"Monte Verità" im Kino:Zurück zur Natur

Lesezeit: 3 min

"Monte Verità" im Kino: Atemberaubende Präzision: Maresi Riegner als Hanna.

Atemberaubende Präzision: Maresi Riegner als Hanna.

(Foto: DCM)

Der Spielfilm "Monte Verità" erzählt von einer berühmten Schweizer Aussteigerkolonie, in der auch Hermann Hesse entspannte.

Von Doris Kuhn

Monte Verità ist ein Ort im Schweizer Kanton Tessin, von Ascona aus ein bisschen bergauf, dort gibt es jetzt ein Hotel, ein Konferenzzentrum, einen Zen-Garten. Vor 120 Jahren allerdings stand "Monte Verità" nicht nur für einen Ort, sondern für eine Idee. Anfang des vergangenen Jahrhunderts kaufte eine Gruppe von Freigeistern auf dem Berg vier Hektar Land, um dort zu siedeln. Der Plan war, einem alternativen Lebensstil nachzugehen, frei von gesellschaftlichen Vorschriften, nah an der Natur. Monte Verità bot Raum für Experimente aller Art, je innovativer, desto besser. Das wurde zum Lockruf für Künstler, Anarchisten, Psychologen, Philosophen, die sich der Gemeinschaft sukzessiv anschlossen.

Um diesen Mythos der Sozialutopie aufleben zu lassen, hat Stefan Jäger einen Kinofilm gemacht, der zeigt, was ein Aufenthalt auf dem Berg anstiften oder abmildern konnte, was dort an Kraft oder Kritik freigesetzt wurde. Es ist ein Spielfilm, eine Fiktion also, die sich nichtsdestotrotz an historischen Figuren orientiert. Man lernt die damaligen Bewohner kennen, sieht ein paar der prominenten Gäste wie Hermann Hesse oder Isadora Duncan, nur die Heldin Hanna Leitner ist ausgedacht, genauso wie ihre Geschichte.

Nackt auf dem Berg: An das FKK-Bedürfnis mancher Bewohner muss Hanna sich gewöhnen

In Hannas Wiener Wohnung beginnt der Film, in ihrer Ehehölle mit dem Gatten Anton und zwei Töchtern. Anton arbeitet in der neuen Technik der Fotografie, sehr vorsichtig, auf seinen Gruppenfotos muss man die Luft anhalten, um das strenge Konzept von Auf- und Darstellung einzuhalten. So ähnlich geht er mit seiner Familie um: Hanna lebt quasi mit angehaltenem Atem, um kollisionsfrei durch alle Pflichten und Zwänge des Alltags zu manövrieren. Heute, zwischen Genderstern und Frauenfußball, ist es schmerzhaft spannend zu sehen, wie Frauen einst versuchten, sich unsichtbar zu machen, um den vielen Maßregelungen zu entgehen, die ihre bloße Existenz schon rechtfertigte.

Hanna jedenfalls leidet physisch wie psychisch, bis zu dem Moment, an dem sie aus dem Bett heraus vor dem lüsternen Gatten wegläuft. Diese Flucht zeigt Jäger dramaturgisch ziemlich spektakulär in zwei Teilen, dann schickt er Hanna mit dem Zug zum Aufenthaltsort des Psychiaters Otto Gross nach Monte Verità. Dort arbeitet Gross in einer Art Sanatorium, das nicht mal entfernt dem entspricht, was Hanna sich vorgestellt hat: Man wohnt in Hütten, trägt lose Kleidung oder verzichtet ganz darauf, Gartenarbeit und Spaziergänge gelten als Therapie. Hannas erste Begegnung mit der Freiheit wird also kein Glücksmoment, stattdessen lässt der Regisseur sie mit Furcht und Empörung reagieren, das ist eine kluge Interpretation dessen, was das bürgerliche Korsett anrichtet.

Die Darstellerin von Hanna, Maresi Riegner, vermittelt die Gefühle ihrer Figur mit atemberaubender Präzision. Ihr allein kann man bestens zuschauen, aber auch die anderen Frauen um sie herum sind stark und eigenwillig, sie machen den Kontrast zur Konvention, zu einer aufregenden Sache. Jäger setzt die Frauen in Bilder, deren Leuchtkraft die entspannte Stimmung am Monte Verità illustriert, die Landschaft über dem Lago Maggiore tut das Übrige - eine äußere Freiheit wird sichtbar, die Rettung durch Natur tatsächlich nachvollziehbar. Gleichzeitig erlebt man, wie die Abwesenheit von Repression auf Menschen wirkt, das reicht von Nacktpartys bis zur Entdeckung eigener Talente.

Hanna erinnert sich an ihren Gatten und die Fotografie und beginnt, zum ersten Mal in Eigenverantwortung, das Leben auf dem Monte Verità abzulichten. Das wird von Jäger schön als Gegensatz zu dem inszeniert, was man anfangs bei ihr zu Hause sah. Hanna nimmt die Bewegung auf, die der Film überall anbietet, die Bäume im Wind, das Schwingen der Haare oder Röcke, den Tanz. Sie bittet diejenigen, die sie vor die Kamera holt, extra darum, nicht stillzuhalten, sodass Bilder entstehen, die nicht nur die bisher gültige Starre von Fotos aufbrechen, sondern als Rebellion gegen die Starre der Gesellschaft gelten können. Die Bewegung spiegelt Hannas zunehmende Freiheit, die über ein paar fiktionale Schlenker wie Liebe, Ruhm oder Tod letztlich dazu führt, dass sie die Berufung zur Künstlerin ernst nimmt, obwohl sie das vom Monte Verità entfernt. Aber bis dahin hat man begriffen, dass Autonomie nicht von selber kommt: Ein Wille muss erkennbar sein.

Monte Verità, Schweiz/Österreich/Deutschland 2021. Regie: Stefan Jäger. Mit Maresi Riegner, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch. DCM, 116 Minuten. Kinostart: 16.12.2021.

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