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Billige Hollywoodkopien:"Ratatoing" statt "Ratatouille"

Mockbuster

Edelratte vs. Billigratte: Pixars "Ratatouille" und das brasilianische "Ratatoing".

(Foto: Video Brinquedo/Youtube/Imago)

Wie kleine Produktionsfirmen aus aller Welt Hollywoodfilme billig kopieren.

Von Nicolas Freund

Die Filmgeschichte ist reich an Merkwürdigkeiten. Zu den seltsamsten Dingen, die in Filmform aufs Publikum losgelassen werden, gehören nachgemachte Blockbuster. Diese sogenannten Mockbuster versuchen mit billigsten Mitteln, etwas vom Profit der großen Hollywood-Produktionen abzubekommen. Ein erfolgreiches Franchise wird mit Mikro-Budget imitiert und mit einem möglichst ähnlichen Namen auf den Markt geworfen. "Piraten der Karibik" statt "Fluch der Karibik", "Atlantic Rim" statt "Pacific Rim", "Little Cars" statt "Cars". Je dreister, desto besser, irgendjemand wird schon darauf reinfallen. Nur: Wer schaut so etwas? Und kann man damit wirklich Geld verdienen?

Schon in den Neunzigern lagen pünktlich zum Kinostart jedes Disney-Films eigenartige Videokassetten neben der Supermarktkasse, von denen fast dieselben Zeichentrickfiguren wie von den Disney-Filmplakaten grinsten. Aber eben nur fast. Pocahontas und Aladin sahen so aus, als wären sie lustlos mit Filzstiften abgemalt worden, der "König der Löwen" wurde zum "König der Tiere" befördert, "Bambi" in "Goldie" umgetauft. Die Figuren und Themen waren die aus den Disney-Filmen, aber die Umsetzung bizarr. Diese nachgemachten Filme waren kurz, wirr, voller Logikfehler und hatten so gar nichts vom Zauber der aufwendigen Kinofilme. Kinder bemerkten die Fälschung sofort, höchstens Großeltern oder andere Aufsichtspersonen, die von Disney-Filmen keine Ahnung hatten, fielen auf die dreisten Imitate herein. Hinter diesen Produktionen steckte oft ein deutsches Unternehmen, Dingo Pictures, das sich auf ungewöhnliche Vertriebswege wie frühe Spielekonsolen spezialisiert hatte, um seine Werke zu verkaufen. Die Website von Dingo Pictures ist noch online, Filme werden aber keine mehr produziert.

In "Age of the Hobbits" gehe es gar nicht um Hobbits, behaupten die Macher. Verklagt wurden sie trotzdem

An der Supermarktkasse liegen ja auch längst keine Videokassetten mehr, und auf den Spielekonsolen von heute laufen Streamingdienste. Dreist kopiert werden inzwischen auch keine Zeichentrickfilme mehr, sondern die Animationsfilme von Pixar und die Superheldenstreifen von Marvel: "Ratatoing" statt "Ratatouille", "Metal Man" statt "Iron Man". Diese Filme sind keineswegs nur in obskuren Nischen zu finden. Auf Amazons Streamingdienst Prime Video stehen Imitate von Indiana Jones, Tomb Raider und Marvels Avengers neben den Originalen, DVDs und Blu-Rays mit solchen Fälschungen sind im Handel erhältlich.

Aber kauft wirklich jemand aus Versehen "Metal Man" statt "Iron Man", vor allem, wenn schon das Titelbild den Trash geradezu herausschreit? Ein Gerichtsprozess zwischen Warner Brothers und der Produktionsfirma The Asylum, die unter anderem "Titanic 2" im Programm haben, gab darauf eine Antwort. Er endete 2012 nicht nur damit, dass der Asylum-Film "Age of the Hobbits" umbenannt werden musste, was kein Problem war, da er ohnehin nichts mit "Der Hobbit" oder "Der Herr der Ringe" zu tun hatte. Warner präsentierte bei dem Prozess als Beweis auch Umfragen, denen zufolge 30 bis 40 Prozent der Zuschauer von solchen einander ähnelnden Titeln zumindest verwirrt würden. Den Begriff "Hobbits" würde nur knapp die Hälfte der Befragten mit Tolkien in Verbindung bringen.

