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SZ-Kultursalon:Intendant Andreas Beck kritisiert Sanierungsstau am Residenztheater

Andreas Beck (links) beim SZ Kultursalon im Großen Hörsaal der Anatomischen Anstalt der LMU.

(Foto: Stephan Rumpf)

In ungewöhnlichem Ambiente zieht Intendant Andreas Beck eine erste Bilanz seiner Intendantenzeit. Sorgen bereitet ihm der teils marode Zustand seines Hauses.

Andreas Beck enttäuscht nicht. Als Theaterintendant kennt er sich aus mit Bildern, die im Kopf bleiben, und so malt er mit Worten ein hübsches auf die Frage, wie er seine Annäherung an München und besonders an das Münchner Publikum bisher empfinde: "Wir haben die Tanzfläche betreten und uns noch nicht verstolpert", sagt Beck, "das macht Mut für die Rumba." Das Miteinander soll also noch intensiver werden. Bei dem kubanischen Paartanzen werben die Partner schließlich leidenschaftlich umeinander. Und wenn einer davonstrebt, ist es am anderen, ihn zur Rückkehr zu locken.

Seit 1. September ist Beck Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, also des Residenztheaters mit seinen zwei weiteren Spielstätten, dem Marstall und dem Cuvilliés-Theater. Im Oktober startete die Intendanz mit einem Tag Verspätung und dem Stück "Die Verlorenen", weil Simon Stone, der Regisseur der eigentlich geplanten Eröffnungspremiere "Wir sind hier aufgewacht", sich kurzfristig lieber auf einen Tanz mit dem Streaming-Anbieter Netflix eingelassen hatte.

Seitdem sind rund 100 Tage vergangen, an denen es 13 Premieren gab. Zeit für eine erste Zwischenbilanz, die ihren Reiz auch aus dem ungewöhnlichen Ambiente zieht, in der sie stattfindet: Beim Kultursalon der Süddeutschen Zeitung sitzt Beck, 54, zwischen Susanne Hermanski, der Leiterin der SZ-Kulturredaktion, und Theaterexperte Egbert Tholl im Theatrum anatomicum, dem Großen Hörsaal der Anatomischen Anstalt, also dort, wo Medizinstudenten sonst das Innerste von Menschen ergründen, um daraus Lehren zu ziehen. "Zum Glück sitzen wir hier", sagt Beck zum Start auf der besonderen Bühne und hat ein wenig Sorge, dass die Blicke von den steil aufragenden Rängen auf sein sich lichtendes Haupthaar fallen könnten - womit ein heiterer Ton zunächst gesetzt ist. Bei dem aber bleibt es nicht allzu lange.

Nachdem ihm die ersten Schritte ohne gröbere Ausrutscher geglückt sind, hält es Beck für an der Zeit, Forderungen zu formulieren. Der Marstall bedürfe mehr als dringend einer Renovierung. "Man kann Risse im Haus sehen, das sieht aus wie nach dem Erdbeben in Chili", sagt Beck in Anklang an Kleists Novelle und beklagt, dass er "keine wirkliche Probebühne" bespielen könne: "Wir ziehen von einem Provisorium ins nächste Provisorium ins nächste Provisorium."

Ein neues Probe- und Werkstattzentrum sei ihm vor dem Wechsel von Basel nach München schriftlich zugesichert worden. Zu sehen sei von einem solchen bisher aber leider nichts. Schon Becks Vorgänger Martin Kusej hatte moniert, die "Werkstätten befinden sich in einem erbärmlichen Zustand, und es ist eigentlich nicht zumutbar, dass Menschen unter solchen Umständen dort arbeiten müssen". Dabei seien neue Werkstätten die Voraussetzung, dass mit der Marstall-Sanierung überhaupt einmal begonnen werden könne, sagt Beck, der anders als Kusej gleich zu Beginn seiner Intendanz Mängel klar benennt. Das Wort "Büromikado" fällt, bei dem verliere, wer sich zuerst bewegt - und der wenig diplomatische Hinweis, dass es in Staatsbetrieben mitunter "die falschen Leute zu gut haben".

