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Mozart-Premiere in Genf:Traumverloren

Grand Théâtre de Genève

Getrieben von der Hektik der Gegenwart: das Entführungs-Ensemble.

(Foto: Carole Parodi)

Luk Perceval hat in seiner Genfer Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" sämtliche Dialoge gestrichen. Er zitiert stattdessen eine türkische Dichterin.

Von Egbert Tholl

Aviel Cahn trat seine Stelle als Intendant der Genfer Oper mit dem Versprechen an, die alte Kunstform in der Gegenwart zu verankern. Bevor Cahn im vergangenen Sommer kam, hatte er zehn Jahre lang äußerst erfolgreich die Flämische Oper in Antwerpen und Gent geleitet. Er ist der richtige Mann, um der Genfer Oper internationale Aufmerksamkeit zu bescheren. Und er geht beherzt ans Werk: Für Mozarts "Entführung" brachte er nun den Regisseur Luk Perceval und die türkische Journalistin und Dichterin Aslı Erdoğan zusammen.

Erdoğan kam als prokurdische Journalistin nach dem Scheitern des angeblichen Militärputsches 2016 für einige Monate in Haft, was ihre fragile Gesundheit ruinierte. Inzwischen lebt sie in Deutschland im Exil. Sie ist diplomierte Physikerin, arbeitete auch am Genfer CERN, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Für die "Entführung", deren Premiere sie beiwohnte, schrieb sie nun keineswegs einen neuen Text. Vielmehr übergab sie Perceval eines ihrer ersten Bücher, den "Wunderbaren Mandarin", erschienen 1996, zur freien Verfügung. Ausgehend von Béla Bartóks gleichnamiger Ballettpantomime, die 1926 vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer nach der Uraufführung verboten wurde, erzählt Erdoğan hierin in poetischer Prosa von vertaner Jugend und verlorenen Lieben, singt an gegen die Hässlichkeit der Welt. Dass ihre Inspirationsquelle damals verboten wurde, ist Erdoğan sehr wichtig. Mit Verboten kennt sie sich aus.

Perceval eliminiert sämtliche Dialoge aus der Urfassung dieser Oper. An ihrer Stelle etabliert er vier alte Schauspiel-Doubles für Konstanze, Blonde, Belmonte und Osmin, die mit Erdoğans Worten kleine Monologe zwischen die musikalischen Nummern schieben, traumverlorene Erinnerungen, Sehnsüchte, Gesänge der Einsamkeit. Es gibt hier also keinen Orient, kein Märchen, keine Geschichte. Es gibt indes viele Statisten, die erst getrieben von der Hektik der Gegenwart herumlaufen, zum Janitscharenchor mit sozialistischer Flaggenparade einen neuen Herrscher begrüßen, der nicht kommt, und ansonsten als skulpturale Einzelereignisse ihre Einsamkeit feiern. Mithin gibt es auch keine Verortung der musikalischen Nummern. Teils ereignen sie sich ohne jede Motivation, teils aus dem Schatten von Aslı Erdoğans Erzählung heraustretend, stets mit weicher und lichter Poesie begleitet von Fabio Bondi und dem Orchestre de la Suisse Romande.

Auf der Bühne dreht sich unermüdlich das eher nutzlose Skelett einer Kirche. Steht es das erste Mal still, ereignet sich Großes, die Arie der Traurigkeit der Konstanze. Olga Pudova ist in diesem langen Moment die einsamste Frau der Welt, rührt mit leicht enger Stimme und einem schwebenden Vibrato, vereint in Spiel und Gesang die Essenz dieses Abends. Hier wird Percevals dystopische, intellektuelle Inszenierung einmal zu einem Herzensereignis, hier begreift man, wie Erdoğans die Arie umgebenden Worte zu einem semantischen Klangraum werden könnten, der die Musik neu und stärker und dunkler erfahrbar machen könnte. Aber es ist nur der eine Moment. Der Abend endet ohne Erlösung, aber mit Mozarts Lied "An die Hoffnung". Immerhin.

© SZ vom 24.01.2020
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