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Monika Helfers neuer Roman "Vati":Nichts wird, wie es war

INTERVIEW VORARLBERGER AUTORIN MONIKA HELFER

"Wenn man nicht alles weiß, kann man es beim Erzählen schöner machen, als es war": die Schriftstellerin Monika Helfer.

(Foto: Stiplovsek Dietmar/picture alliance)

Monika Helfers autofiktionaler Familienroman "Die Bagage" war im vergangenen Jahr ein großer literarischer und kommerzieller Erfolg. Nun folgt die mindestens ebenso gute Fortsetzung "Vati".

Von Cathrin Kahlweit

"Vati" ist ein spröder, ein fast abweisender Titel für 172 Seiten Zartheit und Liebe. Man kann das neue Buch der österreichischen Schriftstellerin Monika Helfer als Ergänzung zu ihrem jüngsten Bestseller, "Die Bagage", lesen - und doch steht es in seiner ganzen Lakonie und Schönheit allein wie ein monolithischer Fels in Helfers Heimat Vorarlberg.

Helfer ist 72 Jahre alt, sie lebt mit ihrem Mann, dem Autor Michael Köhlmeier, in Hohenems und in Wien und hat eine ganze Reihe erfolgreicher Romane verfasst; keiner war so erfolgreich wie zuletzt die Geschichte ihrer Großeltern und ihrer Mutter, die der Dorfgemeinschaft als "Bagage" galten - arm, ausgestoßen, ewig fremd. Ihre Mutter Grete spielt darin eine tragische Rolle, weil der Großvater sie als Kuckucksei, als Kind eines anderen Mannes, ansieht und zeitlebens missachtet.

Nun hat sie sich, nach der Mutter, dem Vater zugewandt, einem stillen, vom Krieg schwer traumatisierten Mann. Im Lungau als uneheliches Kind einer armen Magd geboren, schafft er es dank der Unterstützung eines Honoratioren auf das Gymnasium. Er wird, wie so viele junge Männer, vor dem Abitur eingezogen und als Soldat in den Osten geschickt; aus Russland kommt er mit nur einem Bein wieder zurück. Er hatte Naturwissenschaften, vielleicht Chemie studieren wollen, aber dazu war in den Wirren nach 1945 keine Gelegenheit, so wird er - passenderweise - Verwalter in einem Kriegsopferversehrtenheim. Für die Kinder bedeutet das Idyll und Isolation zugleich.

Der Erfolg des Vorgängers dürfte sich fortsetzen

Die Zeit überschrieb einen Hausbesuch bei Helfer im äußersten Westen Österreichs im vergangenen Sommer mit "Na endlich!", weil die Schriftstellerin mit ihrem letzten Roman, der im vergangenen Jahr Aufsehen erregte, endlich den verdienten internationalen Erfolg hatte. Der dürfte sich nun mit "Vati" fortsetzen. Helfer erzählt ihre Familiengeschichte weiter und doch neu; der Vater steht vor allem als Büchermensch im Mittelpunkt, der keine Monografie aufschlagen kann, ohne daran zu riechen, über den Einband zu streichen, die Papierqualität zu prüfen, der Bücher hütet wie andere Menschen Schätze.

Seine Liebe zu Büchern ist umfassend, existenziell - eine zehrende Zuneigung, die er an die Tochter weitergegeben hat und die, auf völlig unterschiedliche Weise, beider Leben bestimmt. Er lebt mit seiner Bibliothek und für seine Bibliothek, in der genau 1324 Werke standen, ledergebunden, wertvoll; er hat sie gezählt.

Und er lebt viele, überwiegend glückliche Jahre lang, in dem Versehrtenheim auf 1200 Metern Höhe, das er mit seiner Frau, Verwandten und Personal führt und in dem auch die vier Kinder, darunter Tochter Monika, bis zum frühen Tod der Mutter aufwachsen. In einem Standard-Interview sagt Helfer über ihn, je mehr ihr Vater versucht habe, die Kriegszeit zu verkraften und sein Nachkriegstrauma zu verdrängen, desto mehr sei ihm bewusst geworden, "dass ihn diese Zeit einholt. Er konnte nur mit Lesen überleben".

Vor dem Küchenfenster eine Eberesche, auf der sich Vögel tummelten, auf den Wiesen Enzian, den die Kinder der Mutter als Blumengruß ins Haus tragen, und am Waldrand Rehe, die der Mutter aus der Hand fressen. Allabendlich kommen die Gäste zusammen, Kriegsversehrte, Traumatisierte, und doch wird viel gelacht und musiziert. Es ist eine nur scheinbar heile, in Wahrheit aber fragile, brüchige Nachkriegswelt, die Helfer in ihrer sparsamen, eleganten Sprache hintupft, geprägt von verdeckter Armut, Sprachlosigkeit, stiller Eifersucht, Überforderung.

