Im Hier und Jetzt zu sein. Und sich nicht ständig im Gestern oder Morgen zu verlieren. In der Psychologie, der Philosophie oder bei Achtsamkeitstheorien gilt genau das oft als Ideal. Aber genauso heißt es oft: Das sei nur schwer zu erreichen. Einer, der das geschafft hat, ist Jo Failer. Trotzdem werden den ehemaligen Münchner Sportreporter und heutigen Künstlervermittler wohl nur wenige beneiden. Denn Jo Failer hat Demenz. Eine frühe Form von Alzheimer, die ihn mit Anfang 50 ereilt hat. „Ich denke nicht mehr an morgen. Ich bin mit mir im Reinen.“ Das sagte er vor einigen Tagen bei einer Veranstaltung des Ausstellungs- und Vermittlungsformats „Denkraum Deutschland“, das derzeit zum siebten Mal in der Münchner Pinakothek der Moderne stattfindet.
„Demenz: Verschwindet mein Ich?“ hieß das von Miro Craemer moderierte Gespräch, zu dem neben Failer die Gründerin des gemeinnützigen Vereins Desideria Care, Désirée von Bohlen und Halbach, und der Arzt Dr. Jens Benninghoff eingeladen waren.
Was das gewählte Thema betrifft, so könnte man sagen: Hier ging es um ein Extrem der diesjährigen, noch bis zum 14. Dezember andauernden „Denkraum“-Ausgabe. Denn überschrieben ist diese mit „EGO. Kunst, Gesellschaft und das Ich“. Und im Mittelpunkt steht die Frage, „wie sich Selbstbild, Egoismus und Gemeinsinn in unserer Zeit verändern – und welche Antworten Kunst darauf geben kann.“
Nun, um die Antworten der Kunst ging es in dem Fall nicht. Aber die Antworten, die Jo Failer als von Demenz Betroffener gab, waren doch sehr beeindruckend. Denn klar: Als Alzheimer-Patient habe auch er „sehr schlechte Momente“. Und wie bei vielen war es bei ihm „am Anfang so, dass man sich schämt“. Aber wenn das so bleibe, sagte er, „dann kann man nichts verändern“. Deshalb sei sein Entschluss bald klar gewesen: „Ich gehe an die Öffentlichkeit.“ Was Failer nicht nur in Form von Auftritten macht, sondern auch in der eines Buchs, das bald erscheint. Seine zentrale These: Man müsse die Krankheit akzeptieren. „Dann schmerzt es nicht so.“ Und mehr Akzeptanz sei gleichsam auch das, was er sich von der Gesellschaft erhoffe.

Was läuft in der Kunst in München?:Große Egos und andere Ausstellungshöhepunkte
Von Haiti über Ägypten nach Chile geht es im Lenbachhaus und im Haus der Kunst. Der Denkraum und die Robotik locken in die Pinakothek der Moderne. Und in der Staatssammlung warten die Gladiatoren.
Bei ihm habe das jedenfalls zur Erkenntnis geführt: „Das eigene Ego ist gar nicht so wichtig.“ Und während dieses „Ego“ früher etwa hieß, der „beste Reporter“ zu sein, laute die Losung nun: „Ich bin einfach da.“ Ohne sich den Kopf über das Morgen zu zerbrechen. Dabei klingt dieses Morgen laut Dr. Jens Benninghoff aus medizinischer Sicht „sehr vielversprechend“. Gebe es doch in der Demenz-Forschung gute Fortschritte, mit „Antikörpern und Fusionstherapien“. Zwar könne man die Krankheit noch nicht stoppen, dafür lasse sich der „Verlauf sehr positiv beeinflussen“. Und auch heute schon könne man als Demenz-Kranker „mit hoher Lebensqualität leben“. Was mangels Hilfe aber leider oft nicht für die Angehörigen gilt.
Insgesamt geriet das Gespräch über ein „trauriges Thema“ aber überraschend „hoffnungsfroh“, wie Miro Craemer bemerkte. Und mal sehen, wie es bei kommenden Veranstaltungen wird. Etwa am 30. November, wenn der Soziologe Armin Nassehi und der Psychologe Dieter Frey über „Das Ich im Wir“ sprechen. Oder am 7. Dezember, wenn es um „das Leben und Arbeiten als Künstler*in fern der Heimat“ geht. Davor, dazwischen und danach gibt es Performances, Konzerte, Workshops. Und dann sind da etwa 20 Kunstwerke, die sich mal gewitzt, mal poetisch, mal politisch, manchmal aber auch leicht plakativ mit verschiedenen „Egos“ beschäftigen.
Wie etwa dem von Sunnyi Melles, der diesjährigen Schirmherrin des „Denkraums“, für die die Kostümbildnerin Su Bühler eine Art Kapitänskostüm geschneidert hat. Von Flatz gibt es eine Samenprobe aus dem Jahr 1999, von Inkyu Park einen „Spartacus“ aus recycelten Kartons. Von Stephan Huber ist eine seiner bekannten „Geisteskarten“ zu sehen, von Joseph Gallus Rittenberg hängen einige seiner bekannten Porträts von Film-, Literatur- und Theatergrößen wie Helmut Dietl oder Werner Schwab an der Wand. Und Uschi Siebauer hat ein „Unendlich einsames Ego“ beigesteuert: Einen umgebauten Badezimmer-Spiegelschrank, aus dem es ständig „Ich, ich, ich“ ruft. Dem Zuzuhören wird auf Dauer ziemlich anstrengend. Und als Folge denkt man sich: Solch ein Ego braucht kein Mensch.
Denkraum Deutschland, bis 14. Dezember, Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, www.pinakothek-der-moderne.de

