Moderner Klassiker:In Gegenwart des Bösen

Der Rowohlt-Verlag veröffentlicht Cormac McCarthys Debütroman aus dem Jahr 1965 erstmals auf Deutsch, in einer glänzenden Übersetzung von Nikolaus Stingl.

Von Christoph Schröder

Wohin der Blick auch fällt: Vereinzelung, Fremdheit, Geworfensein. Worte erscheinen bei dem Schriftsteller Cormac McCarthy nicht als ein selbstverständliches Mittel zur Verständigung, sondern als kantige, aus der Stille herausgemeißelte Brocken, roh, unbehauen und - in der Figurenrede - auch unbeholfen. Die Menschen haben sich wenig zu sagen; ihr Gemütszustand lässt sich an anderen Parametern ablesen. An der unermüdlich und detailreich beschriebenen Landschaft, die sie umgibt. Oder eben auch am Zustand der Gebäude, in denen sie sich aufhalten.

McCarthys Erstling steht noch ganz in der Tradition der Southern Gothic

Das Green Fly Inn ist ein Lokal in einem Kaff namens Red Branch, irgendwo in der Berglandschaft des östlichen Tennessee. Dort ist McCarthy aufgewachsen. Die Kneipe steht auf einem Gerüst aus Holzpfählen über einem Abhang, und eines Tages wird die Konstruktion in sich zusammensacken und eine Menge der betrunkenen Gäste in den Abgrund mitnehmen. Unter ihnen ist auch ein Mann namens Kenneth Rattner. Er kommt mit einer Schnittwunde an der Hand davon, vorerst.

Schriftsteller Cormac McCarthy

Akademische Ausflüge mit 83 Jahren - Cormac McCarthy.

(Foto: dpa)

Das Werk des 1933 geborenen Cormac McCarthy ist ein Monolith. Das Grauen, das McCarthy in der Welt ahnt, ist in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung relativiert worden durch Verfilmungen seiner späten Romane, in denen, wie beispielsweise in der Adaption der Coen-Brüder von "No Country for Old Men", Gewalt und Schrecken ironisiert und damit kultfähig gemacht wurden. Nun hat der Rowohlt Verlag die letzte Lücke geschlossen und McCarthys Debütroman aus dem Jahr 1965 in einer gewohnt glänzenden Übersetzung von Nikolaus Stingl veröffentlicht. Bedauerlicherweise jedoch nur in einer recht lieblosen Taschenbuchausgabe und versehen mit einem absurd fehlerhaften Klappentext.

Trost gibt es in dieser heillosen Welt nur in der wilden Schönheit der Natur

"Der Feldhüter" ist in den Zwanziger- und Dreißigerjahren angesiedelt, der Zeit zwischen zwei Kriegen und der Prohibition, in einer Epoche der Umbrüche. Dass McCarthy bis heute mit William Faulkner verglichen wird, oft zu Unrecht, verdankt sich vor allem seinen frühen, in der Tradition der Southern Gothic stehenden Büchern: Das Erzählen ist kaleidoskopartig, multiperspektivisch, chronologisch aufgebrochen, aufgesplittert in Beobachtungen, Erinnerungen, Träume. Psychologie ist ausgelagert. Personen treten auf und verschwinden wieder. Die scheinbar losen Fäden werden erst gegen Ende verknüpft.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Drei Figuren sind es, die die Handlung innerhalb eines dichten Stimmungsbildes bestimmen: Der alte Arthur Ownby lebt zurückgezogen in seiner Hütte oberhalb eines alten Obsthains. Der verwegene und abenteuerlustige Marion Sylder schmuggelt in der Gegend im großen Stil schwarz gebrannten Whiskey. Eines Tages nimmt Sylder eher unfreiwillig einen Anhalter mit, und sofort formt sich in ihm "die tiefe und unerschütterliche Gewissheit, dass er sich in Gegenwart des Bösen befand." Als das Auto eine Panne hat, wird Sylder von dem Mann überfallen, setzt sich zur Wehr und erwürgt den Angreifer schließlich, obwohl die Notwehrsituation längst vorüber ist; ein unerklärlicher Einbruch von Archaik. Den Toten entsorgt Sylder in einer Grube auf Ownbys Grundstück.

