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Mode-Ausstellung "Glanz und Grauen":Schick im Fascho-Look

HJ-Haarschnitt und Dirndl: In Ratingen bei Düsseldorf wird noch bis Januar 2013 Mode aus dem Dritten Reich ausgestellt. Mittlerweile liegt der Kleidungsstil dieser Ära wieder im Trend. Nicht unbedingt als politisches Statement, sondern als Ausdruck einer Identitätssuche.

Wallende Abendkleider, Dirndl, Trachten und Uniformen: In Ratingen bei Düsseldorf wird von 9. März bis 27. Januar 2013 unter dem Titel "Glanz und Grauen" Mode aus dem Dritten Reich ausgestellt. Im Vordergrund steht die Kleiderordnung der dreißiger und vierziger Jahre. Bei näherer Betrachtung der Exponate fällt auf, dass gewisse Elemente dieser Mode auch heute wieder in Erscheinung treten: Taillierte (Trachten-)Kleider, rustikale Materialien oder gescheitelte Männerfrisuren, wie sie bei der Hitlerjugend modern waren.

Die Kleidung der Nazi-Jahre im Museum

Die Ausstellung "Glanz und Grauen" in Ratingen zeigt die Kleiderordnung der dreißiger und vierziger Jahre.

(Foto: dpa)

Das Museum des Landschaftsverbandes Rheinland hat mehr als 100 Roben und 500 weitere Objekte aus der Nazi-Zeit zusammengetragen. Darunter auch zahlreiche Hüte, Taschen, Bilder und Briefe. Der Großteil der Exponate wurde von Zeitzeugen und deren Nachkommen aus der Region beigesteuert.

Die Generation, die im Nationalsozialismus heranwuchs, war nach Ende des Ersten Weltkriegs mit Mangel und Not konfrontiert. In den frühen dreißiger Jahren war Kleidung Mangelware. Das einzig gute Kleidungsstück beschränkte sich bei vielen, wenn überhaupt, auf eine Sonntagsgarnitur. Kinder verfügten oftmals nicht einmal über ein eigenes Paar Schuhe.

Kleidung schuf Zugehörigkeit

So erklärt sich zum Teil auch der schnelle Zuwachs von Mitgliedern der Hitlerjugend (HJ), deren typische Uniform auch bei der Ausstellung in Ratingen gezeigt wird. Die Mitgliedschaft bei der HJ blieb bis 1939 freiwillig. Doch das braune Hemd, die schwarze Hose, der schwere Ledergürtel, die Schulterriemen und das schwarze Halstuch waren gefragt. "Wie gerne wäre ich dabei gewesen, hätte so gerne so eine Kletterweste, Schlips und Knoten gehabt", erzählt eine Zeitzeugin. Jeder wollte diese Uniform besitzen, jeder wollte Teil des Ganzen sein. Kleidung schuf Zugehörigkeit.

Dabei spielte auch die Farbe Braun keine unwesentliche Rolle. Braun war die Farbe der Konservativen, sie stand für Heimat und Tradition. Auch als die NSDAP noch verboten war und im Untergrund operierte, konnte man braun gekleidet ungestraft seine Sympathie für die Partei der "Braunhemden" zeigen.

Ohne hohe Kosten, denn braun dominierte schon in den Jahren davor die Mode in Deutschland. Ab 1925 wurde das braune Hemd offiziell zur "Parteitracht", massentauglich und günstig in seiner Herstellung. Nachempfunden den "Schwarzhemden", den faschistischen Kampfbünden unter Benito Mussolini im Italien der Zwischenkriegszeit.

Die Uniformierung der Gesellschaft mittels Alltagskleidung beschränkte sich nicht nur auf die braunen Hemden der Männer. Die Nazis instrumentalisierten auch die Tracht und das dazugehörige Dirndl für ihre Zwecke. Dirndl erfreuten sich schon in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg großer Popularität. So wurde beispielsweise die Berchtesgadener Trachten-Jacke zu einem Teil der Uniform des BDM (Bund Deutscher Mädel). Bei besonderen Anlässen traten die jungen BDM-Frauen geschlossen im Dirndl auf.

