"Montecristo" von Martin Suter Die Bank gewinnt

Martin Suter, 1948 in Zürich geboren, arbeitete unter anderem als Journalist und gründete 1981 eine Werbeagentur. Sein erster Roman erschien 1997.

(Foto: dpa)

Klar, dass Martin Suters neues Buch gleich auf dem Stammplatz des Autors gelandet ist: Platz eins der Bestseller-Liste. Der Wirtschaftskrimi "Montecristo" ist ein Meisterwerk der Desillusionierung.

Von Christopher Schmidt

Drei Morde geschehen in diesem Roman, drei Morde, für die sich keiner interessiert, am wenigsten die Polizei. Zu mächtig sind die Kräfte der Finanzwirtschaft, die hier greifen, mächtiger als Politik und Staatsgewalt. Wie weit die Hochfinanz in das Leben Einzelner hineinwirkt und selbst die privatesten Beziehungen korrumpiert, das führt Martin Suter mit unbestechlichem Blick und kaltem Grimm in seinem neuen Buch vor, einem globalen Wirtschaftskrimi.

"Montecristo" heißt der Roman, genauso wie das Drehbuch von Suters Hauptfigur Jonas Brand, der von einer Karriere beim Film träumt, sich einstweilen aber als Videoreporter eines Lifestyle-Magazins durchschlägt. Ein zeitgemäßes Remake des berühmten Abenteuerromans "Der Graf von Monte Christo" will er drehen - über einen jungen Dotcom-Unternehmer, dem seine Geschäftspartner Heroin ins Gepäck schmuggeln lassen, woraufhin er in einem thailändischen Gefängnis verschwindet wie Edmond Dantès bei Alexandre Dumas in den Kerkern des Château d'If. Der Unterschied liegt in der Schreibweise: "Montecristo" spielt an auf den ikonischen Bonzen-Lolli, die bevorzugte Zigarre der Entscheider.

Suter zeigt das gehetzte, verschwitzte Proletariat der Finanzwirtschaft

Noch ahnt Jonas Brand nicht, dass seine Rolle bei diesem Film weniger die des Regisseurs sein könnte als vielmehr die des Hauptdarstellers, und dass er sie statt im Kino im wahren Leben spielt. Womit Martin Suter gleich mal ein Spiegelmotiv einführt, eine Mise en abyme, die beglaubigt, wie viel der Schweizer Autor Suter der romantischen Literatur verdankt.

Aber Suter hat nicht nur E.T.A. Hoffmann und Dumas gelesen. Er kennt auch seinen Hitchcock und seinen Michelangelo Antonioni. Der Roman beginnt damit, dass jemand die Notbremse zieht im Intercity nach Basel, ein Personenschaden, heißt es, und dieses Wort ist genauso zynisch, wie es die Kommentare der Reisenden sind. Sie empfinden diese Art, sich umzubringen, als unsozial, sehen darin einen Anschlag auf den wohlverdienten Feierabend.

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Es ist ein perfides Kammerspiel, das Suter am Anfang inszeniert. Auf engstem Raum porträtiert er das Milieu der Berufspendler, zeigt das gehetzte, verschwitzte Proletariat der Finanzwirtschaft, Sklaven auf dem Ruderdeck der Galeere namens Globalisierung. Aufs Geratewohl filmt Jonas Brand ein wenig im Zug, sammelt ein paar O-Töne, ein journalistischer Reflex, nicht mehr. Und hier kommt Antonionis "Blow Up" ins Spiel, der Film, dem Martin Suter seine Reverenz erweist. Denn mit seiner Kamera hat Jonas Brand ein wichtiges Detail eingefangen, das ihm später das Verbindungsstück liefern wird zu einem ganz anderen Vorfall, einem, der zunächst in keinem Zusammenhang mit dem Personenschaden zu stehen scheint.

Als Brand das Wirtschaftsgeld für seine Haushälterin herauslegt, entdeckt er, dass die beiden Hundert-Franken-Scheine identische Seriennummern aufweisen, und vermutet Falschgeld. Er geht der Sache nach, ohne Erfolg. Dann wird in seine Wohnung eingebrochen und alles verwüstet, kurz darauf schlagen ihn Unbekannte auf der Straße zusammen. Doch als sich plötzlich die Möglichkeit bietet, sein eigentlich längst beerdigtes Filmprojekt zu realisieren, verfliegt sein Interesse. Er will nicht sehen, aus welchem Grund sich die Fördertöpfe so wundersam aufgetan haben könnten. Vielleicht hat es mit den Einschüchterungsversuchen zu tun. Jemand will ihn von seinen Nachforschungen abbringen.

Mitten in der Midlife-Crisis muss Jonas, der zum Staatsfeind Nummer eins aufgestiegene Naivling, sich entscheiden: Will er als Filmregisseur Karriere machen oder als Enthüllungsjournalist, als Illusionskünstler oder als einer, der die Wahrheit ans Licht bringt? In die eine Richtung drängt ihn sein Freund Max, ein gewesener Polit-Anchorman beim Fernsehen, den der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen hat. Max recherchiert weiter und stößt auf den Fall eines Derivate-Händlers, der einen zweistelligen Milliardenbetrag verzockt und sich kurz darauf das Leben genommen hat. Jonas indessen gibt fürs Erste seiner neuen Liebe Marina nach und stürzt sich in die Dreharbeiten.

Dass die schöne, exotisch wirkende Marina dabei nicht nur von romantischen Motiven getrieben wird, verleiht der frischen Beziehung Züge einer erotischen Farce. In einer Szene stellt Suter sie nackt bis auf eine aus zwei Küchentüchern improvisierte Schürze an den Kochherd, als wäre sie dem Pirelli-Kalender entsprungen. Hier ist Suter deutlich zu viel Testosteron aus der Feder geflossen, und das wird nicht ganz dadurch ausgeglichen, dass er hinter dem Rücken seiner Figuren das Gift der Intrige in Marinas Tomatensugo rührt.