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"Montecristo" von Martin Suter:Die Bank gewinnt

Krimiautor Martin Suter

Martin Suters neuer Roman ist eni Wirtschaftskrimi.

(Foto: dpa)

Klar, dass Martin Suters neues Buch gleich auf dem Stammplatz des Autors gelandet ist: Platz eins der Bestseller-Liste. Der Wirtschaftskrimi "Montecristo" ist ein Meisterwerk der Desillusionierung.

Drei Morde geschehen in diesem Roman, drei Morde, für die sich keiner interessiert, am wenigsten die Polizei. Zu mächtig sind die Kräfte der Finanzwirtschaft, die hier greifen, mächtiger als Politik und Staatsgewalt. Wie weit die Hochfinanz in das Leben Einzelner hineinwirkt und selbst die privatesten Beziehungen korrumpiert, das führt Martin Suter mit unbestechlichem Blick und kaltem Grimm in seinem neuen Buch vor, einem globalen Wirtschaftskrimi.

"Montecristo" heißt der Roman, genauso wie das Drehbuch von Suters Hauptfigur Jonas Brand, der von einer Karriere beim Film träumt, sich einstweilen aber als Videoreporter eines Lifestyle-Magazins durchschlägt. Ein zeitgemäßes Remake des berühmten Abenteuerromans "Der Graf von Monte Christo" will er drehen - über einen jungen Dotcom-Unternehmer, dem seine Geschäftspartner Heroin ins Gepäck schmuggeln lassen, woraufhin er in einem thailändischen Gefängnis verschwindet wie Edmond Dantès bei Alexandre Dumas in den Kerkern des Château d'If. Der Unterschied liegt in der Schreibweise: "Montecristo" spielt an auf den ikonischen Bonzen-Lolli, die bevorzugte Zigarre der Entscheider.

Suter zeigt das gehetzte, verschwitzte Proletariat der Finanzwirtschaft

Noch ahnt Jonas Brand nicht, dass seine Rolle bei diesem Film weniger die des Regisseurs sein könnte als vielmehr die des Hauptdarstellers, und dass er sie statt im Kino im wahren Leben spielt. Womit Martin Suter gleich mal ein Spiegelmotiv einführt, eine Mise en abyme, die beglaubigt, wie viel der Schweizer Autor Suter der romantischen Literatur verdankt.

Aber Suter hat nicht nur E.T.A. Hoffmann und Dumas gelesen. Er kennt auch seinen Hitchcock und seinen Michelangelo Antonioni. Der Roman beginnt damit, dass jemand die Notbremse zieht im Intercity nach Basel, ein Personenschaden, heißt es, und dieses Wort ist genauso zynisch, wie es die Kommentare der Reisenden sind. Sie empfinden diese Art, sich umzubringen, als unsozial, sehen darin einen Anschlag auf den wohlverdienten Feierabend.

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Es ist ein perfides Kammerspiel, das Suter am Anfang inszeniert. Auf engstem Raum porträtiert er das Milieu der Berufspendler, zeigt das gehetzte, verschwitzte Proletariat der Finanzwirtschaft, Sklaven auf dem Ruderdeck der Galeere namens Globalisierung. Aufs Geratewohl filmt Jonas Brand ein wenig im Zug, sammelt ein paar O-Töne, ein journalistischer Reflex, nicht mehr. Und hier kommt Antonionis "Blow Up" ins Spiel, der Film, dem Martin Suter seine Reverenz erweist. Denn mit seiner Kamera hat Jonas Brand ein wichtiges Detail eingefangen, das ihm später das Verbindungsstück liefern wird zu einem ganz anderen Vorfall, einem, der zunächst in keinem Zusammenhang mit dem Personenschaden zu stehen scheint.

Als Brand das Wirtschaftsgeld für seine Haushälterin herauslegt, entdeckt er, dass die beiden Hundert-Franken-Scheine identische Seriennummern aufweisen, und vermutet Falschgeld. Er geht der Sache nach, ohne Erfolg. Dann wird in seine Wohnung eingebrochen und alles verwüstet, kurz darauf schlagen ihn Unbekannte auf der Straße zusammen. Doch als sich plötzlich die Möglichkeit bietet, sein eigentlich längst beerdigtes Filmprojekt zu realisieren, verfliegt sein Interesse. Er will nicht sehen, aus welchem Grund sich die Fördertöpfe so wundersam aufgetan haben könnten. Vielleicht hat es mit den Einschüchterungsversuchen zu tun. Jemand will ihn von seinen Nachforschungen abbringen.

