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"Missverstanden" im Kino:Familie als Horrorfilm

Missverstanden

Ist Mama wirklich eine Hexe? Die neunjährige Aria (Giulia Salerno) in den Armen ihrer Mutter (Charlotte Gainsbourg).

(Foto: Alamode Film)

Der Vater gleicht einem SS-Gruppenführer, die Mutter nennt sich "Hexe" und die Halbschwester ist ein debiles Riesenbaby. "Missverstanden" erzählt die Geschichte von Aria - ihr Leben ist ein Trauma der Nichtbeachtung.

Die erste Ohrfeige der Mutter setzt es nach etwa drei Minuten. Dafür, dass Aria die Fleischbällchen aus dem Fenster geworfen hat, die ihr die Mutter zum Abendessen aufzwingen wollte. Aria, neun Jahre alt, hasst Fleischbällchen, aber ihre Mutter hasst Aria. Das eine ist nicht weniger klar als das andere. Kein Grund also, schockiert zu sein: Arias Blick nach dem Schlag ins Gesicht ist zwar entsetzt und todtraurig, aber auch der Blick von jemandem, der genau weiß, wie es um ihn und um die anderen bestellt ist.

Es ist dieser sanfte Blick, der aus Aria (Giulia Salerno) alles andere als ein Opfer macht - und aus Asia Argentos "Missverstanden" keinen wehleidigen und anklagenden Opferfilm über ein vernachlässigtes und geschlagenes Kind. Eher ist Aria Zuschauerin eines Horrorfilms. Denn diese bürgerliche römische Künstlerfamilie, Mitte der Achtzigerjahre, ist im höchsten Maße bizarr und entstellt - als seien Arias richtige Eltern und Geschwister schon längst durch Dämonen ersetzt worden.

Die Familie ist ein Horrorkabinett

Da ist einmal der Vater, ein großer, blonder Schauspieler, der prima einen SS-Gruppenführer in einem italienischen Exploitation-Film der Epoche spielen könnte. Beim Joint-Bauen wird er ausgeleuchtet wie Boris Karloff. Er leidet ständig an Migräne und fürchtet sich hysterisch vor zerbrochenen Spiegeln, schwarzen Katzen und verschüttetem Salz. Ebenso okkult erscheint die Mutter (Charlotte Gainsbourg), angeblich Pianistin, eher Partygirl, die nach der Trennung von Arias Vater ihr Leben genießt. "Ich bin eine Hexe", sagt sie Aria.

So behandelt sie auch die Männer, die sie reihenweise bezirzt und schnell wieder fallen lässt, mit der gleichen Kälte, mit der sie Aria ignoriert. Bald wird diese in die neue Wohnung des Vaters abgeschoben. Um dort von einem weiteren Prachtexemplar in diesem Horrorkabinett malträtiert zu werden: Ihre ältere Halbschwester ist ein debiles, blondes Riesenbaby mit fettem Hintern, das in einer Plüschtierwelt lebt, vom vielen Schokoladefressen Fieber kriegt und von Papa verhätschelt wird, mit dem sie quasi inzestuös zusammenlebt.

Bald findet sich Aria also auf der Straße wieder, wohnt mal hier, mal da, mal nirgends. Bleibt nur Dac, ein herumstreunender Kater, den sie aufliest, der ihr aber natürlich auch wieder verboten wird (der Vater ist allergisch), sowie ihre beste Freundin, die sie irgendwann ebenfalls im Stich lässt. Dass sie in der Schule auch zur Außenseiterin wird, versteht sich bei diesem Programm konsequenter Demütigungen beinahe von selbst.

Eine Zahnspange als Folterapparat

Wenn das alles nie unerträglich schwer, pathetisch und mitleidstriefend wird, dann, weil Argento einen farbintensiven Horrorfilm gedreht hat, der Distanz und Verfremdung schafft. Der Film über eine vernachlässigte Tochter ist in Wahrheit eine filmstilistische Hommage der Regisseurin an ihren Vater: an Dario Argento, den Meister des italienischen "Giallo". Also jenes Horrorfilmgenres, in dem der Schwerpunkt nicht auf der Handlung liegt, sondern auf der Extravaganz der Plastik, des Dekors, der Farben, kurz: auf schriller Künstlichkeit.

Während nun im Giallo meist blutige Gemetzelszenen den ästhetischen Reiz ausmachen, sind es hier subtilere Kinderalbträume. Arias Zahnspange erscheint auf einmal wie ein Folterapparat, wenn der Vater der in Tränen aufgelösten Aria Beruhigungstropfen in den eingedrahteten Mund träufelt. Eine andere verstörende Szene: Aria saugt an der Brust ihrer Hexen-Mutter, die sie plötzlich zärtlich in den Arm nimmt. Fürsorge und Horror - beides liegt nah beieinander.

Aber manchmal reicht es einfach, die Kamera in Arias Rücken zu postieren, wenn eine Lehrerin sie mit der Hand unsanft zum Pult schubst. Die Kamera schiebt mit, lässt die Brutalität dieser unscheinbaren Geste im Rücken des Kindes auf einmal monströs werden. Alles ist künstlich und unwirklich - aber in dieser Unwirklichkeit extrem brutal und genau inszeniert. Also komplett real.

Immer wieder Demütigung und Desaster

Es ist, als hätte sich Aria längst von der gemeinen Außenwelt in ein eigenes barockes Universum zurückgezogen, das aber vom äußeren Horror imprägniert und durchdrungen bleibt. Es ist, als würden wir uns in ihrem Kopf befinden, in dem sich stets ein Trauma wiederholt. Wenn Aria etwa ihre eigene, von der Mutter ausgerichtete Geburtstagsparty verlassen muss, gibt es konsequenterweise noch eine zweite Party beim Vater, die ebenfalls in Demütigung und Desaster endet.

Die Konsequenz, mit der Aria ausgeschlossen wird, ist grandios. In Luigi Comencinis "Der Unverstandene" von 1967, den Argento kurz zitiert und der sich ebenfalls um ein Außenseiterkind dreht, gab es noch eine Versöhnung mit dem Vater: Im klassischen Melodrama ist die finale Katharsis eine starke Emotionsressource.

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Berührende Figur ohne Bedeutung

Argento ist da gnadenloser. Das Missverständnis zwischen Aria und der Welt ist nicht zu reparieren. Es ist also nicht so, dass die anderen einfach schuld an ihrem Unglück wären. Denn das Ausgeschlossenwerden macht die Protagonistin nicht nur zur distanzierten Beobachterin ihres Horrors, sondern auch, folgt man der Namensähnlichkeit zwischen Aria und Asia (Argento), zu dessen Regisseurin. Als diese wendet sich Aria am Ende aus dem Off an den Zuschauer und sagt: "Ich erzähle Ihnen meine Geschichte hier nicht, um als Opfer dazustehen. Sondern, um ein bisschen besser verstanden zu werden."

Wenn "Missverstanden" so berührend ist, dann, weil es das Drama einer Figur ist, die keinerlei Bedeutung hat, für niemanden. Die nicht verstanden, sondern nur missverstanden werden und sich höchstens darum bemühen kann, etwas Verständnis für ihre Unverständlichkeit zu bekommen; Verständnis dafür, dass sie weiter unverstanden bleiben wird. So paradox und schwierig das auch sein mag.

Missverstanden, IT/ FRA 2014 - Regie: Asia Argento, Buch: Argento, Barbara Alberti, Kamera: Nicola Pecorini. Mit Giulia Salerno, Charlotte Gainsbourg. RapidEye, 103 Min.

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