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NS-Dokumentationszentrum:Wie zeitgenössische Kunst die NS-Geschichte erzählt

Die radikalste Arbeit ist von Kent Monkman "The Deluge". Das Werk zeigt die Auslöschung der indigenen Bevölkerung als buchstäblichen Cliffhanger.

(Foto: Courtesy Private Collection Canada)

Die Ausstellung "Tell me about yesterday tomorrow" konfrontiert die Geschichte des Nationalsozialismus mit Kunst - sie ist überraschend und wegweisend.

Auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs im Speckgürtel von Stuttgart, zwischen einem Recyclingwerk und einer Müllverbrennungsanlage, steht eine Reihe gewaltiger Travertinsäulen, die für ein Mussolini-Denkmal in Albert Speers "Germania" vorgesehen waren. Der Krieg kam dazwischen, die Säulen wurden nie abgeholt. Die gigantische Industriearchitektur schrumpfte die monumentalen Säulen auf menschliche Größe - und doch stehen sie immer noch stramm, als warteten sie auf den Tag, da man ihnen endlich den Raum gibt, ohne den sie lächerlich und deplatziert wirken.

Die Bilder, die Annette Kelm von diesem unfreiwilligen Denkmal gemacht hat, enthalten alles, was "Tell me about yesterday tomorrow", eine sehr ungewöhnliche, sehr mutige Ausstellung im Münchner NS-Dokuzentrum, über Geschichte sagt: Sie ist hier Untote und Sondermüll, unendlich wandelbar und ewige Wiedergängerin.

Das NS-Dokumentationszentrum steht am Rande des Königsplatzes, auf dem Grundstück des einstigen "Braunen Hauses", der Parteizentrale der NSDAP. Es wurde 2015 eröffnet, als Ort an dem München sich endlich erzählt, wie es zur "Hauptstadt der Bewegung" wurde und wie es bis heute von dieser Rolle geprägt ist. Nach Jahrzehnten der Verdruckstheit, wollte man nichts mehr beschönigen. Nicht die brutale Verfolgung von Juden, Linken, Sinti und Roma und auch nicht die großenteils begeisterte Mitwirkung der Bevölkerung.

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Natürlich verband man mit der neuen Institution die Hoffnung, nun lasse sich das Kapitel schließen. Doch Mirjam Zadoff, die das Haus seit 2018 leitet, ist anderer Meinung. Seit 2015 habe sich viel getan, sagte sie bei der Eröffnung. Tausende Zeitzeugen sind gestorben. Tausende Kinder wurde geboren, die niemanden kennen, der diese Zeit erlebt hat. Tausende sind aus anderen Ländern in die Stadt gezogen.

Gleichzeitig ist der Geist, der den Nationalsozialismus ermöglicht hat, sind Rassismus, Antisemitismus, Autoritätsglaube heute lebendiger als vor vier Jahren. Die Geschichte verschwindet ins Vergessen - und kehrt gleichzeitig in die Gegenwart zurück. Bloße Aufklärung und Dokumentation wie sie das NS-Dokuzentrum im Namen trägt, haben nicht ausgereicht, um gegen Populismus und Neofaschismus zu imprägnieren. Und indem man den Nationalsozialismus als singuläres Phänomen behandelt, zäunt man ihn ab von den Erfahrungen immer größerer Teile des Publikums.

Mit "Tell me about yesterday tomorrow" schlagen Zadoff und der Kurator der Ausstellung, Nicolaus Schafhausen, nun lauter assoziative Keile in das wohlgefügte Gebilde der Dauerausstellung, um sie zu vitalisieren, zu aktualisieren, unter Strom zu setzen und ihr neue Bedeutung zu geben. Es ist museologisch ein ziemlich einzigartiges Projekt: Entfernt haben sie nämlich nichts. Die Vitrinen und Wandtafeln, die Münchens NS-Geschichte vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart erzählen, blieben alle an ihren Orten. Doch sie teilen sich jetzt den Platz mit Werken von 46 zumeist zeitgenössischen Künstlern, die eine verblüffende Dichte aus Zeitschichten und Referenzsystemen erzeugen, die sehr gegenwärtig wirkt.

