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"Identitti": Roman von Mithu Sanyal:Unangreifbar bleiben

Die Publizistin Mithu Sanyal, 1971 in Düsseldorf-Oberbilk geboren. "Identitti" ist ihr erster Roman.

(Foto: Guido Schiefer)

Eine antirassistische Starprofessorin hat ihre weiße Herkunft unterschlagen und stürzt den deutschen Identitätsdiskurs ins Chaos: Mithu Sanyals wildes Romandebüt "Identitti".

Von Tobias Kniebe

Das wichtigste Gefühl stellt sich hier früh und fast wie nebenbei ein, noch bevor etwas Dramatisches passiert. Die Studentin Nivedita kommt gerade mit dem Zug in Düsseldorf an. Auf dem Bahnhofsvorplatz begrüßt sie ein warmer Nieselregen, und "hinter den Wolken räusperte sich ein kleinlauter Donner". Dieser kleinlaute Donner, man mag ihn sofort, und man würde ihn gern ermutigen, ein bisschen mehr die Sau rauszulassen. Vor allem aber mag man dann auch gleich die Erzählerin, der man sich hier anvertraut.

Nivedita, indischer Vater, deutsche Mutter, ist auf Twitter und ihrem Blog, wo sie zu Fragen von Feminismus und Identitätspolitik Stellung nimmt, unter dem Kampfnamen "Identitti" bekannt. Sie wohnt in Düsseldorf-Oberbilk und studiert an der Heinrich-Heine-Universität, im Masterstudiengang Intercultural Studies/Postkoloniale Theorie. Den indischen Vater, die Alma Mater, die Leidenschaft für Identitätspolitik und für den Stadtteil Oberbilk teilt sie mit ihrer Schöpferin Mithu Sanyal. Die ist Autorin für viele Medien, vom WDR über die taz bis zum Guardian. Ihre kulturwissenschaftlichen Sachbücher "Vulva - die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" und "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" fanden große Beachtung.

In diesem Romandebüt geht es nun aber weniger ernst und sachlich zu, wie das etwas albern klingende "Identitti" im Titel schon erfolgreich signalisiert. Nivedita führt zum Beispiel gern imaginäre Gespräche mit einer gewissen Kali und dokumentiert diese dann in ihrem Blog. Kali wird vorgestellt als "indische Göttin mit zu vielen Armen und einer Kette aus den abgerissenen Köpfen ihrer Feinde", die bei genauerem Hinsehen alle Männer sind. Sie sagt Dinge wie: "Lass uns um die Wette ejakulieren. Wer am weitesten spritzt, hat gewonnen." Es geht also auch um Sex, wenn auch wirklich nur am Rande.

Weiße werden schon vom ersten Proseminar demonstrativ ausgeschlossen

Sehr viel mehr geht es um ein Grundgefühl, das Nivedita seit ihrer Kindheit verfolgt und nie ganz loslässt - keinen Platz in der Gesellschaft zu haben, in der sie lebt. Nicht wirklich deutsch zu sein, aber auch nicht indisch genug, um sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Eine Schlüsselszene handelt etwa davon, wie Nivedita als Achtjährige bei ihrer Cousine in Birmingham zu Besuch ist und von den anderen Kindern indischer Eltern in der Straße als "Coconut" ausgelacht wird, bis sie mit einer Glasscherbe in die Haut schneidet, um zu beweisen, dass sie innen genauso rot ist wie alle anderen.

Von diesem Leid wird Nivedita erst im Studium befreit, von eine Frau, die nicht nur eine berühmte, gefeierte und gefürchtete Professorin indischer Herkunft ist, sondern auch Ersatzmutter und Erlöserinnenfigur. Sie nennt sich Saraswati, nach der hinduistischen Göttin für Weisheit, einen bürgerlichen Namen braucht sie nicht. Als Autorin des Bestsellers "Decolonize your Soul" ist sie der Star von Talkshows und Podiumsdiskussionen, selbst international weist sie Gegner wie Jordan Peterson in die Schranken. Ihre Studentinnen und Studenten, die allesamt People of Color sind - Weiße werden schon vom ersten Proseminar demonstrativ ausgeschlossen - lockt sie mit Charme und Empathie in eine verschworene Gemeinschaft. Und niemand ist enger an sie gebunden als Nivedita, ihre Lieblingsschülerin.

Ein sorgfältig konstruiertes Set-up, damit die angekündigte Bombe umso heftiger explodieren kann. Denn schon bald wird Saraswati als Schwindlerin enttarnt: Sie heißt eigentlich Sarah Vera Thielmann und stammt aus einer Zahnarztfamilie in Karlsruhe, ihre verstorbenen Eltern waren beide weiß und sehr deutsch. Nach dem Studium in Indien und vor dem ersten postkolonialen Bestseller - geleakte Fotos beweisen es - unterzog sie sich einer Hormonbehandlung für den Hautton und einem chirurgischen Eingriff für ihre majestätischen Augenlider. Twitter tobt, fassungslose und wütende Studenten demonstrieren, der Fall macht weltweit Schlagzeilen, und Nivedita ist im Innersten getroffen: Verraten von der Frau, der sie im Leben im meisten verdankt, und aufs Neue zurückgeworfen in ein Chaos der Identitäten.