Sich mit ähnlichen Titeln und Design die Marketingkampagne zu sparen und darauf zu hoffen, dass ein paar Zuschauer nicht so genau hinsehen, ist also gar kein so schlechtes Geschäftsmodell, vor allem wenn die eigenen Kosten meist unter einer Million Dollar oder sogar nur ein paar Zehntausend Dollar betragen. Bei den hohen Zuschauerzahlen großer Blockbuster reicht es, wenn nur eine kleine Prozentzahl auf den Fake hereinfällt. Ein besonders dreiste Täuschung der Zuschauer also?

"Cars" wurde in der Nachahmerversion zu "Little Cars".

(Foto: imago/ZUMA Press; Video Brinquedo/Youtube)

Die Macher solcher Filme sehen das natürlich anders. Asylum behauptete im Falle des Hobbit-Mockbusters, es sei klar, dass hier nicht kopiert würde. Der Film handle von der ausgestorbenen, kleinwüchsigen Menschenspezies Homo Floresiensis in Indonesien, denen Wissenschaftler den Spitznamen Hobbit gegeben haben. Das klingt so, als hätte das Studio seine Drehbuchautoren gleich noch als Anwälte eingesetzt. Den Fall verlor Asylum auch, in anderen Fällen klagen die großen Studios aber oft gar nicht erst, um den Imitaten nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu bescheren.

Das brasilianische Studio Vídeo Brinquedo hat sich auf Pixar-Kopien spezialisiert

Andere Mockbuster-Filmemacher versuchen tatsächlich, ihre Werke sozialkritisch zu rechtfertigen. Der britische Guardian stöberte erst kürzlich Mitarbeiter des brasilianischen Studios Vídeo Brinquedo auf, die sich auf Kopien von Pixar-Filmen spezialisiert haben. Für viele Filmemacher sei das die einzige Möglichkeit, in den Beruf einzusteigen und mit dem Filmemachen überhaupt Geld zu verdienen. Außerdem sorgten solche Filme aus anderen Ländern als den USA für mehr Diversität, und sie seien für ein ärmeres Publikum erschwinglicher. Das sind natürlich Scheinargumente, denn wirklich billiger als die Originale sind solche Filme für Zuschauer oft gar nicht, und ob jemand mit "Ratatoing" als Referenz in Hollywood eine Chance hätte, sei dahingestellt.

Inzwischen finden die Mockbuster den Großteil ihres Publikums auf Youtube. Manche haben dort eine regelrechte Zweitkarriere hingelegt und spuken als gruslige Kuriositäten durch die Kanäle. Es gibt ein ganzes Genre von Shows, die sich mit Leidenschaft und Fassungslosigkeit den Schrottstreifen widmen, jeden Fehler und jede Dummheit aufzählen und damit Millionen Aufrufe erreichen. Manche der Videos sind fast so lang wie die Filme, die sie kritisieren. Ein Teil des kleinen, aber stabilen Erfolgs von Mockbustern besteht natürlich auch darin, das zeigen auch die Aufrufszahlen bei Youtube, dass es ein Publikum gibt, das diese Filme genau deshalb anschaut, weil sie so sagenhaft dreist und schlecht sind. Bei Tele 5 gibt es mit "Die schlechtesten Filme aller Zeiten" im deutschen Fernsehen sogar eine ganze Sendung, die solche und andere Werke zelebriert. Das wird dann wiederum in sozialen Netzwerken gefeiert. Die Trashfilme sind Motoren eines ganzen Medienzweigs geworden.

Der Spaß am Trash ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für Mockbuster, weil es ihnen trotz aller Mängel gelingt, bei ihrem Publikum große Emotionen zu wecken. Und zwar die, für die Hollywood sich nicht zuständig fühlt: Empörung, Wut, Entsetzen, Fassungslosigkeit, Schadenfreude. Aber das sind genau die Gefühle, die auch in den sozialen Netzwerken am besten funktionieren.

© SZ/ebri
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