Mitten in der Midlife-Crisis muss Jonas, der zum Staatsfeind Nummer eins aufgestiegene Naivling, sich entscheiden: Will er als Filmregisseur Karriere machen oder als Enthüllungsjournalist, als Illusionskünstler oder als einer, der die Wahrheit ans Licht bringt? In die eine Richtung drängt ihn sein Freund Max, ein gewesener Polit-Anchorman beim Fernsehen, den der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen hat. Max recherchiert weiter und stößt auf den Fall eines Derivate-Händlers, der einen zweistelligen Milliardenbetrag verzockt und sich kurz darauf das Leben genommen hat. Jonas indessen gibt fürs Erste seiner neuen Liebe Marina nach und stürzt sich in die Dreharbeiten.

Dass die schöne, exotisch wirkende Marina dabei nicht nur von romantischen Motiven getrieben wird, verleiht der frischen Beziehung Züge einer erotischen Farce. In einer Szene stellt Suter sie nackt bis auf eine aus zwei Küchentüchern improvisierte Schürze an den Kochherd, als wäre sie dem Pirelli-Kalender entsprungen. Hier ist Suter deutlich zu viel Testosteron aus der Feder geflossen, und das wird nicht ganz dadurch ausgeglichen, dass er hinter dem Rücken seiner Figuren das Gift der Intrige in Marinas Tomatensugo rührt.

Auftragskiller mit E-Zigarette im Mundwinkel

Suters dreiteilige These: weil alle genauso weitermachen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Bankenkrise kommt. Und weil der Staat die Finanzinstitute nicht noch einmal retten wird, scheuen sie vor keinem Mittel zurück. Doch weil alle darin verstrickt sind, wird Wirtschaftskriminalität irgendwann zur Staatsräson erklärt. Suter hat einen Kriminalroman geschrieben, der alle Kriminalromane in sich vereint. Die Behauptung, dass es kein Verbrechen gebe, wenn es keiner mehr beim Namen nennt, das, so Suter, ist das größte Verbrechen von allen.

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Nie zuvor hat der Verschwörungstheoretiker Suter so gut zusammengearbeitet mit dem Beschwörungspraktiker Suter. Den verspiegelten Fassaden der Global Player, hinter die man nie richtig dringt, setzt er Zürcher Lokalkolorit entgegen. Und er sagt ganz genau, wie viel Geld eigentlich 8,4 Milliarden in Hundert-Franken-Scheinen sind: ein Lastwagen voll, achtzehn Paletten.

Wunderwerk der Konstruktion

Hervorragend gelingt es ihm, eine Atmosphäre seelenloser Professionalität zu erzeugen, die ebenso an die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt denken lässt wie an Anton Corbijns Film "A Most Wanted Man". Zum Beispiel, wenn er einen Auftragskiller nicht als brutale Hackfresse zeichnet, sondern als hochqualifizierten Freelancer mit einer umweltschonenden E-Zigarette im Mundwinkel. Dass der Mann auch noch Opern liebt, ist eigentlich fast schon zu viel, wäre es nicht wieder eine Verneigung vor einem großen Film, Billy Wilders "Manche mögen's heiß", in dem die Mobster sich als Freunde der italienischen Oper tarnen.

"Montecristo", der in dieser Woche die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste erklommen hat, also Suters Stammplatz, ist ein Wunderwerk der Konstruktion. Großartig allein schon, wie er das alte Motiv der Schatzsuche in allen Varianten durchspielt, von der Geheimschublade in einer asiatischen Statue über das Bankschließfach bis zum Computer-File. Und dass Suter die Spur irgendwann erkalten lässt wie eine schlecht angerauchte Montecristo, darin besteht sein bester Trick. Als wollte er sagen, dass eigentlich die Wirklichkeit der wahre ungelöste Fall ist. Und dass die Zigarre nur noch bitter schmeckt, wenn es die Welt selbst ist, die brennt.