bedeckt München

Pinakothek der Moderne:Wie der Computer die Architektur verändert

"Die Architekturmaschine", Ausstellung in der Pinakothek der Moderne München

Das ist die Skyline der Londoner Wohnhochhäuser für Superreiche. Beziehungsweise eine satirische App, entwickelt vom Architekturbüro You+Pea.

(Foto: You+Pea)

Eine Ausstellung im Münchner Architekturmuseum zeigt, dass die Maschine aus der Architektur nicht wegzudenken ist und sucht nach Antworten auf neue Fragen.

Von Gerhard Matzig

Es ist eine boshafte und, ja doch, zweifelhafte Theorie. Aber auch eine lustige Idee: Kann es sein, dass sich die mittlerweile schuhschachtelhaft versimpelte Bauhaus-Ästhetik des zeitgenössischen Immobilienmarktes mit ihrer Gruselvorliebe für einfache (rechte) Winkel, einfache (geometrisierte) Volumina und einfache (schmucklose) Fassaden vor allem der Tatsache verdankt, dass der Bauhaus-Erfinder Walter Gropius unter allen talentlosen Zeichnern des 20. Jahrhunderts der Talentloseste war? Seiner Mutter schrieb er in einem erschütternden Heulbrief, dass er "es" einfach nicht könne, das Zeichnen. Er wünschte sich ein Bauen, das künftig ohne vitruvianischen Firlefanz (Entwerfen, Zeichnen, Berechnen, Planen, Konstruieren, Bauen) auskommt.

Wobei in der Biografie von Winfried Nerdinger über den frühen Gropius außerdem zu erfahren ist, dass "er keinerlei Fähigkeiten der Darstellung, Berechnung oder Ausführung eines architektonischen Entwurfs" besaß. Wenig später brach er das Architekturstudium ab. Logisch, dass er ein berühmter Architekt werden musste. Man kann das Schicksal für diese feine Ironie am Bau verehren.

Übrigens war das Original-Bauhaus keine Fabrik für Schachtel-Einfältigkeiten. Zweitens lagen die enormen Talente des Walter Gropius im Denken und Visionieren. Vielleicht auch im Missionieren.

Beiden, Bauhaus und Gropius, muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nicht in jedem Würfelhusten, der im Immobilienteil als "Bauhaus" klassifiziert wird, ist auch Bauhaus drin. Meistens ist es doch nur Nutella. Jedenfalls: Der elende Zeichner, der auch nicht rechnen konnte, aber wachen Sinnes eine futuristische Maschinenwelt vorhersah, Gropius, hätte heute viel Spaß an der Münchner Ausstellung "Die Architekturmaschine".

Man schaltet eine solche Maschine ein, ließe sich denken, sagt "bau mir ein Haus im Bauhausstil", und am 3-D-Drucker kommt fünf Minuten später etwas heraus, was den Drucker und ein Programm des Bau-Software-Imperiums Nemetschek unweigerlich zum Pritzker-Preis führt. So weit ist es noch nicht, aber vorstellbar wird eine solche Zukunft schon, die sich die Low-Tech-Fraktion, die oft von einer "Architektur ohne Architekten" (aber mit regionalen Arbeitskräften) schwärmt, am Ende wohl doch ganz anders vorstellt. Low- und Hightech sind dann identisch unter dem Elektro-Regime von Nullen und Einsen - und zwar ohne Architekten und ohne regionale Arbeitskräfte, ja ohne Bauindustrie und Baukultur (und, herrlich, ohne Architekturkritik). Die Maschine greift sich das Planen, Bauen und Reflektieren. Ohne Firlefanz. Man nennt das "Digitalisierung" und weiß eigentlich nur, dass die digitale Welt entweder grausam, beherrscht von Algorithmen, oder grandios, beherrscht von Algorithmen, sein wird. Vermutlich beides.

