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"Artur Lanz" von Monika Maron:Hör sie lachen

Monika Maron

Der Hund kommt auch vor im neuen Roman der Schriftstellerin Monika Maron.

(Foto: Jonas Maron)

In Monika Marons neuem Roman "Artur Lanz" geht es um altes Heldentum, und mal wieder um angebliche neue Denkverbote. Das härteste Tabu erlegt sich ihre Hauptfigur aber selber auf.

Von Marie Schmidt

Dieses Buch hat zwei implizite Leser, die sich nicht leiden können. Dass literarische Texte ihre idealtypischen Leser mit entwerfen, hat die Erzähltheorie schlau festgestellt: Leser für die eine bestimmte Sprachebene und rhetorische Tricks gedacht sind, denen man manche Aspekte einer Geschichte erklären muss, während anderes sich von selbst versteht. "Artur Lanz", der neue Roman von Monika Maron, rechnet mit mindestens zwei verschiedenen Leserfiguren: Die eine empört sich. Über die Frage der Erzählung "was mit den Männern unserer Hemisphäre geschehen war, dass man sie sich als Helden nicht einmal mehr vorstellen konnte", oder über blöde Sprüche wie: "Sie befürchtete, dass manche Männer nur schwul geworden seien, weil sie sich nur noch bei Männern wie Männer fühlen durften." Die andere lacht verschwörerisch mit der Erzählerin über die Empörung der ersten.

Maron schmückt ihren Roman mit dem ausgelutschten Heldenmotiv aus

Für den ersten Typus ist "Artur Lanz" kein Roman, sondern eine Falle. Der Plot des Buches ist nämlich umständlich aufgebaut, um zu zeigen, was Monika Maron auch in Interviews und Zeitungsartikeln sagt: Dass in der deutschen Gesellschaft heute bestimmte Meinungen und Charaktere durch eine gezielte Empörungsbereitschaft zum Schweigen gebracht werden sollen. Dieses Argument wird in letzter Zeit nicht nur von ihr häufig bemüht, im Zusammenhang mit dem Begriff "Cancel Culture" etwa. Was da dran ist, kann man nur schwer herausfinden, weil die Vorstellung selbst keiner Überprüfung zugänglich ist. Von Einwänden oder Gegenintuitionen fühlt sie sich immer nur bestätigt: Man soll wohl dazu gebracht werden, umzudenken, man darf also nicht mehr denken und sagen, was man will. "Ach, du lieber Gott!", lässt Monika Maron eine Nebenfigur, eine Stellvertreterin der empörten Leserin in der Handlung, zu dem Heldenthema ausrufen. Eine andere meint: "Wenn schon, dann Heldinnen". Die Erzählerin sieht sich bestärkt: "Wir hatten kein Bild mehr von einem Helden, schon das Wort war verdorben". Und Monika Maron schmückt diesen ganzen Roman mit dem angeblich unmöglichen, eigentlich aber doch reichlich ausgelutschten Heldenmotiv aus.

Darin trifft also die Ich-Erzählerin Charlotte Winter, etwa im Alter der 1941 geborenen Maron, einen Mann in seinen Fünfzigern namens Artur Lanz. Sie kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass er so heißt, weil "meine heldenverliebte Mutter mit der Verbindung von Artur und Lanz die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte. König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint". Charlotte Winter regt das zu allerlei Recherchen darüber an, warum Heldentum zum Leben zeitgenössischer Männer wie Artur Lanz so gar nicht zu passen scheint.

Dann kommt es doch noch zum Schwur. Dieser Lanz arbeitet nämlich in einem Institut, das Kunststoffbeschichtungen entwickelt, um Vögel und Insekten von den Rotorblättern von Windkraftanlagen fernzuhalten. Ein Freund und Kollege dort pflegt ein obsessives Verhältnis zur Klimapolitik und postet auf Facebook: "Wir marschieren geradewegs ins Grüne Reich, diesmal nicht über die Autobahn, sondern über Stromtrassen!" Für die Geschmacklosigkeit muss er sich vor seinen Kollegen rechtfertigen, eine Kollegin regt sich besonders auf, "von der manche behaupten, in ihren Adern fließe grünes Blut". Die schaltet die Vorgesetzten ein, und den Testfall für den Heldenmut des heutigen Mannes sieht der Roman in der Frage, ob Lanz zu seinem Freund halten wird, auch wenn er findet, dass er Blödsinn redet.

Ochsenschwanz, Himbeertarte und phrasenhafter Wortwechsel

Es muss die seit frühen Romanen wie "Flugasche" (1981) oder "Stille Zeile Sechs" (1991) bis zu "Munin oder Chaos im Kopf" (2018) so gepriesene stilistische Leichtigkeit der Schriftstellerin Monika Maron sein, die aus einer dermaßen papierenen Konstruktion überhaupt eine Geschichte werden lässt. Weniger liegt es an den Pappnasen der alternden Kulturbourgeoisie, deren Abende Maron aufzeichnet, mit Ochsenschwanz, Himbeertarte und phrasenhaften Wortwechseln. Auch ihre Erzählerin schont sie nicht, lässt sie ihre nicht minder stereotypen Beobachtungen (Männer können nicht alleine sein und leisten sich jüngere Frauen, Leute mit inopportunen Meinungen werden zu Rechten gestempelt) mit ihrer Umwelt abgleichen und immer wieder in Gelächter ausbrechen, "weil das Erwartbare ... sich selbst übertroffen hatte."

