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Moralforscherin:Das Prinzip Heucheln

Melissa Deckman

Melissa Deckman ist Politikwissenschaftlerin und hat am Washington College im US-Bundesstaat Maryland die Louis L. Goldstein Professur inne. Sie ist außerdem Vorsitzende des Public Religion Research Institute (PRRI).

(Foto: Privat)

Die amerikanische Politologin Melissa Deckman darüber, warum Evangelikale zu Trump halten, obwohl ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen wird und in Hollywood gerade ein berühmter Mann nach dem anderen deswegen gefeuert wird.

Während in Hollywood gerade ein berühmter Mann nach dem anderen wegen Vorwürfen sexueller Belästigung gefeuert wird, sitzt einer weiter im Weißen Haus, ohne sich rechtfertigen zu müssen: Donald Trump. Warum bekommen die Geschichten der mehr als zwölf Frauen, die ihn beschuldigen, sie gegen ihren Willen angefasst, geküsst und gegen Wände gedrückt zu haben, in dieser Debatte nicht wieder Aufmerksamkeit? Trump und seine Sprecher bleiben dabei: alles erlogen. Warum Wähler und Politiker ihm das durchgehen lassen, erklärt Melissa Deckman. Sie forscht als Professorin am Washington College über das Verhältnis zwischen Religion und Politik.

SZ: Würde die Debatte über sexuelle Belästigung in den USA gerade mit genauso viel Energie geführt, wenn Donald Trump nicht Präsident wäre?

Melissa Deckman: Ich glaube, wir würden trotzdem über dieses Thema reden. Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein hätten auch ohne Trump im Weißen Haus großes Gewicht gehabt. Und die Debatte über sexuelle Belästigung ist ja schon älter. Im Grunde hat sie mit dem Fall Clarence Thomas begonnen. Er wurde 1991 zum Richter am Obersten Gerichtshof ernannt, obwohl ihn eine frühere Mitarbeiterin beschuldigt hatte, sie sexuell belästigt zu haben. Dann kam das Thema immer wieder auf, zum Beispiel mit Bill Clinton. Ich glaube aber schon, dass die Wahl von Donald Trump viele Menschen aufgeschreckt hat, vor allem Frauen. Sie sagen jetzt: Wir lassen uns Frauenfeindlichkeit nicht mehr gefallen. Unter diesem Präsidenten hat die Debatte über sexuelle Belästigung mehr Wucht.

Weinstein, Spacey, Louis C.K. - in der Unterhaltungsbranche endet gerade eine Karriere nach der anderen. Auch gegen Trump gibt es solche Vorwürfe. Warum haben sie gegen ihn keine Konsequenzen?

Politik und freie Wirtschaft funktionieren in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich. Die Unterhaltungsbranche versucht mit den schnellen Entlassungen auch, Zuschauer und damit Kunden zu halten. In der Politik funktioniert das anders. Dort entscheiden die Wähler, welches Verhalten sanktioniert wird. Dabei spielen immer Parteizugehörigkeiten und Machtkalkül eine Rolle.

Das führt dazu, dass Trump zwar den demokratischen Senator Al Franken für Belästigungsfälle kritisiert, aber den Republikaner Roy Moore verteidigt - obwohl dem sogar Belästigung von minderjährigen Mädchen vorgeworfen wird.

Genau. In der Politik werden solche Vorwürfe dann oft als Verleumdungskampagne abgetan, die von der politischen Gegenseite lanciert wird. Außerdem stellen sich viele Republikaner nicht gegen einen Kandidaten, den Donald Trump unterstützt. Sie fürchten um ihre eigenen Sitze im Kongress und wollen Trumps Kernanhängerschaft nicht gegen sich aufbringen. Diese Kernanhängerschaft bildet keine Mehrheit der Wähler, aber diese Leute stehen zu ihm, egal was passiert.

Ist das eine Strategie, die Erfolg verspricht - auch auf längere Sicht?