Technikskeptiker gegen Fortschrittseuphoriker

Die kulturgeschichtlich souverän das Wissen zusammentragende, zusammenschauende Ausstellung über "die Rolle des Computers in der Architektur", kuratiert von Teresa Fankhänel für das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, ist eine Zwischenbilanz. Sie lässt sich chronologisch und thematisch begreifen. Wozu, das ist dringend zu raten, denn eine solche Ausstellung ist sinnlich-anschaulich kaum vermittelbar, auch die Lektüre des profunden Katalogs dient.

Zeitlich wird die Entwicklung der Architektur-Digitalisierung anhand von 40 technologischen oder auch konzeptionellen Meilenstein-Fallstudien seit den Fünfzigerjahren dargestellt. Thematisch werden diese Studien vier großen Erzählebenen zugeordnet: Es geht um "Zeichenmaschinen" (frühe Versuche, die repetitiven Elemente der Entwurfsarbeit zu automatisieren), "Entwurfswerkzeug" (Programme, die bereits der Entwurfsmethodik zuzurechnen sind), "Geschichtenerzählen" (Rendering- und Animationssoftware, Präsentation) und "Interaktive Plattformen" (Kommunikation, Partizipation, Demokratisierung). Klingt anstrengend. Ist es auch.

Aber wer dann in der Ausstellung dem Computernerd Oswald Mathias Ungers begegnet, der ahnt, dass diese staunenswerte Ausstellung eine wahre Schatzkammer ist. Ungers, gestorben 2007, hat dem Kritiker mal sehr tiradenhaft und wie immer extrem überzeugend erzählt, was er von der Architekturmaschine, also dem Computerdings hält: "Es ist das Ende der Architektur." Da ist es schon überraschend, wie die Schau nun zeigt, dass Ungers, der Computer so ostentativ hasste, sich auch intensiv mit den Möglichkeiten des Computers auseinandersetzte.

Allein dieser Fund zeigt den enormen Wert der Ausstellung. Man erfährt etwa von einer Diskussion an der Yale University aus dem Jahr 1968, in der sich der Technikskeptiker Louis Kahn und der Technikeuphoriker Nicholas Negroponte einen legendären Showdown lieferten. Im Grunde sind diese zum Teil eher ideologisch untermauerten als intellektuell begründeten Positionen den heutigen Antipoden immer noch zuzurechnen. Der eine glaubt an die Maschine, der andere fürchtet sich davor.

"Die Architekturmaschine", Ausstellung in der Pinakothek der Moderne München

Die Software macht's möglich "Dunescape" vom Büro SHoP Architects.

(Foto: SHoP Architects)

Es ist kein geringes Verdienst der Schau, den Besucher mit einem Wissen um Entwicklungen, Zusammenhänge und Ableitungen auszustatten, die es ermöglich, jenseits aller Ideologien zu einer differenzierten Haltung zu finden. Denn die Maschine ist natürlich wie alle Schöpfungen in der Technologiegeschichte beides: ein Möglichkeitsversprechen und eine Unmöglichkeitsbedrohung. Am Ende wird man keinen Architekten, sondern Roger Waters und also Pink Floyd zitieren müssen: "Welcome my son, welcome to the machine." Wir sind längst mittendrin. Da wäre es gut, die Maschine ansatzweise zu begreifen.

Die Architekturmaschine. Die Rolle des Computers in der Architektur. Architekturmuseum der TUM / Pinakothek der Moderne, München. Bis 10. Januar. Der Katalog (Birkhäuser) kostet 34,95 Euro.

© SZ vom 14.10.2020/vewo
Zur SZ-Startseite
Ausstellung: Die Architekturmaschine - Die Rolle des Computers in der Architektur, Architekturmuseum der TUM

Pinakothek der Moderne
:Bauen mit Bits und Bytes

Die Digitalisierung hat das Entwerfen, Planen, Bauen und die Wahrnehmung von Architektur verändert. Diesem Prozess widmet sich die Schau "Die Architekturmaschine" in der Pinakothek der Moderne.

Von Jürgen Moises

Lesen Sie mehr zum Thema