Favoriten der Woche:Wer widersteht, hat kein Smartphone

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Favoriten der Woche: "Moulin Rouge" war am Broadway ein Hit, nun ist das Musical in Köln zu sehen.

"Moulin Rouge" war am Broadway ein Hit, nun ist das Musical in Köln zu sehen.

(Foto: Imago/ Horst Galuschka)

Musical oder Comic, Gedichtband oder Klassik, Moulin Rouge oder Lucky Luke? Empfehlungen der SZ-Kulturredaktion fürs Wochenende.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Moulin Rouge in Köln: Party für Erschöpfte

Dass das Jahr 2022 noch mehrere Wochen andauern wird, ist eine Zumutung, zu deren Bewältigung vielleicht nur Köln hilft. Insbesondere das dort soeben gestartete Broadway-Musical "Moulin Rouge". Reinspazieren, in den neuen Dom am Rhein, ein Foto vom spektakulären Bühnenbild machen (wer widersteht, hat kein Smartphone), Platz nehmen, Welt vergessen. "Moulin Rouge" basiert auf dem gleichnamigen Film über den gleichnamigen Nachtclub, voulez-vous coucher avec moi? Paris, 1899, die Bohème von Montmartre, zwei Männer kämpfen um den Star des Hauses, das Haus kämpft gegen den Bankrott, alles ist schillernd, schnell, wild. Und eine schwindelerregende Zahl von Songs aus 160 Jahren Popgeschichte ist mit feinstem Humor umgetextet und in die Geschichte gewebt, Offenbach, Rihanna, Madonna, David Bowie, Sia. Eine Party für alle, die zum Tanzen zu schwach sind, çe soir. Laura Hertreiter

Kunstaktion: Bäume ohne Grenzen

Favoriten der Woche: Das diesjährige Motto der Ausstellung "Art Safiental", bei der das Werk bis Ende Oktober gezeigt wurde, lautete: "Learning from the Earth".

Das diesjährige Motto der Ausstellung "Art Safiental", bei der das Werk bis Ende Oktober gezeigt wurde, lautete: "Learning from the Earth".

(Foto: Art Safiental, Julius von Bismarck; VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Die Baumgrenze in den Alpen befindet sich ungefähr auf einer Höhe von 2000 Metern. Sie ist mit bloßem Auge erkennbar; als horizontale Linie, oberhalb derer keine Bäume mehr wachsen, durchzieht sie das Gebirge. Allerdings sagt sie nicht die Wahrheit. Die Erde heizt sich derzeit so rasant auf, dass die Vegetation adaptiv nicht hinterherkommt, was zur Folge hat, dass die sichtbare Baumgrenze längst veraltet ist und den Stand von vor ein paar Jahrzehnten anzeigt. Die reale Baumgrenze liegt heute längst weiter oben.

Der Künstler Julius von Bismarck hat deshalb für die Outdoor-Ausstellung "Art Safiental" im Schweizer Safiental eine Lärche aus dem Tal geholt und in eine Höhe von 2370 Metern verpflanzt, um zu demonstrieren, wie viel weiter die Grenze schon nach oben gewandert ist. Niemand weiß genau, wie hoch sie heute liegt, die 370 Meter sind eine informierte Schätzung. Sicher ist nur, dass der Alpenwald in seiner heutigen Form nicht mehr lange lebensfähig ist, und man ihn, wenn man ihn retten wollte, um ein paar hundert Meter nach oben verschieben müsste. Niemand hat die Zeit, noch einmal vier Millionen Jahre darauf zu warten, dass sich die Vegetation zur Anpassung an die klimatischen Verhältnisse entschließt. Aus landschaftsarchitektonischer Sicht ist die Umpflanzung deshalb auch so etwas wie eine Pionierarbeit.

Wenn es darum geht, öffentlichkeitswirksam den Klimawandel zu thematisieren, schienen sich Kunst und Aktivismus zuletzt ja eher unversöhnlich gegenüberzustehen. Dabei sind sie unmittelbare Nachbarn. Beide sind im Bereich der Bildproduktion tätig und beide halten die Ikonografie des Bestehenden für unzureichend. Während der Grundvorwurf der Aktivisten jedoch lautet, die Kunst lenke eitel vom Wesentlichen ab, stellt Julius von Bismarck Bilder her, die die neuen Verhältnisse sichtbar machen. Land Art, Landschaftsarchitektur und klimatisch bedingte Forstarbeit könnten sich als die Tätigkeitsfelder einer neuen performativen Avantgarde erweisen. Genau 40 Jahre, nachdem Joseph Beuys in Kassel für seine "Stadtverwaldung" 7000 Eichen pflanzen ließ, ist der Baum in der Gegenwartskunst wieder zu einem relevanten Bedeutungsträger geworden. Felix Stephan

Popmusik: 50 Jahre Progressiv-Band "Banco" aus Italien

Favoriten der Woche: Francesco Di Giacomo, Sänger von "Banco del Mutuo Soccorso", beim Sanremo-Musikfestival im Jahr 1985.

Francesco Di Giacomo, Sänger von "Banco del Mutuo Soccorso", beim Sanremo-Musikfestival im Jahr 1985.

