Identitätspolitik und Literatur:Aber was ist mit dem Nazi?

Identitätspolitik und Literatur: Am Strausberger See in Brandenburg spielt eine Szene in Olivia Wenzels Roman "1000 serpentinen angst" von 2020, um die es jetzt Streit gibt.

Am Strausberger See in Brandenburg spielt eine Szene in Olivia Wenzels Roman "1000 serpentinen angst" von 2020, um die es jetzt Streit gibt.

Der Germanist Moritz Baßler beklagt Mittelmaß und Moralität der neuesten deutschen Literatur. Und verheddert sich in charakteristische Widersprüche.

Von Marie Schmidt

Man musste nur von zehn herunterzählen, bis jemand auf die Idee kommen würde, die Unsitten der Diskussion um die sogenannte Identitätspolitik auch auf die deutsche Gegenwartsliteratur anzuwenden. Moritz Baßler hat es jetzt getan, der Literaturwissenschaftler aus Münster, der Anfang der Nullerjahre das zuvor unscharf als Popliteratur bezeichnete Kapitel der Literaturgeschichte für die Germanistik aufbereitet hat. In der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik (Heft 18, Frühling 2021) beklagt er nun den Erfolg einer Literatur, die nur noch affirmativ lesbar sei, und der es weniger auf ihre literarisch-ästhetische Form als darauf ankomme, "dass die Themen und Probleme, für die sich die partikularen Gruppen interessieren (loss, trauma, abuse, Misogynie, Rassismus, Kapitalismus, Flucht), in den Texten behandelt werden."

Noch bevor man einzelne Bücher, die damit gemeint sein könnten, wie Olivia Wenzels Roman "1000 serpentinen angst", Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" oder Mithu Sanyals "Identitti", vor diesem Vorwurf in Schutz nehmen könnte, wären ein paar Rückfragen fällig. Sind die genannten Themen nicht ziemlich existenziell? Warum sollten sich dafür vor allem partikulare Gruppen interessieren? Oder nimmt das der arrivierte Leser erst so wahr, seit neuerdings Autorinnen und Autoren of Color, Erzähler mit migrantischer oder deklassierter Familiengeschichte oder uneindeutiger Genderidentitäten über so etwas schreiben? Werden Traumata, Verluste oder der Kapitalismus dadurch zu Nischenthemen?

In diesen charakteristischen Widerspruch bringt sich Baßler im Zuge eines umfassenderen Verdikts gegen die Partikularisierung von Literaturgeschmäckern. Im Internet beobachtet er etwas frei Haus, wofür man früher womöglich den Lesekreis einer Gemeindebücherei hätte aufsuchen müssen: übersichtliche Leserschaften, die einfach nur schön und gut finden wollen, was sie lesen, wobei eine professionelle Literaturkritik nur stört. Leise beleidigt zieht sich der akademische Kritiker Baßler von diesem Feld zurück und zeigt in einem heftigen Rundumschlag, wofür er künftig nicht mehr zuständig sein will.

Kitsch entstehe, wenn immer schon klar sei, was relevant und richtig ist

Er nennt es, so der Titel des Aufsatzes, "Der Neue Midcult", mit einem Begriff, den schon Umberto Eco verwendet hat, für eine Literatur mit solidem Qualitätsanspruch, an der aber nichts so avantgardistisch oder schwierig ist, dass es den bequemen Kunstkonsum stört. Das Neue gegenüber dem alten "Murakami-Franzen-Schlink-Knausgård-Ferrante-Kehlmann-Komplex" sieht Baßler darin, dass der "Wohlfühltext" jetzt auch mit weltanschaulich-moralischen Selbstverständlichkeiten ausgestattet und durch Biografie und Identität der Autorin beglaubigt werde. Das Ergebnis bleibe: "Kitsch. Dieser Kitsch entsteht, wenn immer schon vorausgesetzt und der Zielgruppe klar ist, was relevant und richtig ist; wenn die entsprechende Arbeit nicht geleistet wird, eine Arbeit an Form und Kontext."

Wie alle Interventionen im Sinne "der" Ästhetik grosso modo oder des Universalismus gegen das Klein-Klein des Moralischen hört sich diese Argumentation kraftvoll an. Nur geht sie an konkreten Beispielen, hier Romanen, so gut wie nie auf. Besonders Olivia Wenzels "1000 serpentinen angst" gegenüber ist Baßler so rasend unsachlich, dass sich dabei ein schlechter Liberalismus selbst verrät. Allein weil er dem Buch einen realistischen Autobiografismus und eine personale Mitsicht mit der Erzählerin unterstellt und übergeht, dass der ganze Roman in einem Dialog mit einem frei flottierenden Gegenüber oder Alter Ego besteht, einer dezidiert formal verunsicherten Erzählperspektive.

Baßler paraphrasiert nun eine Szene, in der Wenzels Hauptfigur und ihr Bruder an einem Badesee in Brandenburg ein paar Nazis sehen und sich plötzlich als People of Color wahrnehmen, weil sie Angst haben. Die Nazis werden so beschrieben: "Sie ziehen sich aus, so wie ich mir das bei Soldaten vorstelle, stramm und zackig." Darin bestätige sich, so Baßlers Vorwurf, qua Stereotypie ein Weltbild selbst. Besser fände er es, hier auch etwas zu erfahren über "die Unsicherheit dieser Männer, über die überall gelacht wird außer hier an ihrer Badestelle, und die womöglich niemals, wie die Erzählerin hier, einen Fragebogen zur Einreise in die USA ausfüllen und sich nie ein Buch bei S. Fischer publizieren werden."

Poetische Gerechtigkeit muss sich nicht an jedem Nazi einzeln beweisen

Diese halsbrecherische Wendung könnte man nun moralisch als Täter-Opfer-Umkehr markieren oder literatursoziologisch als das Nivellieren einer sich eben erst Ausdruck verschaffenden Literatur, deren Thema eben nicht ist, wie es dem Nazi geht, sondern die Angst, die er auslöst. In der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Das Wetter fragen junge postmigrantische Autorinnen und Autoren dementsprechend eindrucksvoll, warum ein Ereignis wie der Terroranschlag in Hanau, das sie als existenzielle Erschütterung erleben, im Gros des deutschen Literaturbetriebs kaum Widerhall findet. Ein Wahrnehmungsunterschied, der nach literarischer Bearbeitung schreit.

Selbst unter streng ästhetischen Maßstäben müsste sich poetische Gerechtigkeit aber nicht an jedem einzelnen Nazi beweisen, der durchs Bild läuft. Sie ist tatsächlich eine Frage von Form und Kontext, über die Baßler um seiner These willen mutwillig hinweginterpretiert.

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