Travertinsäulen

Nicht recyclingfähig: NS-Säulen für „Germania“ im Recyclingpark

(Foto: Annette Kelm, König, Berlin/London)

Einige Künstler haben die Ausstellung mit diskreten Arbeiten weitergedacht. Michaela Melián etwa hat die Münchner Villa der Familie Mann in der Größe eines Vogelhäuschens nachgebaut. Nun erklingt daraus nachdenkliches Gitarrengezupfe - und aus einem der Fensterchen werden Zitate der Manns an die Wand projiziert. So entsteht ein sinnlicher Echoraum.

Andere verstehen sich hingegen als Historiker von Ereignissen, die zu rezent sind, um als historisch zu gelten, den NSU-Morden etwa, von denen Paula Markert erzählt. Oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle, den Sebastian Jung in einer Serie atemlos aufs Papier geworfener Zeichnungen nacherzählt. Auf den ersten Blick wirkt das wie das Storyboard zu einem Film. Doch es ist umgekehrt. Den Film gibt es schon, es ist das Video des Täters, doch erst Jungs Aggro-Bleistift entlarvt den Irrsinn unter der Oberfläche des Videos. Was Jung als Außenreporter der Ausstellung von Neonazi-Aufmärschen und Pegida-Treffen mitbringt, mag nur bedingt aussagekräftig sein, kommt jedoch der Wahrheit vielleicht näher als die von der Wissenschaftsmühle auf Normmaß gebrachten Dokumente in den Vitrinen. Solche Aspekte von Medien- und Wissenschaftskritik ziehen sich durch die ganze Ausstellung.

Am aufregendsten und inspirierendsten wird die Ausstellung aber immer dann, wenn die Künstler den Mut haben, sich von Deutschland und der NS-Zeit zu befreien. So wie Joanna Piotrowska, die das leere Eisbärengehege im Münchner Zoo fotografiert hat und mit ihrem Bild ganze Assoziationskaskaden auslöst zu Gefangenschaft, Zwang, Betonarchitektur oder dem Tierischen im Menschen.

Oder wenn sie Beziehungen zu anderen Fällen von Verfolgung und Diskriminierung herstellen. Mohammed Bourouissa hat für seine Serie "Shoplifters" Polaroids abfotografiert, auf denen ein Supermarkt-Besitzer in Brooklyn zur Abschreckung Diebe abbildet, die seinen Laden beklaut haben. Allerdings stehen hier nicht nur die Diebe am Pranger, sondern auch die Mechanismen Ghettoisierung und Rassendiskriminierung. Wie verhalten sich diese nun zu dem Bild in der Dauerausstellung, das einen Juden zeigt, der gezwungen wurde, durch München zu laufen, um den Hals ein Schild: "Ich bin Jude. Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren"?

Eine Skizze aus Chemnitz: Sebastian Jung, "Besorgte Bürger", Zeichnung von 2018.

(Foto: Courtesy the artist)

Die radikalste Arbeit stammt vom kanadischen Künstler Kent Monkman, der mit seinem opulenten Gemälde "The Deluge", die Sintflut, die Verfolgung und Auslöschung der indigenen Bevölkerung als buchstäblichen Cliffhanger darstellt. Protagonist des nach hiesigen Maßstäben geschmacklosen Camp-Schinkens ist ein muskulöser Mann in High Heels. So etwas kennt man nicht in der deutschen "Erinnerungskultur" mit ihren glattgeschliffenen Routinen und abgesicherten Sprach- und Darstellungsregelungen.

Zadoff und Schafhausen fürchten sich nicht vor dem Dilemma, das sich ergibt, wenn man die NS-Zeit als Material versteht, das dringend gebraucht wird, um Faschismus, Rassismus, Unterdrückung in allen seinen Formen zu verstehen. Man gibt der NS-Geschichte neue Relevanz, aber nimmt ihr Exklusivität und Abgeschlossenheit - ein unausweichlicher Prozess.

Tell me about yesterday tomorrow. München, NS-Dokumentationszentrum. Bis 30. August 2020. Der Katalog erscheint erst im nächsten Jahr.

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