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Theater:"Das ganze Projekt ist voller Fettnäpfchen, sehr riskant"

Am 1. März 1994 gaben "Nirvana" in München ihr letztes Konzert. Wenig später starb Kurt Cobain. Die Setlist von damals dient jetzt als Vorlage für einen Liederabend an den Münchner Kammerspielen.

Bühnenbild für Nirvanas Last an den Münchner Kammerspielen

Ein Liederabend der besonderen Art: Christian Löber als Kurt Cobain in "Nirvanas Last" auf der großen Bühne der Kammerspiele.

(Foto: David Baltzer)

Wer auf die Idee kommt, das letzte Konzert der legendären US- Grungeband Nirvana nachzuspielen, muss entweder ein gigantischer Nirvana-Fan sein, oder ihm muss die Band egal genug sein, dass er sich nicht von möglichem Kurt-Cobain-Gekulte einschüchtern lässt. Der Schauspieler und Sänger Damian Rebgetz gehört zur zweiten Gruppe. Nirvana hatte ihn als Jugendlichen nicht sonderlich interessiert, er fand Mariah Carey und Madonna besser.

Er wolle bloß noch mal einen Liederabend an den Kammerspielen machen, so wie in der vergangenen Spielzeit mit "The Beginning of the End", als er Liebeslieder der Achtzigerjahre neu arrangierte. Matthias Lilienthal schlug ihm vor, einen David-Bowie-Abend zu machen, Rebgetz schlug dann Nirvana vor, weil das irgendwie in logischer Konsequenz zu den Achtzigern stand. "Ich hab nicht wirklich realisiert, wie wichtig Nirvana waren, bis ich mich für dieses Projekt richtig mit ihnen beschäftigt habe", sagt Rebgetz.

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Das ist natürlich zum einen ein bisschen rührend, zum anderen aber für sein Vorhaben vermutlich gar nicht schlecht. Aus dieser Unbedarftheit heraus entstand ein sehr ehrgeiziges Projekt, das "Nirvanas Last" heißt, ein Liederabend, der nun der Setlist von Nirvanas letztem Konzert folgt. Seine Recherche führte Damian Rebgetz nämlich schnell zu der in der Stadt recht verbreiteten Erkenntnis, dass jenes allerletzte Konzert der Band ausgerechnet in München stattfand, am 1. März 1994 in Riem.

Ein paar Wochen später war Kurt Cobain tot. "Klar kann man sagen, das hätte überall sein können, aber das hat es nun mal nicht. Nirvanas letztes Konzert war in München und das wird immer so sein. Nirvana ist ein Teil Münchens, und München ist ein Teil von Nirvana", sagt Rebgetz, der sich in die Stadtgeschichte Münchens eingrub, sich mit dem Nachtleben und mit dem Flughafen in Riem beschäftigte, und der sich mit Wolfgang Nöth traf, der Nirvana damals in Riem betreute. Das ist das eine.

Setlist: Nirvana-Konzert in München 1994

My Best Friend's Girl

Radio Friendly Unit Shifter

Drain You

Breed

Serve the Servants

Come as You Are

Sliver

Dumb

In Bloom

About a Girl

Lithium

Pennyroyal Tea

School

Polly

Very Ape

Lounge Act

Rape Me

Territorial Pissings

Zugaben:

The Man Who Sold the World

All Apologies

On a Plain

Blew

Heart-Shaped Box

Quelle: rollingstone.de

Und dann ist da noch die Musik: Komponist Paul Hankinson, ein langjähriger Freund von Rebgetz, arrangierte alle Songs der letzen Setlist neu, die amerikanisch-österreichische Autorin Anne Cotten übertrug die Texte ins Deutsche und teilweise ins Bairische. Fünf Schauspieler, unter ihnen auch Rebgetz selbst, singen die Lieder. Der erste Teil des Abends, sagt Rebgetz, solle ein "bayerischer Pop-Playback-Teil" sein, der zweite Teil ist dem Kunstlied gewidmet und wird begleitet von einem kleinen Ensemble an Klavier, Horn, Querflöte und Cello, der dritte Teil ist gitarrenlastig, im vierten Teil singen alle fünf Schauspieler gemeinsam.