"Ich kann mir Idylle nicht anschauen. Ich kann sie nicht einmal denken."

Die Mutter, eine stille, lebensfremde, von Haushalt und Alltag oft überforderte Frau, die sich lange Stunden in ihr Zimmer zurückzieht, überlässt die Kinder sich selbst - oder Verwandten. Das wird hingenommen; es sind ja immer genug Menschen da, aber eine unausgesprochene Sehnsucht schwebt dennoch über Helfers Roman, denn diese Leerstelle, die auf dem Berg schon spürbar ist, wird später umso entscheidender werden.

Das Bergidyll zerbricht mit einem Knall und endet mit einem Drama. Der Vater kämpft um seine Bücher und damit letztlich um seine eigene Legende; er wird schließlich fast irre an einer Fehleinschätzung, einem Missverständnis eigentlich, das die Familie schwer belastet, bevor es sie endgültig zerreißt. Es folgen, im übertragenen wie im Wortsinne, der Umzug ins Tal und die Mühen der Ebene. Vaterlosigkeit, Mutterlosigkeit, Heimatlosigkeit.

"Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde", schreibt Helfer, und sieht als kleines Mädchen die eigene Zukunft wie die der drei Geschwister voraus: "Man wird fragen: Zu wem gehört die? Und man wird sagen: Ist das nicht egal? Hauptsache, sie kann sich irgendwo hinlegen und kriegt irgendetwas zu essen und benimmt sich in der Schule, später irgendwann werden sie ja wieder zusammenfinden. Heikel sind die ja nicht."

Schritt um Schritt gelingt das Zusammensetzen der Bruchstücke, der Erinnerungen, der Gegenwart. Nichts wird, wie es war. Aber, wie Monika Helfer in ihrem - nur scheinbar mysteriösen, an den Schlussakt ihres großartigen Buches wie angeklebt wirkenden - letzten Satz sagt: "Wir alle haben uns sehr bemüht."

Monika Helfer: Vati. Roman. Hanser Verlag, München 2021. 172 Seiten, 20 Euro.

In die Lebensgeschichte ihres Vaters, ihrer Familie flicht Helfer, in klug eingebetteten Rückblicken und Exkursen, Puzzlestücke aus der jüngeren Gegenwart ein, wie sie das in früheren, fiktionalen Büchern getan hat, die immer auch autobiografische Elemente enthielten. Wiederkehrender Moment ist der Tod ihrer Tochter Paula, die bei einem Bergunfall zu Tode kam. Monika Helfer tagträumt in "Vati", sieht die Farben des Bergs rund um das Kriegsopferversehrtenheim vor sich, das Lilienweiß, das Enzianblau, das Erdbeerrot. Der Tochter hat sie viel davon erzählt.

"Mama, erzähl mir von wo du klein warst", hatte diese als Kind immer gesagt, und wie im Roman über ihre Familie, die "Bagage" , aber auch in "Bevor ich schlafen kann" von 2012 tut sie das auf intensive und zugleich zurückhaltende Weise.

Was sie über die Erinnerung an ihre Tochter Paula schreibt, gilt für ihre ganze berührende, fast lyrische Prosa: "Ich kann mir Idylle nicht anschauen. Ich kann sie nicht einmal denken. Ich will es nicht. Immer ist es, als ob sie gleich zerbricht." Sie könne Schönheit nicht ertragen. Nicht die Eberesche oben vor dem alten Haus am Berg, in dem sie mit Vati und Mutti lebte, nicht die Eberesche unten im Tal, wo die Erinnerung an ihre Tochter lebendig ist.

Wenn sie erzählt, wird die Trauer leicht

Durch die Fiktion, erklärt Helfer dazu im Standard, "erreiche ich eine Vergrößerung, in die ich meine Wahrheit stecken kann". Vielleicht ist es das, was diesem schmalen Band, wie auch zahlreichen anderen Büchern dieser in ihrer Heimat mittlerweile gefeierten, in Deutschland nicht ausreichend gewürdigten Autorin, seine besondere Aura gibt: wie sie eigenes Erleben und ihre Fantasie verknüpft, ohne dass diese Verknüpfungen ihren Texten eine Schwere aufbürden, ohne dass die Konstruktion darunter zerbrechen würde. Wenn sie erzählt, bleibt deshalb auch die Trauer auf eine seltsame, fast bescheidene Weise leicht.

Man müsse, sagt auch die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman, "nicht alles wissen, und wenn man nicht alles weiß, kann man es beim Erzählen schöner machen, als es war". Schön ist es nicht, was sie weiß, aber es ist schön, wie sie es erzählt.

© SZ/crab
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