Monica Bonvicini:Gefesselt in der Wärmestube

Lesezeit: 4 min

Monica Bonvicini: Eine Provokation? Höchstens für Hartcore-Miesianer: Monica Bonvicinis "I do You", Kunstwerk und Werbetafel für ihre Ausstellung, lehnt an der Neuen Nationalgalerie.

Eine Provokation? Höchstens für Hartcore-Miesianer: Monica Bonvicinis "I do You", Kunstwerk und Werbetafel für ihre Ausstellung, lehnt an der Neuen Nationalgalerie.

(Foto: Monica Bonvicini, Nationalgalerie, SMB, Foto: Jens Ziehe, VG-Bild Kunst, Bonn 2022)

Die Künstlerin Monica Bonvicini zerlegt Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin von innen.

Von Jörg Häntzschel

Die Berliner Denkmalschützer waren empört. Monica Bonvicini wollte für ihre kürzlich eröffnete Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie eine 15 mal 15 Meter hohe Werbetafel an den erst vor einem Jahr kunstvoll restaurierten Bau von Mies van der Rohe lehnen, als sei der irgendein Hocker. Es erforderte einige Diplomatie, erzählt der Kurator Joachim Jäger, um sie zu erweichen.

Das silbern glänzende Quadrat mit dem Titel der Schau, "I do You", ist tatsächlich riesig, viel höher als der flache Mies-Bau, der hinter ihm noch flacher wirkt. Doch die meisten Besucher werden darin weniger Denkmalsstürmerei erkennen als ein harmlos-ironisches Spiel mit der Ikone der Nachkriegsmoderne. Insgeheim wird Bonvicini den Miesianern dankbar sein, dass immerhin sie irritiert waren, wenn schon sonst niemand Anstoß an der Idee nahm.

Monica Bonvicini: Mit ihrer verspiegelten Empore zerlegt Bonvicini die ikonische Halle von innen.

Mit ihrer verspiegelten Empore zerlegt Bonvicini die ikonische Halle von innen.

(Foto: Monica Bonvicini, VG-Bild Kunst, Bonn, 2022/SMB/Jens Ziehe)

Bonvicini, die aus Venedig stammende, seit 30 Jahren in Berlin lebende Künstlerin, ist bekannt für ihre Auseinandersetzung mit Architektur, Macht und Geschlechterverhältnissen. Wo könnte sie sich besser austoben als in diesem supermännlichen Tempel des 20. Jahrhunderts, der seit der akribischen Restaurierung noch ein bisschen steifer, wie frisch gebügelt wirkt?

Mit dem Spiegel-Trick lässt Bonvicini die Besucher - und den Mies-Bau - über sich selbst stolpern

Wer die Halle betritt, den erwartet eine leicht verstörende Begegnung. Das ist doch ..., das bin ja ... ich selbst! Bonvicini hat quer durch den riesigen Saal ein Podest gebaut und es ringsum so raffiniert mit Spiegelfolie beklebt, dass der Besucher auf den ersten Blick tatsächlich glaubt, er sehe auf die gegenüberliegende Glasfassade statt auf die Spiegelung derer, durch die er gerade hineingekommen ist - ein brillanter Trick, der das gleichförmige Raster und die Symmetrie des Mies-Baus über sich selbst stolpern lässt.

Nach und nach entdeckt man beim leicht verunsicherten Durchschreiten des Raums die weiteren Interventionen, mit denen Bonvicini die Nationalgalerie unterwandert: An der Seitenwand des Podests ist die Spiegelfolie matt, sie erinnert an die vor der Renovierung oft beschlagenen Scheiben. Glänzend erscheinen darin hingegen Zitate lauter männlicher Architekten: "I want walls to match my mood" oder "Architektur ist kein Cocktail". An der Rückseite hat sie ein paar der ausgetauschten Originalscheiben aufgestellt. Durch diese erlaubt sie auch einen ungeschönten Einblick in die Gerüstkonstruktion des Podests. Mies würde sich im Grab umdrehen, so die heimliche Erwartung. Aber was, wenn es ihm egal wäre?

Auf der Empore, im von ihr provisorisch eingezogenen ersten Stock der Nationalgalerie, hat Bonvicini eine Art Anti-Mies-Oase erschaffen. Es beginnt bei den rumpelnden, bei jedem Schritt leicht federnden Gerüstbrettern, setzt sich fort mit den im SM-Look bezogenen Sesselchen und den Hängematten aus Ketten, in denen sich die Besucher gegenseitig für Instagram fotografieren. Der erhabenen Halle fehlte Gemütlichkeit, ein Wohnzimmer, menschliches Maß. Und wer es nicht gleich versteht, wird durch einen Blick auf den Teppich aufgeklärt. Er ist bedruckt mit Fotos von Hosen der Künstlerin und ihrer Freundinnen und Freunde, die achtlos auf Teppiche und Parkett fallen gelassen wurden.