Man muss dazu wissen, dass der Australier Rebgetz in Brisbane klassischen Gesang studiert hat und lange Zeit überzeugt war, Opernsänger zu werden. Er musste damals ständig Schubert-Lieder singen, das prägte seinen Blick auf die deutsche Sprache. Der Abend wird auf Deutsch stattfinden, weil das der Idee des Liederabends im Sinne von Schubert und Schumann näherkommt. "Und auch, weil Kurt Cobain für mich eine Art romantische, tragische Figur ist", sagt Rebgetz. Er sorgt sich nicht, dass es unfreiwillig komisch klingen könnte, wenn "Komm, wie du bist ... und ich haaaaab kein Gewehr" gesungen wird. Dann sind die Texte halt schlicht, deswegen sind sie ja nicht blöd.

Rebgetz weiß, manche könnten es anmaßend, albern und unmodern finden, Nirvana - ja was eigentlich? - nachzuspielen, zu kopieren oder neu zu interpretieren. Auf gar keinen Fall will er versuchen, Kurt Cobain so auf der Bühne darzustellen, wie er war. "Mir ist schon klar: Das ganze Projekt ist voller Fettnäpfchen, sehr riskant, und dann auch noch in der Kammer 1. Aber riskant war es auch für Nirvana, bei einem großen Label zu unterschreiben." Die Grungeband, die subversiv im Underground begann und dann Mainstream wurde.

Das Album "Nevermind" traf jedenfalls den Zeitgeist und verkaufte sich viele Millionen Mal. Nirvana wurden Teil des Systems, das sie ablehnten. Ein ewiges Dilemma der Kunst. "Das erinnert mich an die Kammerspiele. Wie gelingt es, die Ästhetiken der freien Szene ins Stadttheater zu bringen? Und wie kann man dann noch subversiv sein, wenn man plötzlich Teil der Institution ist? Und somit mit Schuld am System?", sagt Damian Rebgetz. Beim berühmten MTV-Unplugged-Konzert der Band sagte Kurt Cobain "Ich hasse MTV" - auf MTV. Nirvana auf einer geschichtsträchtigen Bühne der Hochkultur zu spielen, korreliert für Rebgetz daher ganz elegant mit der Karriere der Band.

Damian Rebgetz, Kammerspiele
Foto: Julian Baumann

Der Australier Damian Rebgetz, 1978 in Darwin geboren, hat klassischen Gesang und Musiktheater studiert. Er ist seit vier Jahren Ensemblemitglied an den Kammerspielen.

(Foto: Julian Baumann)

Die Hochkultur hat Nirvana und Kurt Cobain inzwischen längst geadelt. Grunge zu sein ist ein Kompliment, seine neueste Verkörperung, die amerikanische Sängerin Billie Eilish, wird ehrfürchtig in eine Reihe mit Kurt Cobain gestellt, was ihre ausgestellte Verletzlichkeit betrifft. Vor 25 Jahren aber sah das anders aus, das erstaunte auch Rebgetz. Schaut man ins Zeitungsarchiv nach Nachrufen auf Kurt Cobain, entdeckt man dort viel Häme und Zynismus. Sein Tod war ein würdiges Martyrium einer in Holzfällerhemden gehüllten Generation Verstörter. Immer wieder ist die Rede von Cobains Weichheit, die Autoren fanden diese anstrengend.

Für Damian Rebgetz ist das eher ein Grund, Cobain zu mögen: "Für mich definierte Kurt Cobain Männlichkeit im Mainstream neu. Er war zierlich und androgyn, hatte eine sanfte Aura, trug ein Kleid auf der Bühne. Er rief gegen Homophobie und Sexismus auf, lud Rassisten explizit aus. Das war eine sehr eindeutige Haltung, die er einnahm. Ich glaube, er war seiner Zeit weit voraus." Ein Liederabend also, der sowohl etwas über die Geschichte der Stadt als auch über Nirvana erzählen will. Ob Kurt Cobain das Ganze gut fände? Diese Adelung auf der geschichtsträchtigen Kammerspiel-Bühne, die bajuwarischen Anspielungen? "Wahrscheinlich nicht", sagt Damian Rebgetz. Ein weiteres Argument, es dennoch zu versuchen.

Nirvanas Last, Donnerstag, 24. Oktober, 20 Uhr, Kammerspiele, Kammer 1, Maximilianstraße 26-28

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