Dieses Gelächter im Ohr, mag man sich gar nicht erst mit den Triggern aufhalten, die Maron für ihre Erwartung an links-grüne Empörung im Roman ausgelegt hat: die Oswald-Spengler-Zitate, die misogynen Ausfälle, die Kautelen, wenn es um Rassismus geht. Das alles ist so sehr rhetorischer Selbstzweck, wie die Behauptung, es dürfe über alles mögliche nicht gesprochen werden, während unablässig darüber geredet wird. Aber einen schräg interessanten Ton hört man eben doch aus Charlotte Winters abgeklärtem Lachen heraus.

Ein Netzwerk nationalistisch und xenophob argumentierender Autoren

Monika Maron hat es in einem Essay für die NZZ einmal "Unser galliges Gelächter" genannt. Der Text steht jetzt übrigens auch in einem Band, den sie in einer Reihe der Buchhändlerin Susanne Dagen herausgebracht hat. Um deren "Buchhaus Loschwitz" hat sich ein Netzwerk nationalistisch und xenophob argumentierender und gegen eine gefühlte "Gesinnungsdiktatur" wetternder Autoren gebildet, zu denen Uwe Tellkamp, Jörg Bernig oder Ellen Kositza gehören. Marons Essayband ist der Name der Buchreihe "Exil" aufgeprägt, was prätentiös und anmaßend wirkt. Sie sei damit "nicht glücklich, ich bin ja nicht im Exil", sagte Maron kürzlich der Berliner Zeitung im Interview, aber unter dem Stempel stehen ihre Texte jetzt nun mal.

Maron, deren Debütroman über die Umweltverschmutzung im Braunkohlegebiet Bitterfeld in der DDR nicht erscheinen durfte, ist 1988 in die BRD gegangen. Nicht viel vermisse sie an der DDR, schreibt sie in dem Essay, nur das Lachen, das gallige, mit dem man sich die Absurdität des sozialistischen Alltags vom Hals geschafft habe. Jetzt sei es wieder da, auch wenn es sich nicht mehr gegen Staat und Partei richte. Angesichts einer "Deutungsmacht, die blindlings mit Verdächtigungen und Diffamierungen um sich werfen darf", könnten einen "alte Gefühle eben überkommen".

"Genderisierte Sprachverstümmelung" und "schlecht ausgebildete, fremde junge Männer"

Worin diese "Deutungsmacht" konkret bestehen soll, sagt sie nicht, dafür ist der Text voller Grobheiten gegen "genderisierte Sprachverstümmelung" und "schlecht ausgebildete, fremde junge Männer". Das Irritierende daran ist, dass das Geschimpfe nicht nur schlechte Gefühle transportiert. Maron schreibt: "Die Erinnerung an unser galliges Gelächter habe ich bewahrt wie die Erinnerung an alles, das schön war in dieser Zeit: die Jugend, Liebe, Freundschaft." Da gibt es ein Heimweh nach Bitternis, eine Sehnsucht nach etwas, das man sich eigentlich nicht zurückwünschen kann. Mit dieser widersprüchlichen Sentimentalität im Kopf liest sich "Artur Lanz" noch einmal anders. Unter dem Gerede über angebliche Tabus fällt plötzlich auf, worüber Charlotte Winter wirklich nicht reden will, nämlich warum sie sich so für diesen Artur entzündet. "Mitleid" empfinde sie für Männer, heißt es, seit sie "vor zwanzig Jahren, mit meiner letzten Scheidung" alles erotische Interesse abgeschafft habe. Das betont sie so oft, dass man sich fragt, ob sie sich da nicht selbst ein fieses Denkverbot auferlegt hat, und warum sie unter all den Aspekten altmodischer Männlichkeit ausgerechnet das langweilige Heldentum wiederbeleben will, und nicht zum Beispiel die Gabe, sich auch im hohen Alter seines Begehrens nicht zu schämen.

Wo "Jugend, Liebe, Freundschaft" war, spürt diese Frau jetzt, wie "man allmählich aus der Welt rauswächst", ein Zustand der "zunehmenden Müdigkeit und nachlassenden Neugier". In ihrem Roman "Munin oder Chaos im Kopf" hat Monika Maron 2018 beschrieben, wie eine ältere Frau ihre politisierten Ängste in die komisch-unheimliche Figur einer sprechenden Krähe abspaltet. In "Artur Lanz" erzählt sie von einer Altersdepression. An der Stelle, an der ihr der innere Antrieb fehlt, pflanzt Charlotte Winter das phallische Heldenmotiv auf. Es fordert eine merkwürdig erkaltete Form von Treue und Kampfeslust. Was immer man davon ideologisch halten mag, ist das eine erstaunliche Figurenpsychologie des rechten Spektrums.

Monika Maron: Artur Lanz. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 224 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 12.08.2020/vbl

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