Monica Bonvicini: Wohnzimmer oder Schlafzimmer: Die Empore hat Bonvicini mit stählernen Hängematten und einem Teppich bestückt, der fallengelassene Hosen zeigt.

Wohnzimmer oder Schlafzimmer: Die Empore hat Bonvicini mit stählernen Hängematten und einem Teppich bestückt, der fallengelassene Hosen zeigt.

(Foto: Monica Bonvicini, VG-Bild Kunst, Bonn, 2022/SMB/Jens Ziehe)

Wohnzimmer - oder sogar Schlafzimmer? Die Erwartung, man habe es hier mit einem intimen Bekenntnis zu tun, wie etwa bei Tracey Emins zerwühltem Bett, erweist sich als falsch. Anders als Wolfgang Tillmans, der immer wieder hingeworfene Kleidungsstücke fotografiert, interessiert sich Bonvicini auch nicht für die Reize des Faltenwurfs. Ohnehin schwindet alles, was aus den Hosen von Erotik, Sex oder vielleicht auch nur Schlampigkeit spricht, durch die ermüdende Wiederholung des Motivs. Es entleert sich selbst zur Dekoration. Selbst in einem mittelambitionierten Designhotel hätte sich der Gag mit dem Hosenteppich schnell erschöpft.

30 Minuten in Handschellen? Wer hat vor Weihnachten schon die Zeit?

Dasselbe gilt für Bonvicinis Idee, entlang der Glasfassade 20 Handschellenpaare an langen Ketten von den Decken zu hängen. Die Besucher sind herzlich eingeladen, sich fesseln zu lassen und dann bei Mies im Schaufenster zu stehen. Die Mindestdauer beträgt 30 Minuten, dann kommt der Aufseher mit dem Schlüssel. "Ihre Begierden, Ängste und emotionalen Beziehungen werden dabei mit der Architektur konfrontiert", verspricht der Ausstellungsflyer. Okay, aber wer hat kurz vor Weihnachten schon die Zeit? Zieht man versuchsweise an den Handschellen, ist ein böses Rasseln zu hören. Doch lässt man sie erschrocken los, klimpern die Ketten hell aneinander wie ein Glockenspiel.

Industriematerialien, Anspielungen auf SM und Bondage, grafisch hochskalierte Sentenzen: So viele dieser Methoden und Motive sind in der Kunst der letzten 20 Jahre zum Klischee geworden. Längst haben Dekorateure sie gekapert, um damit Hotellobbys und Boutiquen spannender erscheinen zu lassen. Provoziert fühlt sich niemand. Das aufregendste Kunstwerk in der Ausstellung stammt denn auch von 1997: Im Video "Hausfrau Swinging" schlägt eine in einer Ecke stehende Frau ihren von einer Kiste geschützten Kopf keuchend an die Wände. So unmöglich es wäre, dieses Video heute zu drehen, so lebendig wirkt es im Vergleich zur braven Ausstattungskunst im Rest dieser Ausstellung.

Klaus Biesenbach, der Direktor der Neuen Nationalgalerie, stand kürzlich vor der Wahl, wegen der Energiekrise entweder die Temperatur in seinem Museum zu senken oder es auch für Nicht-Kunstinteressierte als Wärmestube zu öffnen. Er entschied sich für Letzteres. In einer Ecke hat er ein kleines Café eingerichtet, in dem alle, denen kalt ist, sich bei einem Gratistee aufwärmen können. Jetzt hat die Nationalgalerie also zwei Wohnzimmer. Mies' Barcelona-Chairs, mit denen dieses möbliert ist, sind bildschön, aber notorisch unbequem. Doch die Leute sitzen dort noch immer lieber, als sich in Bonvicinis kalte Hängematten zu legen.

Monica Bonvicini: I do You. Neue Nationalgalerie, Berlin. Bis 30. April. Der Katalog erscheint im nächsten Jahr.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKulturgeschichte des Selbst
:Raffaels Sex, Dürers Diät

Entleert der Koitus das Gehirn? Und sind Identität und Geschlecht nur Obsessionen der Gegenwart? Dazu ein kurzer Rückblick zu den Influencern der Renaissance.

Lesen Sie mehr zum Thema