Süddeutsche Zeitung

Das Verhältnis von Mode und Kunst:Kann ein Kleid Kunst sein?

Lesezeit: 3 min

In Paris zeigen sechs Museen Mode von Yves Saint Laurent. Aber gehört die da überhaupt hin? Über eine jahrhundertealte Debatte.

Von Catrin Lorch

Zweimal Karo, schwarzes Gittermuster, Rot und Blau, Gelb und Grün. Beide Werke sind aus Stoff, einmal ist es Kunst, das andere Mal ein Kleid. Das Gemälde stammt von Piet Mondrian, das steife, hastige Kleid hat Yves Saint Laurent entworfen. Es sieht aus, als ragten Kopf und Beine aus Keilrahmen und Leinwand wie der Sandwichmann aus der Werbetafel.

Kleid und Kunst begegnen sich in Ausstellungen in Paris, die über sechs Museen verteilt sind. Und weil die Hommage dem großen Couturier Yves Saint Laurent huldigt und das Publikum enthusiastisch entlang des Ausstellungs-Parcours seine Kulturhäuser wiederentdeckt, stellt sich die alte Frage: Ist so ein Kleid nur ein Kleid? Oder selbst Kunst? Womöglich sogar die größere Kunst?

Der Rundgang ist ein großer Erfolg, ganz Paris scheint ununterbrochen auf dem Weg zu Yves Saint Laurent zu sein, er belebt in diesem Winter ausgerechnet Museen wie das Centre Pompidou, das Musée d'Art moderne oder den Louvre, die ja vor allem das Terrain der Kunst sind. Im Ausstellungsprojekt wird Mode nicht als Konkurrent der Kunst vorgestellt. Schon der Katalog zeigt blitzlichtgrelle alte Aufnahmen aus dem glamourösen Nachtleben der Siebzigerjahre, das sich in Bars und auf Dachterrassen zwischen Marrakesch, Paris und New York entfaltet, auf denen Yves Saint Laurent mit Künstlern wie Andy Warhol oder Salvador Dalí posiert. Dass sich die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Mode stellt, bedeutet zunächst vor allem, dass es da etwas zu gewinnen gibt.

Die Bilder bleiben im Museum, das Kleid kann rausmarschieren

Dass Kunst mehr ist, dass die Steigerungsformel vom Handwerk über Kunsthandwerk bis zur Kunst reicht, daran ist die Kunst selbst nicht unschuldig. Haben Maler und Bildhauer doch in der Renaissance große Gesten und Symbole nicht gescheut, bis sich der Gedanke des Genies auch für ihre Zünfte durchgesetzt hatte. Wer mit Marmor, Leinwand oder Bronze arbeitete, hatte keine Werkstatt mehr, sondern ein Atelier; Signatur und Name bürgten für das Außerordentliche, zuweilen auch das Überirdische.

Diese Trennung von bildender Kunst und Handwerk ist inzwischen gut ein halbes Jahrtausend alt. Die Kunst ist immer noch da, aber das traditionelle Handwerk hat sich gewandelt. In der Mode wurden mit der Industrialisierung Schneider und Weber abgelöst von Spezialisten, die, wenn sie sehr erfolgreich waren, auch mit ihrem Namen für besondere Qualität bürgten, für Originalität und Authentizität - wenn auch eine als Massenware produzierte.

Der erste dieser Namen - Coco Chanel - etablierte sich ausgerechnet in den Zwanzigern, in denen die Kunst noch nach dem rechten Verhältnis zu den rasanten Entwicklungen in Technologie und Industrie suchte. Die Epoche war geprägt vom Weltkrieg, der Revolution und der Fabrik und verlangte nach mehr als dem künstlerischen Individuum, dem einsamen Genie. Der technikverliebte italienische Futurismus wurde von einer Gruppe begründet, Künstler in der Sowjetunion entwarfen der Partei Tribünen, Rednerpulte und den Zeitungskiosk.

Das Bauhaus in Deutschland erklärte unterdessen, dass Künstler in der Bauhütte des Mittelalters womöglich doch besser aufgehoben waren als im bürgerlichen Salon. Walter Gropius verstand die Aufgabe der künstlerischen Avantgarde, also von Künstlern wie Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Oskar Schlemmer, vor allem darin, den hochbegabten Nachwuchs in der Werkstatt anzuleiten und zu inspirieren. ​"Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!" Daraus entwickelte sich dann der Beruf des Designers, der Stühle, Bürotische, Teppiche, Stahllampen oder Kleiderstoffe für das Maschinenzeitalter entwirft.

Das Kunstmuseum war für die Generation Bauhaus nicht mehr End- und Zielpunkt ihres Schaffens. Dennoch nahmen die Museen ihre Entwürfe, Skizzen und Prototypen in ihre Sammlungen auf - Grundstock für die Design- und Gestaltungsmuseen, in denen auch Mode - von der ersten hingehaucht kolorierten Skizze bis zur stilprägenden Robe - konserviert, erforscht und ausgestellt wird.

Yves Saint Laurent ließ sich gern mit seinen Näherinnen fotografieren

Doch offensichtlich reicht das Designmuseum nicht für das enorme Selbstbewusstsein der Luxusindustrie, die an Eigennamen festhält, auch wenn deren Träger schon lange verstorben sind. Es ist die Aura des Genies, des einsamen Künstlers, die auf das Label abstrahlen soll. Und die gibt es nur im Kunstmuseum. Ein so außergewöhnlicher, hochbegabter Designer wie Yves Saint Laurent hat zu Lebzeiten bei aller Arroganz nie beansprucht, Künstler zu sein. Im Gegenteil: Er ließ sich gerne umringt von seinen Näherinnen fotografieren. Und nutzte sein Vermögen, seinen exquisiten Geschmack, um gemeinsam mit seinem Partner Pierre Bergé eine außergewöhnliche Sammlung zusammenzutragen. Yves Saint Laurent schätzte Kunst hoch und ließ sich von ihr inspirieren - was in Paris jetzt zu den schönsten visuellen Pointen führt. Wie eben dem gedoppelten Karo.

Aber es bleibt bei aller Euphorie eben auch unübersehbar: Piet Mondrians so reduzierte, blaupausenflache Gemälde stellen sich nach einem knappen Jahrhundert im Museum ihren Nachbarn aus Impressionismus, Fauvismus, Expressionismus immer noch mit schlichter Kühle in den Weg. Sie sind ein neuer Entwurf des Sehens und Fühlens. Mondrian wusste, dass wenn diese Reduktion gelingt, die Verhältnisse neu gemischt werden.

Und die so ähnlichen Linien und Farbflächen auf dem Kleid sind eben doch nur ein Muster. Gemacht für Schaufenster, Boulevards oder Restaurants, um dort aufzufallen, elegant, modern, schlank. Das Geniale an Yves Saint Laurents Version von Schwarz, Weiß und Rot ist, dass sein Kleid, wenn es genug vom Museum hat, auch einfach wieder hinausmarschieren kann.

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