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Tod eines Flüchtlings:"Forensic Architecture" belegt Schüsse an türkisch-griechischer Grenze

Die Forschergruppe Forensic Architecture veröffentlichte am Donnerstag ein Video zum Tod eines Flüchtlings an der türkisch-griechischen Grenze.

(Foto: Forensic Architecture)
  • Eine Untersuchung der Londoner Forschergruppe Forensic Architecture, die am Donnerstag als Video veröffentlicht wurde, könnte helfen, den Tod eines Flüchtlings an der türkisch-griechischen Grenze aufzuklären.
  • Die Wissenschaftler haben Augenzeugen und Angehörige des Toten kontaktiert, vor allem aber deren Handy-Videos und -Fotos gesammelt und gemeinsam mit anderen Aufnahmen ausgewertet.

Seit am 2. März ein Flüchtling an der türkisch-griechischen Grenze getötet wurde, steht Aussage gegen Aussage: Die Türkei beschuldigt griechische Grenzschützer, den Mann erschossen zu haben. Griechenland leugnet das: Es seien keine Schüsse auf Flüchtende abgegeben worden. Eine Untersuchung der Londoner Forschergruppe Forensic Architecture (FA), die am Donnerstag als dreiminütiges Video veröffentlicht wurde, könnte nun helfen, den Fall aufzuklären.

Dazu haben die Wissenschaftler von FA Augenzeugen und Angehörige des Toten kontaktiert, vor allem aber deren Handy-Videos und -Fotos gesammelt und gemeinsam mit anderen Aufnahmen ausgewertet. Es sind dramatische Bilder, die die verzweifelten Menschen gemacht haben: Der scheinbar leblose Mann, der laut FA Mohammad al-Arab hieß, 22 Jahre alt gewesen sein soll und aus Aleppo stammte, liegt blutend im Gestrüpp, dann tragen ihn andere Männer auf ein Boot und rudern ihn über den Grenzfluss Meriç auf die türkische Seite, wo er offenbar von einem Notarztwagen weggefahren wird. Als Belege für ein Verbrechen sind die Bilder - aufgenommen im Rennen, alle paar Sekunden wegkippend - auf den ersten Blick unbrauchbar. Doch die Forscher von FA stützen sich bei ihrer Beweisführung nicht auf einzelne Dokumente, sondern deren Kombination. Dank der Metadaten, aus denen Ort und Zeit der Aufnahmen hervorgeht, lässt sich das Geschehen nicht nur lokalisieren, sondern auch simultan aus mehreren Perspektiven darstellen.

Außerdem haben die Wissenschaftler in den Bildern nach auffälligen Landschaftsmerkmalen gesucht: Bäumen, Antennenmasten und den Fluss selbst. Damit können sie die jeweiligen Perspektiven zueinander in einen räumlichen Kontext bringen und sie mit Satellitenbildern abgleichen. In ihrem Video zeigen FA außerdem, dass an besagtem Ort bewaffnete griechische Grenzschutzeinheiten und bewaffnete Zivilisten patrouillierten. Auch wenn sie nicht nachweisen können, wer geschossen hat und in welchem Auftrag: Dass am 2. März gegen 8.35 Uhr nahe dem Meriç Nehri ein Mann von einer Kugel getroffen wurde, lässt sich nun kaum mehr als Fake News abtun.

© SZ vom 06.03.2020 / jhl/luch/cat
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