Mobbing Wie Jungen zu Mobbingopfern und dann zu Tätern werden

Besonders die frühen sozialen Begegnungen prägen das Verhalten von Kindern in der Schule. Wer gemobbt wird, verlernt auf andere zuzugehen.

Seit dem Amoklauf in München wird wieder mehr über Mobbing gesprochen. Vor allem viele Jungen reagieren auf Kränkungen mit totalem Rückzug oder Aggression.

Gastbeitrag von Wolfgang Schmidbauer

In der Verbindung mit dem Gespenst des Schüler-Amoklaufs hat der Begriff des Mobbing neue Aktualität gewonnen. Viele Täter, so heißt es, seien Mobbingopfer gewesen. Der junge Mann, der in München neun Menschen erschoss, wurde laut Berichten von Mitschülern schikaniert. Sie urinierten auf seine Kleider, misshandelten ihn, nahmen ihm Sachen weg.

In der Verhaltensforschung wird mit Mobbing die feindselige Reaktion von Tieren in Gruppen beschrieben. Krähen "mobben" die Eule oder die Katze, die sich ihrer Kolonie nähert, indem sie krächzen und Drohangriffe fliegen. Hühner "mobben" das hinkende, das räudige Huhn.

Wer die Gefühlsmischungen menschlicher Mobber untersucht, findet die Szene aus der Tierbeobachtung durchaus triftig: Wer mobbt, tut es meist, weil das Opfer seine Erwartungen nicht erfüllt. Es sind primitive Erwartungen, nicht unbedingt niveauvoller als die des Huhns, das den hinkenden Artgenossen hackt: Gemobbte "stören", sie "passen nicht zu uns", sie sollen verschwinden oder müssen passend gemacht werden.

Frühe soziale Beziehungen prägen das Verhalten in der Schule

Aber dieses Modell mit seiner schlichten Zweiteilung von Tätern und Opfern wird der Realität selten gerecht. Ob ein Kind befriedigende soziale Beziehungen aufbauen kann oder nicht, hängt von Regelkreisen ab. In der Begegnung mit einer Gruppe beleben sich frühe Erfahrungen. So ist es wichtig, ob sich das Kind in seinen frühen Beziehungen erwünscht und "interessant" gefühlt hat. Es wird sich dann später auch in der Schulklasse für die anderen Kinder interessieren und auf diese zugehen.

Waren die frühen Beziehungen von Feindseligkeit geprägt, wird ein Kind eher auch die Mitschüler fürchten, sich zurückziehen, Halt in der Anpassung an die Lehrer suchen, andere kritisieren oder verpetzen. Solche Gefühle von Kindern sind nicht zwingend von den Eltern bestimmt. Geschwister und Spielkameraden spielen eine ebenso wichtige Rolle.