Mitbestimmung Tod den Tanzdiktatoren!

Junge Tänzer wollen mitbestimmen. Dazu gründen sie Organisationen wie „Dancersconnect“.

(Foto: Gert Weigelt)

Junge Tänzer wollen sich nicht mehr nur den Direktiven von Kompaniechefs unterwerfen. Sie proben den Aufstand. Dafür gründen sie nun Organisationen.

Von Dorion Weickmann

Drill gehört zum Tanzmetier dazu wie der Spitzenschuh zur Ballerina. So lautete das oberste Gesetz in den Ballettsälen der Welt. Wer im Tanz Karriere machen wollte, benötigte einen idealen Körper, sehr viel Disziplin, Unterwerfungsbereitschaft und die Fähigkeit, den Mund zu halten. Also abzunicken, was Lehrer und Ballettmeister verlangten, und nichts zu hinterfragen. Nun aber geht die Ära der Autokraten zur Neige. Der Zeitgeist und zuletzt die "Me Too"-Debatte sorgen dafür, dass die nachwachsende Tanzgeneration nicht mehr willens ist, jeden Preis zu zahlen für einen Beruf, der als Berufung idealisiert wird. Weil der Job im Alltag eben maximale Anstrengung bei oft minimalem Verdienst bedeutet.

Das strenge Regime trat in Kraft, als der Sonnenkönig von Versailles 1661 die erste Tanzakademie ins Leben rief. Ludwig XIV. stellte die Kunst, die er selbst über alle Maßen liebte und sogar persönlich praktizierte, auf das Fundament einer absolutistischen Herrschaft über Leib und Seele. Die pädagogische Flügelstutzerei wurde in Buchform propagiert, von Generation zu Generation weitergereicht und bis auf die Bühne verlängert. Dort trat der Tänzer als Instrument einer choreografischen Allmacht in Erscheinung, die auch hinter den Kulissen befehligte.

Erst im späten 20. Jahrhundert setzte ein Erosionsprozess ein, eingeleitet von choreografischen Neuerern wie dem Amerikaner William Forsythe. Sie betrachteten ihre Tänzer nicht länger als Werkzeuge, sondern als Co-Autoren: als Künstler mit Persönlichkeit, als Kreative mit eigener Fantasie, als Arbeitnehmer mit Rechten.

Und genau darauf pochen Tänzer nun weltweit. Sie rebellieren in bis dato ungekanntem Ausmaß und mit unkonventionellen Formen. In New York trat im Frühsommer die Belegschaft des traditionsreichen Alvin Ailey American Dance Theater in einen Streik - nicht etwa auf der Bühne, sondern beim Sponsoren-Dinner. Die Tänzer schwänzten das Event, um ihre Gönner darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Gehaltsverhandlungen in einer Sackgasse steckten. Offenbar erfolgreich, die Beschwerden sind verstummt.

In Paris brachte Frankreichs Aushängeschild, das Ballet de l'Opéra, seine Direktorin Aurélie Dupont in Bedrängnis. Ausgangspunkt war eine Arbeitsplatzbefragung der Tänzer, deren Ergebnis sowohl für Dupont wie auch für ihre Vorgänger alles andere als vorteilhaft ausfiel. Beklagt wurden schlechtes Arbeitsklima, mangelhafte Kommunikation, diverse Variationen von Mobbing, Belästigung und Einschüchterung - so offen hat noch kein Corps de ballet seine Vorgesetzten kritisiert. Dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, ist einem Leck geschuldet, das die Leitung der Opéra nun wie einen Hochverrat behandelt. Sie verklagt den Tänzer, der den Presseversand des digital aufbereiteten Dossiers ermöglichte. Dabei weiß es Generaldirektor Stéphane Lissner eigentlich besser, sprach er doch unlängst von einem "Generationenkonflikt" im eigenen Haus: Die Zeiten, da Tänzer jede Willkür erdulden und still schweigen, sind passé.