Neue Bedeutung für alte Symbole

Im Gegensatz zu der Mode der 1920er Jahre, die noch stark von neuen kulturellen Einflüssen geprägt war, verschwand dieser Trend in den Dreißigern wieder - aus dem Konsumgut Mode wurde wieder ein Gebrauchsgegenstand Kleidung.

Eine Frau im Dirndl verkörperte das Klischee der ländlichen, heimattreuen und deutschen Frau. Das androgyne Frauenbild der zwanziger Jahre war passé - Frauen sollten wieder femininer erscheinen. Das spiegelte sich auch in der Abendmode wider. Abendkleider waren nun vermehrt rückenfrei und betonten die Weiblichkeit. Während in den zwanziger Jahren das Korsett weitgehend verschwunden war und sich ein gerader Schnitt bei Cocktailkleidern durchsetzte, wurden die Kleider in den Dreißigern wieder taillierter.

In der Emanzipationsbewegung der sechziger Jahre wurde die starke Differenzierung zwischen Männer- und Frauenkleidung aufgehoben. Die Jeans konnte ihren Siegeszug antreten. Doch inzwischen gibt es eine Gegenbewegung zu diesem Trend, und in den letzten Jahren finden sich sogar vermehrt Elemente der Mode aus der Zeit des Nationalsozialismus in aktuellen Kollektionen wieder.

Einen wahren Hype erlebt das Dirndl - und das in allen Gesellschaftsschichten, unabhängig von sozialem Hintergrund oder Bildungsgrad der Frauen. Die aus Bayern und Österreich stammenden Trachtenkleider zu tragen, ist schick und modern geworden. Auch abseits bayerischer Volksfeste tauchen die taillierten Kleider mit dazugehöriger Schürze auf, sowohl kurz als auch lang. Laut Spiegel sind die Kleider mittlerweile besonders im Rheinland beliebt, aber auch im Norden Deutschlands wachse die Nachfrage.

Besonders die österreichische Designerin Lena Hoschek profitiert von dem Dirndl-Trend. Sie selbst bezeichnet sich als "Traditionalistin mit Leib und Seele", wie sie in einem Interview mit einer österreichischen Tageszeitung 2010 bekräftigte. Ihre Mode betone besonders die feminine Seite der Frauen.

Modetrend HJ-Frisur

Die Designerin führt den Aufschwung des Trachtenlooks auf die voranschreitende Globalisierung und dem damit einhergehenden Identitätsverlust zurück: "Plötzlich waren wir alle nur noch Weltbürger. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Nazi-Vergangenheit inzwischen von den Jungen gut aufgearbeitet ist und man wieder Patriot sein darf, ohne gleich einer Burschenschaft angehören zu müssen".

Elemente des Nazi-Chics finden sich auch auf den internationalen Laufstegen wieder. Wie hier bei der Frisur eines Models auf einer Show von Desiger Salvatore Ferragamo in Mailand.

(Foto: AFP)

Vor einigen Jahren hatte bereits die deutsche Designerin Eva Gronbach mit dem Tabu gebrochen, ideologisch beladene Elemente in ihren Kollektionen zu verarbeiten. Das von ihr gewählte Markenzeichen, der deutsche Adler in adaptierter Form, galt vielen als Provokation. "Ich nehme alte Symbole und lade sie mit neuer, positiver Bedeutung auf", erklärte die Designerin dem Nachrichtenmagazin Spiegel.

Sie schickte ihre Models mit Kollektionen wie "german jeans" und "mutter erde vater land" über den Laufsteg. Jedoch nicht, um einer bestimmten Ära der deutschen Geschichte zu huldigen. Gronbachs Mode ist frei von nationalsozialistischer Färbung - im Jüdischen Museum Berlin werden ihre Stücke gerne ausgestellt.

