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Monika Maron bei Hoffmann und Campe:Französische Zustände

Für Hoffmann & Campe - im Bild das Hamburger Verlagshaus - gebe Maron Impulse "für eine lebendige Demokratie".

(Foto: Hoffmann und Campe)

Monika Marons Bücher erscheinen jetzt bei Hoffmann und Campe. Bedeutet ihre Verpflichtung einen Richtungswechsel für den Verlag? Oder ist es die konsequente Fortsetzung eines pluralistischen Programms?

Von Felix Stephan

Am 30. April 1840 berichtete Heinrich Heine in einem seiner Briefe aus Paris vom erbarmungswürdigen Zustand der französischen Republikaner. Wenn es keinen Krieg gebe, so Heine betrübt, überwürfen sie sich ständig wegen Kleinigkeiten, statt das gemeinsame Ziel im Blick zu behalten. Anlass war eine publizistische Personalie: In der Woche zuvor hatten zwei scharfzüngige Autoren das wichtigste Organ der Republikaner verlassen, die Revue du progrès, nachdem deren Chefredakteur, Louis Blanc, ebenfalls "unstreitig ein ausgezeichneter Kopf", erklärt hatte, Theaterzensur sei in bestimmten Fällen notwendig.

Dass sich die besten freiheitlich gesinnten Autoren von Paris über solcherlei Meinungsverschiedenheiten gleich entzweiten, brachte den exilierten Heine schier zur Verzweiflung, und fast schien er ihnen einen Krieg zu wünschen, der sie wieder aneinanderketten würde: Der "argwöhnische Geist dieser Leute muss durch die That beschäftigt werden, sonst geräth er in spitzfindige Diskussionen und Zwistreden, die in bittere Feindschaften ausarten." In Buchform erschien die Sammlung von Heines "Kunstberichten aus Paris" später unter dem Titel "Lutetia" beim Verlag Hoffmann und Campe.

Auf den "freiheitlichen Geist" Heinrich Heines berief sich jetzt auch die Schriftstellerin Monika Maron in einer ersten Stellungnahme, als ebenjener Verlag sie als seine neue Autorin vorstellte. Nachdem der S. Fischer Verlag, der ihre Bücher 40 Jahre lang verlegt hat, nicht länger mit ihr zusammenarbeiten wollte, erscheinen Monika Marons Bücher fortan bei Hoffmann und Campe. Schon Anfang Dezember soll die Erzählung "Bonnie Propeller" erscheinen, für April 2021 ist der Essayband "Was ist eigentlich los?" angekündigt. Zugleich arbeite die 79-jährige Autorin schon an einem weiteren Roman, der ebenfalls in dem Hamburger Traditionshaus erscheinen soll. Vollzieht der Verlag damit einen Richtungswechsel?

Womöglich ja: Verleger Tim Jung ist gerade erst ein gutes Jahr im Amt, und unter seiner Vorgängerin Birgit Schmitz hatte sich der Verlag eher auf Titel konzentriert, die die Themenkomplexe Rassismus und Kolonialismus genau von der anderen Seite betrachteten als Monika Maron, nämlich von links. 2019 etwa erschien der erstmals ins Deutsche übersetzte Abolitionismus-Roman "Ein anderer Takt" von dem afroamerikanischen Schriftsteller William Melvin Kelley, kurz darauf auch der Band "Wessen Erinnerung zählt?", in dem der Historiker Mark Terkessidis über die Zusammenhänge zwischen der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und dem Rassismus der Gegenwart nachdenkt. Und auch Robin DiAngelos einflussreiche Untersuchung "White Fragility" hatte noch Birgit Schmitz eingekauft. Im Oktober 2019 gab der Verlag die Trennung von Schmitz bekannt, auf sie folgte Tim Jung.

Womöglich ist die Hinwendung zu Monika Maron aber auch gerade kein Richtungswechsel, sondern die konsequente Fortsetzung eines pluralistischen Programms. Die Verpflichtung kommentierte Jung mit den Worten, die Autorin gebe "dem gesellschaftlichen Diskurs, der für eine lebendige Demokratie unabdingbar ist, immer wieder wichtige Impulse". Da klingt ebenfalls Heine an, und dass es ihm um eine "lebendige Demokratie" geht, möchte man ihm gerne glauben. Dass aber ausgerechnet der jüdische Republikaner Heinrich Heine in Anschlag gebracht wird, der viele Jahre im Pariser Exil gelebt hat, um Marons Platz innerhalb der bürgerlichen Öffentlichkeit zu wahren, ist durchaus auch ein bisschen ruchlos. Es ist eine bewährte Strategie der zeitgenössischen antidemokratischen Rechten, ihren Widerstand gegen die Gesinnungsdiktatur mit Zitaten von Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder eben Heinrich Heine auszukleiden, um sich auf diese Weise selbst als Freiheitskämpfer in Pose zu werfen. Dass nun Heinrich Heines eigener Verlag diese Strategie nobilitiert, ist ein Risiko, das er gut kalkuliert haben dürfte. Dass Monika Maron unter anderem Texte in einer rechten Schriftenreihe namens "Exil" beigesteuert und damit Heines politisches Schicksal unmittelbar instrumentalisiert hat, wird den Verantwortlichen jedenfalls nicht entgangen sein.

