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Modefotografie:Späte It-Girls

Céline

An der Inkognito-Brille sollt ihr sie erkennen: Céline-Model Joan Didion.

(Foto: Quelle: Céline)

Frauen wurden früher ab einem gewissen Alter unsichtbar. Doch die Zeiten ändern sich: Das Modelabel Céline hat jetzt die achtzigjährige amerikanische Schriftstellerin Joan Didion als Gesicht für seine aktuelle Kampagne auserkoren.

Als Greta Garbo, die Göttliche, sich 1942 von der Leinwand zurückzog, war sie 37 Jahre alt. So konservierte sie ihr Image als schönste Frau der Welt für die Ewigkeit und kam einem Schicksal zuvor, das ihr wohl geblüht hätte. Frauen wurden früher ab einem gewissen Alter unsichtbar. Denn die Farben und die Mode gehörten der Jugend. Dann eroberte Schwarz die Mode, und die Zeiten änderten sich.

Dass sich das Modelabel Céline nun die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin Joan Didion als Gesicht für die aktuelle Kampagne auserkoren hat, ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Erstens weil sie, die lupenreine Intellektuelle, keine naheliegende Besetzung ist in einem Gewerbe, in dem überwiegend die Außenseite des Kopfes der Maßstab ist und nicht dessen innere Qualitäten. Außerdem ist sie im Dezember achtzig Jahre alt geworden - und man sieht ihr das durchaus an.

Altsein kann cool sein

Es ergibt durchaus einen Sinn, dass Joan Didion, die vor einem halben Jahrhundert sogar mal Redakteurin bei der amerikanischen Vogue war, sich für Mode interessiert - als Ausdrucksform und Mittel, mit dem man etwas über sich selbst erzählt. Und Joan Didion erzählt beim Schreiben von sich selbst. Viele ihrer Bücher tragen autobiografische Züge. "Das Jahr des magischen Denkens" (2006) etwa erzählt vom Tod ihres Mannes John Gregory Dunne, mit dem sie die Drehbücher verfasst hatte zu "Panik im Needle Park" und "Aus nächster Nähe".

Immer mehr alte Damen machen sich gerade breit, nicht nur im Kino. Späte It-Girls sozusagen, sogar in der Mode: Das Label Lanvin hat im vergangenen Jahr eine Kampagne mit Normalos in Modell-Kleidern gemacht, unter anderem mit der 82-jährigen Ex-Tänzerin Jacquie Murdock in einem knallgrünen Kostüm. Was - erstens - ein Verdienst des Feminismus ist und - zweitens - mit der sich verändernden Demografie zu tun hat: Wenn die Menschheit altert, nimmt der Anteil junger Frauen automatisch ab.

Man könnte aber, wenn man in Modemagazinen blättert, vermuten, dass es noch einen dritten Faktor gibt: die digitale Nachbearbeitung von Bildern. Auch eine Methode, Frauen unsichtbar zu machen - wenn sie nicht mehr jung sind, versteckt man sie hinter der Fassade virtueller Jugend. Wie bei den Louis-Vuitton-Anzeigen, auf denen eine spärlich bekleidete Frau sich neben Taschen rekelt, man könnte die Frau für die 56-jährige Madonna halten, wäre sie dafür nicht zu jung. In Jürgen Tellers Fotografie von Joan Didion hat die Idee, dass Frauen mit vierzig kein Verfallsdatum überschreiten, dann wirklich zu sich selbst gefunden: Altsein kann cool sein.

© SZ vom 10.01.2015/khil
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