München:Der nackte Wahnsinn

München: Intendant Martin Kušej (links), Pressesprecherin Sabine Rüter und Chefdramaturg Sebastian Huber.

Intendant Martin Kušej (links), Pressesprecherin Sabine Rüter und Chefdramaturg Sebastian Huber.

(Foto: Thomas Dashuber)

Martin Kušej stellt seine letzte Saison am Residenztheater vor

Von Christiane Lutz

Es sind viele bekannte Namen bei Autoren und Regisseuren, die im wie immer sehr ansehnlich gestalteten Spielzeitheft der Saison 2018/2019 des Residenztheaters auftauchen. Auch das Ensemble ist praktisch unverändert. Hektisch unter dem Tisch googeln, wer dieser oder jene unbekannte Künstler ist, muss man also höchstens zwei Mal. Es ist die letzte Pressekonferenz von Martin Kušej am Residenztheater, kommendes Jahr wird er bekanntlich ans Wiener Burgtheater gehen.

Als Thema über allem steht "Das Spiel als politischer Akt". Dazu passend eröffnet die Saison Tina Lanik mit dem Spiel-im-Spiel-Klassiker "Marat/Sade" von Peter Weiss, Anne Lenk wird Becketts "Endspiel" inszenieren, Andreas Kriegenburg Dostojewskijs "Der Spieler", Alvis Hermanis Tschechows "Die Möwe". Und Ulrich Rasche darf auch wieder eine seiner gigantischen Bühnen bauen lassen, diesmal für "Elektra 4.48 Psychose", Texte von Hugo von Hofmannsthal und Sarah Kane. So weit, so gut, so bewährt.

Eine ungewöhnliche Uraufführung könnte das Stück "Ur" des kuwaitischen Autors und Regisseurs Sulayman Al Bassam werden (einer, den man googeln musste). Mit deutschen und arabischen Schauspielern will er die Geschichte des Untergangs der Stadt Ur im Jahr 2000 vor Christus erzählen. Der italienische Regisseur Antonio Latella, als dessen Fan sich Kušej outet, wird "Eine göttliche Komödie Dante/Pasolini" von Federico Bellini zur Uraufführung bringen. Stolz ist der Intendant außerdem auf die Verpflichtung von Wim Vandekeybus, der am Haus eine "Bakchen"-Choreografie erarbeiten wird.

Ein neues Kinderstück gibt es in diesem Jahr nicht, weil unter den 17 Premieren zu viele technisch aufwendige Projekte wären. Stattdessen wird "Alice im Wunderland" wieder aufgenommen. Der Marstallplan weitet sich zu einem "Marstalljahresplan" aus, was bedeutet, dass junge Regisseure übers Jahr verteilt im Marstall arbeiten werden.

Man könnte sagen, Kušej möchte in seinem letzten Jahr nicht mehr viel riskieren. Warum auch? Die Auslastung liegt konstant hoch bei zuletzt 81,2 Prozent, nie zuvor in der Geschichte des Theaters war die Zahl der Abonnenten größer: 12 339. Kušejs künstlerisches Konzept geht auf. Inwieweit diese Zahlen auch damit zusammenhängen, dass sich dem Haus einige von den Kammerspielen enttäuschte Abonnenten zugewandt haben, lässt sich kaum belegen. Eine gewisse Abonnenten-Wanderung ist aber wahrscheinlich.

Zum Abschied gönnt sich Kušej noch eine Komödie: "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn. "Bisschen oldschool, ich weiß", aber nach dem schweren "Don Karlos" sicher ein Spaß. Er will "mit Volldampf" eine gute Spielzeit hinlegen, bevor er das Haus an seinen Nachfolger Andreas Beck übergibt. Dann rühmt er noch die "paradiesischen Verhältnisse" am Residenztheater und im Freistaat. Das wirkt so, als frage er sich tatsächlich in schlaflosen Nächten, worauf er sich mit Österreich in Zeiten der FPÖ eigentlich eingelassen hat. Es nerve ihn bisweilen selbst, dass er so ein politischer Mensch sei. "Sie kennen mich, ich werde den Mund sicher nicht halten können."

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