Der Mann, der da entsorgt wurde, ist der Vater des dritten Protagonisten: John Wesley Rattner wächst fortan als Halbwaise auf und hat gegenüber seiner Mutter den Schwur geleistet, das Verschwinden des Vaters eines Tages aufzuklären. Nun streift er durch die Gegend, ein verwilderter Jäger. Als Sylder bei einem Autounfall in den Fluss stürzt, ist es ausgerechnet John Wesley, der ihn aus dem Wasser zieht. Keiner von beiden weiß, wen er vor sich hat, und es entsteht ein von gegenseitiger Zuneigung geprägtes Verhältnis.

Cormac McCarthys Romandebüt ´Der Feldhüter"

Cormac McCarthy: Der Feldhüter. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 288 Seiten, 14,99 Euro.

(Foto: dpa)

"Der Feldhüter" ist ein hemmungsloses, zügelloses Buch. Ein Roman, dem deutlich anzumerken ist, dass sich in ihm ein ambitionierter, sprachgewaltiger Autor in einem unermesslichen Vokabelreichtum erprobt und dabei seine Prosa stellenweise mit seiner Bilderwut, mit Lyrismen und biblischen Anspielungen geradezu zwangsläufig überinstrumentiert. Und dann gibt es nicht wenige Augenblicke, in denen McCarthy Naturbeschreibungen gelingen, die, das lässt sich nicht anders sagen, wunderschön und luzide sind: "Am einundzwanzigsten Dezember begann es irgendwann nach Mitternacht zu schneien. Am Morgen, im grauen, gespenstischen Licht eines kurzen, obskuren Winters, lagen die Felder totenweiß, berührt von einem phosphorartigen Schimmer, als brächten sie selbst Licht hervor, und der Schnee schwebte immer noch dicht herab, verschleierte die Bäume jenseits des Flusses und auch den Berg, fiel und fiel, sanft und leise klingend in der ungeheuren weißen Stille."

Das komplexe Dreiecksverhältnis zwischen Mensch, Natur und Zivilisation (die bei McCarthy stets bedeutet: Zerstörung und Verlust) liegt dem Roman als Leitthema zugrunde. McCarthy ist ein Protokollant des Niedergangs und der ins Überpersonale und Überzeitliche transportierten Verstörung. Was in "Der Feldhüter" markiert wird, ist der schleichende Einzug des urbanen und technisierten Lebens in einen bis dahin abgeschotteten ländlichen Raum. Biblisch gesprochen, inszeniert McCarthy in jedem seiner Romane mindestens einen Sündenfall. Zusammen genommen ergibt sich daraus die Konsequenz, dass es keine Unschuld gibt und keine Unschuldigen und dass, wie es im Roman "Grenzgänger" (1998) heißt, "keine weltliche Ordnung außer der des Todes" existiert.

Am Ende von "Grenzgänger" wird der 16-jährige Protagonist vom hellen Blitz eines Atombombentests in der Wüste geblendet. Und "Die Abendröte im Westen" (1985), der wohl schonungsloseste Roman McCarthys, endet mit einer Szene, in der eine sektenhaft anmutende Wandergruppe die Löcher für die Zäune zur Parzellierung des Landes anlegt. In "Der Feldhüter" ist es der alte Arthur Ownby, der schließlich die Verhältnisse ins Rutschen bringt. Seine Motive bleiben unausgesprochen und erklären sich dennoch: Ownby ist zum Vertriebenen geworden. Im Originaltitel "The Orchard Keeper" schwingt die Assoziation des Paradiesgartens mit. Die Schuld und die Fäulnis haben nun auch in Ownbys Welt Einzug gehalten. McCarthys Debütroman taucht die Entzauberung ins Licht der mythisch-lyrischen Überhöhung. Erlösung wird sich hier nicht finden. Wenn es einen tröstenden Gegenentwurf gibt, dann nur in der unbändigen Schönheit der Natur. Und in dem Sound, in dem McCarthy davon kündet.

© SZ vom 27.01.2016
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