"Moonage Daydream" im Kino:Der Exhibitionist

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"Moonage Daydream" im Kino: Die Lust, mit der er am Gesamtkunstwerk bastelte, nimmt dem Begriff seinen hohlen Pomp: David Bowie in "Moonage Daydream".

Die Lust, mit der er am Gesamtkunstwerk bastelte, nimmt dem Begriff seinen hohlen Pomp: David Bowie in "Moonage Daydream".

(Foto: HBO/Universal)

"Moonage Daydream": Ein wunderbarer Film über David Bowie, ohne den üblichen Doku-Schnickschnack.

Von Fritz Göttler

Gott ist tot, heißt es zu Beginn dieses Films, David Bowie zitiert den berühmten Satz von Nietzsche, der ihn sein Leben lang beschäftigt hat, zusammen mit der Frage, wer denn dann den leer gewordenen Platz besetzen sollte... Eine universelle Frage, David Bowies Songs und Shows, sein ganzes Leben kreisen um sie, und auch der Film "Moonage Daydream", den Brett Morgen über dieses Leben schuf, sowie das Kino generell. Mit Bildern aus einem fernen Universum beginnt Morgen den Film, einer Mondlandschaft und geheimnisvollen Funksignalen, a space oddity, "ground control to Major Tom".

Der Filmemacher Brett Morgen hat Dokus über junge Boxer, den legendären Hollywoodproduzenten Robert Evans, die "Chicago 10", die Rolling Stones, die Anthropologin Jane Goodall, Kurt Cobain gemacht. Keine Dokus über, aus überlegener Distanz, sondern Filme mittendrin, existenziell und aufwühlend. Mit Bowie nahm er für einen Film noch zu dessen Lebzeiten Kontakt auf; aber erst nach dessen Tod machte er sich an die Arbeit und hat von den Erben Zugang zum riesigen Archiv des Künstlers erhalten.

"I was a Buddhist on Tuesday and I was into Nietzsche by Friday."

"Moonage Daydream" - der Titel kommt von einem legendären Bowie-Song - präsentiert ein überwältigendes Kaleidoskop all der diversen, irrwitzigen Personae, die Bowie für die Öffentlichkeit durchgespielt hat. Es gibt Konzertmitschnitte, Interviews, Videoclips, und die rätselhaften Momente aus den Filmen, in denen er mitspielte. Was Brett Morgen auch diesmal nicht zeigt: Musikgeschichtler, Pop-Fachleute, Kulturphilosophen, die das Phänomen Bowie erklären. Das Kino lebt von den Oberflächen, Brett Morgen nimmt David Bowie seine Selbstinszenierung ab, seinen Exhibitionismus-Trip.

Es gibt eine grobe biografische Linie, die durch den Film führt, die unaufhörlich zersplittert wird von Impressionen und Show-Effekten, Überlagerungen und Verschmelzungen. Es geht von den ein wenig infantilen frühen Glamrock-Momenten fort in eine coole Bühnensouveränität, in die immer private Lebensphilosophie eingebaut ist. Das Spiel mit metaphysischen Sprüchen ist natürlich große Show. "I was a Buddhist on Tuesday and I was into Nietzsche by Friday." Bowie gerät an Drogen, verrätselt sich, inszeniert sich als Alien. Die Lust, mit der er am Gesamtkunstwerk bastelt, nimmt dem Begriff seinen hohlen Pomp, so hat er die Moderne in die Postmoderne geführt. Tief in den Bildern, die Brett Morgan zusammenfügt, steckt eine triste Einsamkeit.

An der Aura des Dokumentarischen hat er kein Interesse, sein Film ist inspiriert von den Pink-Floyd-Lasershows und Themenparks seiner Jugend - ich habe, gesteht er, Disneyland on acid erlebt. Ein "maximalistischer" Film, zwischen den Personae, die Bowie konstruiert, tauchen Figuren aus der Filmgeschichte auf, genauso einsam wie Ziggy oder Major Tom. Nosferatu schaut uns müde und traurig an, das Mädchen aus "Ein andalusischer Hund", Judy Garland schlüpft in ihre "Roten Schuhe", man sieht das Schachspiel am Meer zwischen Kreuzritter und Tod aus "Das siebente Siegel" und die Babel-Szene aus "Metropolis". Im Jahr 2017, bevor er tief ins Bowie-Material eintauchen konnte, hatte Brett Morgen eine Herzattacke erlitten, eine Woche lag er im Koma. Das verleiht seinem Bowie-Film eine weitere, persönliche Dimension, die Geschichte einer Wiedergeburt.

Moonage Daydream, GB 2022 - Regie, Buch, Schnitt: Brett Morgen. Animation: Stefan Nadelman. Universal, 135 Minuten. Kinostart: 15.9.2022.

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