Natürlich sind es heute nicht die braunen Hemden in Kombination mit schwarzen Hosen, die wieder im Trend liegen, sondern vielmehr einzelne Elemente aus der Mode des Nationalsozialismus. Wie zum Beispiel der sogenannte "Hitlerjugend"-Haarschnitt bei Männern, der vielerorts wieder Anklang findet: Seitlich kurz rasiert, oben etwas länger mit Seitenscheitel oder mit Pomade nach hinten gekämmt. Mittlerweile tragen auch Wilson Gonzalez Ochsenknecht und der Walt-Disney-Teeniestar Joe Jonas den Haarschnitt.

In Europa ist die Frisur mittlerweile besonders in Stockholm verbreitet. Aber auch in den "hippen" Berliner Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg sind immer öfter junge Männer mit der in der Hitlerjugend populären Frisur anzutreffen. "Ironischerweise assoziiert damit niemand von ihnen Faschismus", schreibt die New York Times. Der Nazi-Chic, wie er oft bezeichnet wird, versucht mit einem Tabubruch Aufmerksamkeit zu erregen - aber eben nur ein bisschen.

"Der Nazi-Chic dient nicht als Ausdruck einer ideologischen Gesinnung, die an den Nationalsozialismus anknüpft - der Begriff dafür wäre Neo-Nazismus und hat modisch nicht viel mit dem Nazi-Chic gemein", erklärt der deutsche Medienwissenschaftler Marcus Stiglegger von der Universität Siegen. Stiglegger ist Autor des Buches Nazi-Chic und Nazi-Trash, Faschistische Ästhetik in der Populärkultur.

Warum die Mode von einst gerade so beliebt ist, hat für den Autor mehrere Gründe: "Zunächst wächst der Abstand zur historischen Epoche Nazi-Deutschlands. Die junge Generation der 20-Jährigen wächst heute ohne konkreten historischen Bezug zu dieser Zeit auf".

Nationalsozialistische Elemente neu codiert

Stiglegger meint auch, es sei weniger die Mode dieser Ära, die heute wieder so populär ist, sondern die typischen Materialien und einzelne modische Elemente, die sie aufweist. Ihm fallen dabei einige Konstanten auf: "Elemente des Traditionellen, wie bei den Trachten, natürliche Materialien wie Horn, Filz oder Leder und klare Gender-Spezifika in der Formgebung, wie etwa die Taillierung beim Dirndl. Bei den Frisuren gilt Ähnliches: Der ausrasierte Nacken bei Männern gilt als Zeichen von Männlichkeit, geflochtene Zöpfe bei langem Frauenhaar assoziieren Weiblichkeit".

"Bei diesen Tendenzen ist allerdings anzumerken, dass es sich nicht um eine gezielte Rekonstruktion historischer Kleidung handelt, sondern eher um eine Übernahme bestimmter Elemente, die neu kombiniert werden. Dabei ist allerdings zu unterschieden zwischen Uniformelementen, also dem eigentlichen 'Nazi-Chic', und andererseits der Mode dieser Zeit, die nicht per se ideologisch codiert ist, dem 'Periodic Chic'", so Stiglegger.

Mitglieder der Neonazi-Szene präsentieren sich hingegen in völlig anderer Kleidung, fernab von braunem Hemd und schwarzer Hose. Marken wie "Thor Steinar" oder "Lonsdale" weisen in ihrer Mode sehr viele Elemente der Streetwear auf. Kapuzenjacken, Polo-Shirts und Baseballkappen haben allesamt keinerlei Gemeinsamkeiten mit der Mode der dreißiger und vierziger Jahre.

Laut Stiglegger ist die junge Generation auf eine andere Weise an die modischen Elemente aus den dreißiger und vierziger Jahren gewöhnt. In Filmen wie Inglorious Basterds oder Operation Walküre tauchten diese Elemente neu codiert auf und würden cool inszeniert. Das gelte auch für Computerspiele. "Auf diese Weise geht möglicherweise tatsächlich das Bewusstsein verloren, dass es sich dabei früher einmal um die Ästhetik eines menschenverachtenden Regimes handelte. Aber es ist weiterhin die Pflicht des Bildungssystems, hier Aufklärung zu betreiben", meint Stiglegger.