Das Thema treibt Beck spürbar um. Das Drei-Minister-Jahr 2018, als die Kunst in Bayern zunächst unter der Aufsicht von Ludwig Spaenle stand, dann von Marion Kiechle, bevor schließlich Bernd Sibler übernahm, sei nun schon recht lange vorbei. Da sei es an der Zeit, "nicht nur über alte Versprechen zu reden, sondern diese zur Abwechslung auch mal einzuhalten", findet Beck. Auf eine Hängepartie, wie sie sein Kollege Stefan Bachmann in Köln erlebte, habe er nämlich keine Lust: Der Schweizer war mit einer Sanierung so lange hingehalten worden, dass er sich irgendwann vertraglich garantieren lassen wollte, dass er auf der neuen Bühne noch einige Zeit inszenieren dürfe.

Was Theater erreichen kann - das Motiv zieht sich durch den Abend, nicht nur bei Becks Ausführungen. Zuvor schon hatte Professor Karl-Walter Jauch, der Ärztliche Direktor des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität, in einer kurzen Einführung auf die Gemeinsamkeiten hingewiesen, die sich zwischen einem Theatrum anatomicum und einer klassischen Theaterbühne finden lassen: An beiden Orten sei von allen Plätzen ein quasi klassenloser Blick auf das faszinierende Geschehen möglich. Und das Erlebnis gehe im besten Fall über die reine Rezeption hinaus und münde in einem Sehen und Lernen und Mitnehmen.

Was drohe, wenn derlei Orte verkommen, schildert Beck anschließend in beinahe apokalyptischen Worten: Das ausgiebige Beharren der Deutschen auf ausgeglichenen Haushalten habe Europa nicht nur einen "faschistischen Rechtsruck" beschert, sondern auch dazu geführt, dass hierzulande neben der Bahn und etlichen Autobahnen auch viele Theater verkommen seien. Investitionen seien vielerorts schon so lange hinausgezögert worden, dass die Summen, die nun fällig werden, unselige Debatten wecken könnten: "Aber wer braucht das denn? Da sind doch eh alle so alt!" Beck hält derlei für gefährlich, weil tendenziell Demokratie aushöhlend, wenngleich auch er sich, vor allem bei besonderen Anlässen, ein bisschen mehr jüngeres Publikum in seinen Häusern wünscht. Das bleibt ein erklärtes Ziel für das, was noch kommen soll (in den nächsten sieben Monaten sind 14 weitere Premieren geplant).

Das Münchner Publikum, mit dem er von 1994 bis 1997 als Dramaturg am Staatsschauspiel schon einmal in Kontakt war, hat er in den ersten 100 Tagen seiner Intendanz als voller "konstruktiver Neugier" kennengelernt. "Der Schweizer ist da etwas weniger belastbar", findet Beck. In Basel, wo er die Platzauslastung in wenigen Jahren von knapp 50 Prozent auf mehr als 75 Prozent steigerte, habe er öfter zu hören bekommen: "Ich habe doch dafür bezahlt, warum ist das so schlecht."

Einen Wandel vom eher unbekümmerten Stadttheater-Bespieler zum eher staatstragenden Schauspieldirektor mag er an sich nicht erkennen. In Basel gelang es ihm, neue Plätze zu erfinden, um die Menschen über die Stücke hinaus im Theater zu halten. Wer dort heute aus dem Saal kommt, läuft direkt auf eine Theke zu und kommt beim Warten auf die Garderobe quasi gar nicht umhin, ein Getränk zu ordern. "Das Theater als sozialer Ort, den man wachküssen muss" - etwas Ähnliches schwebt Beck auch in München vor, selbst am Residenztheater, dessen Entrée bisher kaum einer den Charme einer Aussegnungshalle austreiben konnte. Architektonische Eingriffe sind dort aus urheberrechtlichen Gründen schwierig, der Eingangsbereich wurde von Alexander von Branca gestaltet, der auch die Neue Pinakothek gebaut hat. Aber künstlerische Leistungen seien jederzeit möglich, "ist ja schließlich ein Theater", sagt Beck mit einem Lächeln, das fast vermuten lässt, er spiele mit dem Gedanken, in dem weiten Raum zur Rumba zu bitten.

Simone Stone will er übrigens noch einmal nach München locken, die Arbeiten an "Wir sind hier aufgewacht" seien bei der Absage schließlich schon weit gediehen gewesen. Auf einen Zeitpunkt, wann das Stück seine Premiere erleben könnte, aber will Beck sich nicht festlegen: "Den werde ich erst sagen, wenn es sicher ist. Noch eine Absage tut uns nicht gut."

© SZ vom 16.01.2020
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