(Foto: imago/Leemage)

Vertrackte Rhythmen, ausgedehnte Instrumentalpassagen, schmelzende Melodien: Wer die wunderbare Musik der italienischen Progressiv-Rock-Ära kennenlernen möchte, sollte die ersten beiden Alben von Banco del Mutuo Soccorso hören. Sie erschienen vor genau 50 Jahren, im heiligen Progressiv-Jahr 1972 - Wunderwerke überschäumender Ideen. Die heute vielfach vergessene Musik dieser Ära kommt hier zu einer sagenhaften Blüte: Die Synthesizer der beiden Brüder und Bandgründer Gianni und Vittorio Nocenzi peitschen den Sound voran, dass einem der Atem stockt, doch zwischen die hochfrequenten Orgelklängen mischen Banco klassische Musikinstrumente, besonders das Cembalo, das in jener Zeit oft zum Einsatz kam. Beide Alben fordern den Zuhörer bis an die Grenze des Ertragbaren, etwa im 14 Minuten langen Song "L'evoluzione" auf dem Konzeptalbum "Darwin" - doch dann bricht wie auf einer Lichtung im dunkelsten Wald plötzlich eine schöne Melodie aus dem Dickicht. Und über allem schwebt die leidenschaftliche, fast melodramatische Stimme von Francesco Di Giacomo - so gefühlvoll und samtig, wie sie kein Sänger der englischen Konkurrenz je hatte. Langeweile gibt es bei Banco nicht, bis zum Schluss. Marc Hoch

Comicband: "Lucky Luke" für Vegetarier

Favoriten der Woche: Achdé, Jul: Lucky Luke. Rantanplans Arche. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Egmont Verlag, Berlin 2022, 48 Seiten, Softcover 7,99 Euro, Hardcover 14 Euro.

Achdé, Jul: Lucky Luke. Rantanplans Arche. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Egmont Verlag, Berlin 2022, 48 Seiten, Softcover 7,99 Euro, Hardcover 14 Euro.

(Foto: Egmont Verlag)

Was wäre der Wilde Westen ohne Cowboys, Rinderherden und Steaks! Im neuen "Lucky Luke"-Band "Rantanplans Arche" (Egmont Verlag) wird genau das Realität und aus Cattle Gulch - einem unauffälligen Westernstädtchen, in dem Pferde geritten und Kühe gegessen werden - Veggie Town, ein Ort, in dem Fleischessern der Galgen droht. Wie das sein kann? Rantanplan, der Hund, der bekanntlich dämlicher ist als sein Schatten, hatte einem örtlichen Tierschützer durch den Fund eines Goldnuggets unerwarteten Reichtum beschert, woraufhin der zweifelhafte Unterstützung von Veggie-Desperados erfährt.

Szenarist Julien Lucien Berjeaut alias Jul und Zeichner Hervé Darmenton alias Achdé malen den veganen Westen in schillernden Farben aus. Da wird ein Falschspieler nicht mehr geteert und gefedert, sondern geteert und belaubt, und ein Trapper, traditionell in Fellen gekleidet, bis auf die Haut ausgezogen. Als Kuhtreiber und Fleischesser, dessen bester Freund sein Pferd Jolly Jumper ist, hat Titelheld Lucky Luke ein grundsätzlich ambivalentes Verhältnis zu Nutztieren. Und kann doch nicht tatenlos zusehen, als eine Truppe vegetarischer Söldner (mit Namen wie Artichoke Jim, Quinoa Bob oder Tofu Sam) die Bewohner des Westernstädtchens terrorisiert.

Der Tugendterror im Comic erinnert an die umstrittenen Klima-Protestaktionen der "Letzten Generation", so ernst sollte man den Band aber nicht nehmen. Ein Plädoyer für Tierschutz ist er aber durchaus, schon allein der liebevollen Zeichnungen wegen: Eine Schildkröte, ein Coyote oder ein sprechender Papagei, Kühe, Pferde oder ein Bär - alle Tiere werden liebevoll als Individuen porträtiert. Mit dem Tierschützer Ovide Byrde spielen die Autoren zudem auf Henry Bergh an, den Gründer des ersten amerikanischen Tierschutzvereins. In Deutschland erscheint der Band in Kooperation mit dem Deutschen Tierschutzbund. Der darf auf der letzten Seite um Spenden werben, immerhin - wir sind schließlich nicht in Veggie Town - nicht mit vorgehaltener Pistole. Martina Knoben

Klassik-CD: Schikaneders Musikwerkstatt

Favoriten der Woche: Der Bariton Konstantin Krimmel erkundet die Werke aus Emanuel Schikaneders Musiktheaterfabrik.

Der Bariton Konstantin Krimmel erkundet die Werke aus Emanuel Schikaneders Musiktheaterfabrik.

(Foto: Alpha Classics)

Emanuel Schikaneder war ein begnadeter Theaterunternehmer. Er wusste, was das Publikum sehen will, er hatte das Haus dafür, das Theater an der Wieden, und er hatte in seiner Werkstatt die richtigen Leute dafür. Den Textdichter Christoph Martin Wieland etwa, und natürlich Wolfgang Amadeus Mozart, dessen "Zauberflöte" aber nur ein Teil des Serien-Konvoluts Schikaneders ist. Vor Mozarts heute als einzigartiges Meisterwerk gefeiertem Singspiel gab es "Oberon" von Paul Warnitzky, gab es den "Stein der Weisen", bei dem Mozart mitkomponierte. Ausschnitte aus dieser Musiktheaterfabrik hat nun Rüdiger Lotter mit der Hofkapelle München unter dem Titel "Zauberoper" eingespielt, Konstantin Krimmel singt so schön, "dass es ein Fiaker nachsingen könnte". So beschrieb Mozart seine eigenen Melodien - Massengeschmack bedient auf erlesenem Niveau (Alpha Classics). Egbert Tholl

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