Sanyals Twitter-Netzwerk fungiert hier als griechischer Chor

Der Shitstorm-Aspekt des Buches funktioniert nun sehr gut. Mithu Sanyal hat selbst schon ein paar Stürme im Netz überstanden und auf Twitter viele Schlachten geschlagen. So hat sie nun Twitter-Freunde, Sparringspartner und Kritiker gebeten, den Fall Saraswati wie ein reales Ereignis zu behandeln und in Form von kommentierenden Tweets zu begleiten, die eingestreut werden wie ein griechischer Chor. Fatma Aydemir, Patrick Bahners, Meredith Haaf, Fatima Khan, Ijoma Mangold, Jacinta Nandi, Ruprecht Polenz, Jörg Scheller, Hilal Sezgin, Minh Thu Tran, Hengameh Yaghoobifarah und viele weitere haben mitgemacht, nur wirkliche Hass-Kommentare sind fiktiven Sprechern zugeordnet. Das fühlt sich alles sehr echt an.

Und ganz absurd ist das Szenario des Romans ja wirklich nicht: Es erinnert an den Fall Rachel Dolezal in den USA, die 2015 ihre Posten als scheinbar afroamerikanische Bürgerrechtsaktivistin und Lehrbeauftragte räumen musste, als herauskam, dass ihre Eltern beide weiß waren. Im vergangenen September folgte die Entlassung von Jessica Krug, einer weißen Professorin an der George Washington University, die sich ihre ganze Karriere lang als Afrolatina "Jess La Bombera" ausgegeben hatte. Und im Dezember kam heraus, dass die kanadische Regisseurin Michelle Latimer mit einer nur imaginierten Identität als Native American über Jahrzehnte hinweg Regieaufträge und Stipendien abgegriffen hatte, die eigentlich den Nachfahren kanadischer Ureinwohner eine Stimme geben sollten.

Großes Entsetzen, Kündigung, Ächtung - angesichts der Folgen, die man real erlebt hat, geht der Roman mit seiner Übeltäterin nun aber äußerst milde um. Die empathische Nivedita beschließt, auf Twitter erst einmal zu schweigen und ihre Professorin persönlich zur Rede zu stellen. Was auch kein Problem ist, denn diese öffnet ihr willig die Tür zur Penthouse-Wohnung und gleich auch das Gästezimmer. Während draußen der Shitstorm tobt und Sprechchöre hallen, findet drinnen eine tagelange intime Diskussion in größter Sommerhitze statt.

Immerhin habe sie die Postcolonial Studies in Deutschland erst etabliert

Zur ihrer Verteidigung beginnt Saraswati erst einmal, die Konzepte von "race" und "gender" und einer an den Körper gebundenen Identität in der Luft zu zerpflücken, munitioniert mit allen berühmten Gewährsfrauen und -männern des Diskurses. Damit ist sie recht überzeugend, "Identitti" will klüger sein als der nächstliegende, essentialistische Aufschrei der Empörung. Außerdem kann Saraswati darauf verweisen, dass sie die Welt für People of Color ganz real verbessert hat, was in der Sichtweise von Theoretikern wie Ibram X. Kendi sowieso die einzig valide Definition von Antirassismus ist.

Weiterhin rechtfertig sich die Enttarnte damit, bereits in den Neunzigerjahren "konvertiert" zu sein, als das noch keine akademischen Vorteile versprach, und die Postcolonial Studies mit ihrer Eloquenz und Brillanz in Deutschland erst etabliert zu haben. Wäre sie eine reale Figur, ließen sich auch diese Argumente nicht so leicht vom Tisch wischen. Sie ist aber halt doch ein Konstrukt ihrer Autorin - sorgfältig entworfen, um trotz ihrer Lüge fast unangreifbar zu sein. Und da stellt sich dann die große Warum-Frage: Warum erfindet man im Jahr 2021 eine Protagonistin weißer Herkunft, die alles darf und allen anderen so überlegen ist, dass sie über Hunderte Seiten das letzte Wort hat, sich sogar nach der Erfahrung von Diskriminierung sehnt und nie einen Fehler eingestehen will?

Mithu M. Sanyal: Identitti. Roman Hanser, München 2021. 432 Seiten, 22 Euro.

Mithu Sanyal weiß natürlich selbst, dass derart besserwisserisch-dominante Charaktere Aversionen auslösen, egal welche Hautfarbe sie haben. In der gewählten Konstellation ist es besonders schwer zu ertragen, aber sie zieht es trotzdem unerschrocken durch. Der Grund könnte ironisch und auch ein bisschen frivol sein, eine Demonstration der Stärke - weil sie es als Autorin of Color, die mit allen Wassern des Diskurses gewaschen ist, eben kann. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie ihr Publikum durch eine Art Exerzitium schicken will, an dessen Ende ein neues Gefühl von Einheit und eine kathartische Erkenntnis steht: Dass der progressive Teil der Gesellschaft einfach besser zusammenhalten sollte - zum Beispiel gegen den rechten Terror in Deutschland, der ganz real Menschenleben kostet.

© SZ/masc
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