Andererseits ist die Selbstinszenierung der Rechten als Opfer einer diskursiven Ausschlusskultur politisch überhaupt nur deshalb ertragreich, weil sie auf ein Unbehagen trifft, das von vielen geteilt wird, die sich bislang nicht einmal als konservativ begriffen haben. Und dieses Unbehagen ergibt sich aus dem Eindruck, dass kontroverse Positionen heute härtere und nachhaltigere Konsequenzen nach sich ziehen als noch vor Kurzem. Oft genüge schon eine ungebührliche Nachbarschaft für empfindliche Sanktionen: Als offiziellen Grund für die Trennung von Maron gab die Fischer-Verlegerin Siv Bublitz an, dass Maron Texte im Dresdner Buchhaus Loschwitz veröffentlicht hatte, das mit dem Antaios-Verlag kooperiert, in dem wiederum völkisch-rassistische Schriften erscheinen.

Das ist natürlich legitim, es herrscht Vertragsfreiheit, auch wenn Marons eigene Positionen für eine Trennung im Zweifel genügt hätten. Seit Jahren erklärt die Autorin in Interviews, dass sie den Islam für eine Bedrohung hält, die Gendertheorie für einen "Wahn", die Auflösung traditioneller Familienverbände für den Ursprung gesellschaftlicher Selbstauflösung und Flucht und Migration ganz im Stile Renaud Camus' für eine "Eroberung" Europas.

Viele dieser Aussagen haben die Grenze zum völkischen Denken mühelos überschritten, und doch will man ihr im Lichte ihres Werkes zugute halten, dass es ihr dabei letzten Endes um die Freiheit geht; die Freiheit, auch unhaltbare Positionen zu vertreten und die Grenzen des Diskutablen mal ganz im Ernst auszutesten. Die Frage, die Maron stellt, lautet implizit: Zieht die öffentliche Debatte heute engere Grenzen als das Strafrecht, das erst bei Volksverhetzung aktiv wird? Und sollte es nicht eigentlich andersrum sein?

Wenn man also einmal probeweise unterstellt, dass es in diesem Kulturkampf allen Beteiligten tatsächlich um die Freiheit geht, scheint die Uneinigkeit letztlich darin zu bestehen, was unter dem Begriff genau zu verstehen ist. Zwei Freiheitsbegriffe kollidieren in diesem Zerwürfnis unter Republikanern: die Freiheit, alles sagen zu dürfen und auch im Extremfall nicht gleich sein Recht auf eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe zu verwirken. Und andererseits die Freiheit, sich mit bestimmten Positionen ab einem gewissen Grad der Illiberalität nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, sondern im Gegenteil eine freiheitliche Öffentlichkeit davor zu bewahren, dass man die Meinungsfreiheit zu ihrer Abschaffung missbraucht. Es kollidieren hier also ein positiver und ein negativer Freiheitsbegriff, die Freiheit zu etwas und die Freiheit von etwas.

Die hartnäckige Einzelgängerin Maron bietet sich für diesen Konflikt so günstig an, weil bei der Frage ihres Ausschlusses so viel auf dem Spiel steht. Einerseits ist ihr literarischer Rang unbestritten, andererseits vertritt sie politische Positionen, die für viele unerträglich sind. Gelänge es, selbst jemanden wie sie aus dem Geltungsbereich des Bürgerlichen zu entfernen, hätte sich ein negativer Freiheitsbegriff bis auf Weiteres durchgesetzt. Dass es dazu nun nicht gekommen ist, liegt am Verlag Hoffmann und Campe.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Heinrich Heines Brief aus Paris vom 30. April 1840 sei erstmals in dem Band "Französische Zustände" erschienen. Tatsächlich wurde er in Buchform erst im Jahr 1954 in dem Band "Lutetia" veröffentlicht.

© SZ vom 10.11.2020
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08.04.2020, Berlin - Deutschland: Ingo Schulze, Schriftsteller. *** 08 04 2020, Berlin Germany Ingo Schulze, writer

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