Monografie Rauchende Rollkragen-Pullover

Die Londoner Autorin Sarah Bakewell setzt sich ins "Café der Existenzialisten" und findet Freizügigkeit, Swing und Hedonismus als gelebte Theorie einer aufregenden Ära.

Von Willy Hochkeppel

Die Jahre von 1945 bis etwa 1960 waren die Epoche einer glanzvollen französischen Renaissance nach dem deprimierenden Sieg der Deutschen 1940. Französisches Theater, französische Filme, Romane, Mode und Philosophie dominierten, zusammen mit dem heraufkommenden amerikanischen Zeitalter, das kulturelle Klima Europas. Es war vornehmlich der französische Existenzialismus, der eine erregende Atmosphäre neuer Freizügigkeit heraufbeschwor. Die genannte Periode wurde keineswegs als die vielbelästerten Fünfzigerjahre erlebt, schon deshalb nicht, weil man ja all das bisher Unterdrückte als brandneu erfuhr, namentlich in Deutschland. Auch das macht die Londoner Autorin Sarah Bakewell mit ihrem Buch "Das Café der Existenzialisten" klar.

Der beste Jazztänzer von Paris war der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty

Der Existenzialismus des omnipräsenten Jean-Paul Sartre war unvermeidliches Thema ewiger Diskussionen, nicht enden wollender Nächte, in von Rauch- und Alkoholdunst geschwängerten Kneipen und Kellern, wo zu Jazzrhythmen die Zazous in überlangen Zweireihern und Ringelsöckchen swingten. Dies anscheinend hedonistisch-hemmungslose Leben verstand sich als angewandte Theorie. Und die Theorie Sartres besagte: Zuerst ist da die nackte Existenz, blankes Dasein. Sein geistiges Wesen, seinen Charakter, seine Essenz, sein Sosein bringt niemand mit, und es ist niemandem von Gott gegeben, vielmehr erschafft jeder handelnd sich selbst, kreiert seine Person. Wir sind nicht nur frei, wir sind nachgerade zur Freiheit verurteilt, verdammt.

Dieses basale Schema des atheistischen Existenzialismus hat Sartre mal in philosophischen Texten, mal in Romanen, Theaterstücken oder Essays grandios durchexerziert. Erste deutsche Ausgaben seines Œuvres erschienen in höllenroter Schrift auf pechschwarzem Grund. Was da drin stand, vernebelte indes lange Zeit die Köpfe derjenigen, die sich für Existenzialisten hielten; sie verbanden damit ein vermeintlich philosophisch legitimiertes Ausleben ihrer Lüste, betäubten derart die gleichzeitige Angst vor einer erdrückenden, nicht-enden Freiheit.

Für ihn, so schrieb Sartre an seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, seien "sein Leben und seine Philosophie eins". Demgemäß hatte sein Denken, seine Reflexion etwas Sinnliches, war gleichsam fühlbar, lebbar, Begriffe und Bilder, Terminologisches und Alltagssprachliches gingen ineinander über. Die Autorin Sarah Bakewell findet schon bei Heidegger, dem "großen Philosophen der Alltäglichkeit" neben seiner "kitschigen NS-Heimatromantik" die Wirklichkeit in Gestalt von schlichten Dingen wie Tischen, Stühlen, Schuhen fassbar gemacht. Sartre traktiert überdies das Klebrige, Schleimige, Dümmlich-Faktische des Seins (des "en-soi") samt dem Ekel davor. Parallelen zur später aufkommenden Fraktalen Geometrie bieten sich an, wo das Raue, Zerfaserte, Wolkige, Gebrochene, Irreguläre in den Blick gerät.

Bakewell hat sich mit diesem Buch vorgenommen, ein Panorama des historisch gewordenen Existenzialismus inklusive seiner Protagonisten zu entwerfen und es in seinem einst berauschenden Klima nachempfindbar zu machen. Zugleich will sie die freiheitlichen und humanitären Impulse der Bewegung in unsere Zeit hinüberretten. Es gelingt ihr, die charakteristischen Züge dieser durchaus auch modisch-effekthascherischen "Lebensphilosophie" ohne allzu große Abstriche nachzuzeichnen und dabei nahezu alle maßgeblichen Denker dem "Blick des anderen", dem heutigen Leser, vorzuführen: Am Anfang steht der religiös belastete Kierkegaard als Urheber der Existenzphilosophie; er wird von Karl Jaspers wiederbelebt. Husserl und entscheidend Heidegger prägen die Fundamente des französischen Existenzialismus noch bei Albert Camus und Simone de Beauvoir. Im Zentrum der Szene bleibt indes stets Jean-Paul Sartre.

Bakewells Geschichte ist spannend zu lesen, weil sie einfach spannend war, und überdies, weil die Autorin das Strenge mit kaum oder gar nicht bekannten Pikanterien aus den Viten der "Mandarine von Paris" auflockert. Etwa dass der große Sartre nur 1,53 Meter groß war. Oder wie sich Sartre dem einstigen Studienkollegen Raymond Aron entfremdete, und welche amerikanischen und sonstigen Liebhaber Simone de Beauvoir hatte. Oder dass das Treffen der beiden Dioskuren Sartre und Heidegger 1953 in Zähringen wie das Hornberger Schießen endete, und dass, nach Juliette Gréco, der den Körper philosophiereif machende Freund Maurice Merleau-Ponty der beste Jazztänzer des Pariser Intellektuellenviertels gewesen sei. Schließlich noch, dass Sartre wenig Deutsch und noch weniger Englisch konnte, und sich am Ende von der prosowjetischen und maoistischen Attitüde lossagte.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Café der Existenzialisten stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Sarah Bakewell erzählt diese aufregende europäische Nachkriegsgeschichte begeistert, doch in eher nüchterner Sprache, ironische Pointierungen liegen ihr nicht. Das Faszinosum Sartre zeichnet Bakewell schließlich eher steckbriefartig: "Was diesen Denker so aufregend (und schockierend)" machte: "Seine Fehleinschätzungen, seine eklatanten Instinktlosigkeiten, seine Streitlust und seine Schreibwut". Und was sie zu Heideggers Ergüssen weiß, kann man partiell dem französischen Existenzialismus nachsagen: "Wenn ich diese Texte heute lese, sagt ein Teil von mir 'Was für ein Unsinn!', während der andere Teil so begeistert ist wie damals."

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. Aus dem Englischen von Rita Seuß. 448 Seiten mit 26 Abbildungen. Verlag C.H. Beck, München 2016. 24,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.