Die Gewerkschaft Verdi war in Berlin mit von der Partie, auch das ist ein Novum

In Deutschland lässt sich ziemlich genau datieren, wann diese Selbstermächtigung einsetzte. Vor drei Jahren streikte das Berliner Staatsballett, monatelang fielen Vorstellungen aus, der Schaden summierte sich auf eine knappe Million Euro. Der Geschäftsführer Georg Vierthaler gab zunächst markige Worte von sich und versuchte, die widerspenstige Belegschaft wieder einzufangen. Am Ende aber wurde ein Haustarifvertrag unterzeichnet, der so ziemlich alles in Paragrafen goss, was die Tänzer verlangt hatten - von besseren Arbeitszeitregelungen bis zu klaren Gehaltsstrukturen. Durchgesetzt hatten die Künstler das mithilfe einer Gewerkschaft, die ihre Mitglieder bislang nur im technischen und administrativen Teil des Theaters vertreten hatte, dafür aber besonders schlagkräftig ist: Verdi war mit von der Partie, auch das ein Novum. Im Rückblick hat der Berliner Arbeitskampf tatsächlich die Ensemblekultur hierzulande verändert.

Denn das Hauptstadt-Exempel führte dazu, dass sich Tänzer auch andernorts mit der eigenen Situation auseinandersetzten. Letztes Jahr gründeten die Kompaniesprecher ein bundesweites Netzwerk namens "Dancersconnect", das Arbeitnehmerpendant zur "Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz". Manche Arbeitgeber begreifen das offenbar als Provokation. Dem Dancer-Vorstand sind jedenfalls Repressalien gegen Tänzer bis hin zur drohenden Nichtverlängerung ihrer Verträge zu Ohren gekommen. Das spricht für einigen Diskussionsbedarf, und genau da setzt Dancersconnect an: "Es geht um einen Dialog auf Augenhöhe, der den Direktoren klarmacht: Ihr habt es nicht mit Kindern zu tun, sondern mit mündigen Erwachsenen, mit Profis, die wissen, was sie tun." Das sagt der Tänzer Friedrich Pohl, der zu den Vorstandsmitgliedern der Initiative gehört und bislang beim Ballett am Rhein beschäftigt war. Dort steht nach dem kürzlich verkündeten Abgang von Martin Schläpfer ein Leitungswechsel an. Wenn es nach Pohl geht, soll auch das Ensemble seine Meinung einbringen und möglichst in einer Findungskommission vertreten sein.

Eine Idee, die nicht länger reines Wunschdenken ist. Zwar werden Theater und Opernhäuser noch immer Top-Down regiert, Mitbestimmungsmodelle sind regelmäßig gescheitert. Trotzdem erscheint es nicht mehr zeitgemäß, über die Köpfe der Betroffenen hinweg Dispositionen zu treffen und Direktoren zu installieren. Dancersconnect setzt auf Ausgleich statt Konflikt, was nicht zuletzt der Kunst zugutekommt. Denn Pohl und seine Kollegen wissen um den wirtschaftlichen Druck, der auf den Theatern und ihren Vorgesetzten lastet. Deshalb wollen sie mehr Verantwortung tragen, was zunächst heißt: Hindernisse abschaffen. Dass etwa ausländische Tänzer weder ihre Rechte kennen noch den Inhalt der deutschsprachigen Arbeitsverträge verstehen, passt nicht zum Image einer Branche, die sich gern für ihre Weltoffenheit und Internationalität feiern lässt.

Dancersconnect ist Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins, und das ist auch gut so. Die Youngsters wollen wissen, was sie tun sollen und warum, statt Direktiven abzuarbeiten. Ihre Haltung steht für das, was Kunst generell für sich in Anspruch nimmt: Es geht um die Anerkennung von Autonomie. Passend dazu hat die britische Tanzkritikerin Judith Mackrell gerade den "Tod der Tanzdiktatoren" ausgerufen. Zeit wirdʼs.