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"Moneyball" im Kino:Geld schießt keine Tore

Lassen sich sportliche Erfolge kaufen? Diese große Frage versucht ein Baseball-Team im Film "Moneyball" zu beantworten. In der Adaption einer wahren Geschichte brilliert Brad Pitt als Vereinsmanager, der an seiner sehr speziellen Sicht der Dinge gegen alle Widerstände festhält - und schließlich einen triumphalen Erfolg feiert.

Baseball ist ein Spiel, das mit zwei Teams von je neun Spielern und einem harten kleinen Lederball gespielt wird. Dieser Ball wird geworfen oder geschlagen, zwischendurch wird gerannt. Man kann die Regeln, die reichlich kompliziert sind, durchaus im Detail erklären - aber wirklich begreifen kann man den Geist dieses Spiels nicht.

Erst Revolutionär, dann einsamer Wolf: Wie Brad Pitt das spielt, zwischen kalter Entschlossenheit und untergründiger Leidenschaft, das hat ihm sehr zu Recht eine Oscarnominierung eingetragen.

(Foto: Sony)

Es sei denn natürlich, man wäre Amerikaner. Baseball ist und bleibt die amerikanischste aller Sportarten, und die größte Versuchung für Nicht-Amerikaner besteht darin, so zu tun, als wären sie trotzdem im Bilde.

Erst am Sonntag schrieb ein renommierter Kollege zum Beispiel diesen Satz: "Oliver Stone versucht, in seinem Baseball-Klassiker "Any Given Sunday" in seiner typischen Manier mit Stakkatoschnitten in das Innerste der Schlagbewegung vorzudringen." Wir haben das einem amerikanischen Freund vorgelesen, und den hätte es vor Lachen und Unglauben fast zerrissen. "Any Given Sunday" ist ein Football-Film.

Insofern ist es hierzulande eine gute Nachricht, dass Bennett Millers "Moneyball" zwar vollständig in der Welt des Baseballs spielt, aber eigentlich kein Film über das Spiel selbst ist. Man sieht auch nur ganz wenige Szenen auf dem Baseball-Feld.

Stattdessen geht es um etwas Universaleres: Um einen Mann nämlich, dargestellt von Brad Pitt, der in seiner Profession ein paar Muster erkennt, die alle anderen bisher übersehen haben; der durch diese Einsicht erst zum Revolutionär und dann zum einsamen Wolf wird, weil ihm kaum einer folgen will; der aber trotz aller Widerstände an seiner Sicht der Dinge festhält und schließlich von der Wirklichkeit glanzvoll bestätigt wird. Wie Pitt das spielt, zwischen kalter Entschlossenheit und untergründiger Leidenschaft, das hat ihm sehr zu Recht eine Oscarnominierung eingetragen.

Pioniergeist des Kapitalismus

Das Ganze ist außerdem eine wahre Geschichte. Sie handelt von Billy Beane, dem General Manager der Oakland Athletics, und von dem erst grausamen und dann unglaublichen Schicksal seines Teams in der Baseball-Saison 2002, die vielen Fans noch heute als ein Wunder gilt. In "Moneyball" zeigen Miller und Pitt detailreich und höchst überzeugend, wie hart dieses Wunder erarbeitet war. Aber der Erste, der die Geschichte entdeckt und aufgeschrieben hat, war kein anderer als Michael Lewis.

Michael Lewis, zuletzt gefeiert für seine einzigartigen Reportagen aus dem Herzen der globalen Finanzkrise ("The Big Short", "Boomerang"), hat in Billy Beane einen Bruder im Geist gefunden. So wie der eine auf die Jagd nach unterbewerteten Baseballspielern geht, um ihre Talente in Siege und Kapital zu verwandeln, so geht der andere auf die Jagd nach unterbewerteten Geschichten aus der Wirklichkeit. Was hier auf mehreren Ebenen verhandelt und schließlich selbstevident bewiesen wird, ist der Pioniergeist des Kapitalismus - in Zeiten wie diesen eine durchaus erfrischende Perspektive.

