwischendurch komme ich, sozusagen als München-swingt-Bindeglied zwischen damals und heute.

Sie machen ein Ray-Charles-Programm. Mit welchen Songs und in welcher Besetzung?

Ich singe nicht nur einige seiner bekanntesten Stücke wie "Georgia On My Mind" oder "Everyday I Have The Blues", sondern auch Brazil Blues und harten Soul wie "Dangerzone". Alles in der großen Besetzung mit der Wine And Roses Big Band. Die Jungs haben das drauf, der Matthias Bublath zum Beispiel ist ein Monster an den Tasten und auch ein fantastischer Arrangeur.

Sie spielen nicht nur seit Jahren schwarze Legenden wie Martin Luther King, Nelson Mandela oder eben Ray Charles. Sie engagieren sich auch in vielen Initiativen gegen Rassismus, wofür Sie schon das Bundesverdienstkreuz bekamen. Ist es nicht traurig, dass man derzeit wieder mehr statt weniger kämpfen muss?

Schon, aber ich bleibe ein kritischer Optimist. Es wird immer Rassismus und Dummheit geben, aber selbst in Ungarn gehen die Leute jetzt auf die Straße. Trump hat eine historische Niederlage bei den Midterm-Wahlen erlebt. Er wie auch die AfD sind für mich eine vorübergehende Angelegenheit.

15. München swingt , Mittwoch, 30. Januar, 20 Uhr, Carl-Orff-Saal im Gasteig, Rosenheimer Straße 5

© SZ vom 30.01.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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