Sie hat ein Risiko: Die Republikaner haben schon lange Probleme damit, Wählerinnen zu begeistern. Diese Vorwürfe gegen hochrangige Politiker und der Umgang der Partei damit könnten sie weitere Stimmen kosten. Bei den Wahlen, die es kürzlich in Virginia gab, haben Demokraten gewonnen. Das ist sehr ungewöhnlich. Denn normalerweise gewinnen bei Wahlen im ersten Jahr der Präsidentschaft einer neuen Partei immer die neuen Machthaber.

Wie rechtfertigen die Republikaner, dass ihre Wähler für jemanden stimmen sollen, dem Übergriffe auf Mädchen im Teenageralter vorgeworfen werden?

Da gibt es verschiedene Lager. Viele glauben einfach nicht, dass die Vorwürfe wahr sind. Das lässt sich noch einigermaßen nachvollziehen. Auch wenn im Fall von Roy Moore nichts dafür spricht, dass die Frauen, die ihn beschuldigen, lügen. Das zweite Lager glaubt den Frauen zwar, so wie Kay Ivey, die Gouverneurin von Alabama. Aber Ivey ruft trotzdem dazu auf, Roy Moore zu wählen, weil sie die republikanische Mehrheit im Senat um jeden Preis erhalten will. Das ist, gerade vor dem Hintergrund der Pro-Life-Politik der Republikaner, logisch nicht mehr nachvollziehbar. Aber es wird mit rhetorischen Tricks scheinbar plausibel gemacht. Zum Beispiel indem man darauf hinweist, dass auch die politischen Gegner nicht moralisch einwandfrei sind.

Zur Wählerschaft der Republikaner gehören die Evangelikalen. Wie stehen die zur Abwendung von moralischen Prinzipien?

Die meisten Oberhäupter evangelikaler Gemeinden sind heute Republikaner. Und die stellen Parteipolitik über ihre religiösen Werte. Es ist ihnen wichtiger, dass die Republikaner konservative Richter an die obersten Gerichtshöfe berufen, als dass ihre politischen Vertreter moralisch leben. Ihnen gefällt, dass Roy Moore in seiner Zeit als Richter eine Tafel mit den Zehn Geboten im Gerichtsgebäude aufgestellt hat - obwohl das gegen die Verfassung verstieß. Oder dass er Beamte anwies, homosexuelle Paare nicht zu trauen, obwohl der Oberste Gerichtshof die Ehe für alle ermöglicht hatte. Für sie heiligt der Zweck die Mittel, aber das würden sie so nie formulieren. Es gibt vereinzelt fromme Evangelikale, die Trump und andere Republikaner kritisieren. Aber die sind in der Minderheit.

Wie sehen es die Gemeindemitglieder?

Das Public Religion Research Institute, für das ich arbeite, hat dazu eine interessante Studie gemacht. Eine Umfrage unter Evangelikalen ergab im Jahr 2011, dass nur 30 Prozent der Meinung waren, dass eine Person, die im Privatleben unmoralisch handelt, in ihrer öffentlichen Funktion trotzdem moralische Entscheidungen treffen kann. 2016, kurz vor der Wahl, haben wir die Umfrage wiederholt und plötzlich glaubten es 72 Prozent. Die Argumente, die Politiker und Kirchenvertreter anführen, um die Republikaner trotz Skandalen als einzig wählbare Partei zu präsentieren, fruchten also.

Könnten die Vorwürfe der Frauen gegen Trump doch noch Konsequenzen haben?

Nein, das glaube ich nicht. Weil er gewählt wurde, obwohl die Vorwürfe bekannt waren. Falls die Demokraten wieder beide Kongresskammern übernehmen, wird vielleicht eine Untersuchung angestrengt. Seit Donald Trump im Amt ist, stellen sich auf allen politischen Ebenen viel mehr Frauen zur Wahl - aus Wut. Es ist wichtig, dass mehr Frauen in der Politik sind, denn das wird auch den Umgang mit Themen wie sexuelle Belästigung verändern.

© SZ vom 08.12.2017

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