Letztlich geht es dabei um eine Frage, die auch den deutschen Fußballfan seit Jahren umtreibt und in allen Sportzusammenhängen hochvirulent ist: Ob Geld am Ende des Tages "keine Tore schießt", wie Otto Rehagel einst kühn behauptet hat - oder eben doch.

Aus der Perspektive des Underdogs

Billy Beane nähert sich diesem Problem aus der Perspektive des Underdogs. Reiche Major-League-Teams wie die New York Yankees konnten damals etwa 120 Millionen Dollar an Spielergehältern pro Saison ausgeben, seine Oakland Athletics nur etwa 40. Auch das war nicht gerade wenig - aber doch eine miese Position in einem Kreislauf, in dem mehr Kapital auch mehr Siege bedeutet und mehr Siege dann noch mehr Kapital. Eine Akkumulations-Spirale nach Marx, und zwar in Reinform, die jeden Meisterschafts-Wettkampf bald in ewiger Langeweile ersticken müsste.

Damit das nicht passiert, setzt der Sport traditionell auf einen Sozialismus des Talents: Weltklassespieler können in der ärmlichsten Hütte geboren werden, und solange es armen Vereinen gelingt, solche Talente zu finden und lang genug an sich zu binden, werden die Karten immer wieder neu gemischt. So kennt auch der amerikanische Baseball alle möglichen quasi-sozialistischen Regeln, um Underdog-Vereine und ihre Talente eine Weile vor dem gierigen Zugriff des Kapitals zu schützen.

Das eröffnet eine Chance - aber sie liegt allein in der Spürnase für Talent. Und "Moneyball" zeigt dann sehr eindrucksvoll, welch alchimistische Ersatzreligion die Amerikaner aus dieser Jagd nach ihren künftigen Sportstars gemacht haben. Knarzige alte Männer, deren Blicke vom Vorüberziehen der Basebälle ganz müd geworden sind, präsentieren da am runden Tisch ihre Nachwuchs-Entdeckungen aus Schulen und Colleges, ihre Weisheiten, Vorurteile, ihre beinah schamanistischen Eingebungen. Und Billy Beane setzt sie alle vor die Türe. Als erster Baseball-Manager überhaupt beschließt er, der Wissenschaft zu vertrauen.

Den Baseball für immer verändert

Seine Geheimwaffe ist dabei Peter Brand (Jonah Hill), ein dicklicher Yale-Absolvent mit einem Notebook, das alle Baseball-Statistiken des Universums enthält. Und so, durch überlegene Rechenkünste, findet Billy Beane dann sein Team, über das ganz Amerika den Kopf schüttelt: lauter Ausgemusterte, halb Lahme, Hässliche und sozial Unverträgliche. Sie alle eint aber eins: Für eine ganz bestimmte Funktion im Spiel haben sie, knallhart statistisch gesehen, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wie diese Theorie dann erst in die Stigmatisierung führt, in der Praxis beinah scheitert und schließlich doch triumphal verifiziert wird - das ist, wie man so sagt, inzwischen Geschichte. Billy Beane hat den Baseball für immer verändert. Das Schöne aber ist, dass "Moneyball" bei dieser Erkenntnis nicht stehenbleibt, sondern auch fragt, was dem Helden und Pionier am Ende der Reise bleibt. Das sabotiert dann auch wieder jeden kapitalistischen Triumphalismus - denn das Geld ist es schon mal nicht.

MONEYBALL, USA 2011 - Regie: Bennett Miller. Buch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin. Kamera: Wally Pfister. Mit Brad Pitt, Jonah Hill, Philip Seymour Hoffman, Robin Wright, Chris Pratt, Stephen Bishop. Verleih: Sony, 133 Minuten.

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