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Interview am Morgen: Missbrauch:"Die Kirche schützt ihre eigenen Leute"

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"Der Papst hat den Rücktritt nicht angenommen": Die Kritik von Regisseur François Ozon richtet sich auch gegen Franziskus.

(Foto: dpa)

François Ozon hat einen Film über Missbrauch in der katholischen Kirche gedreht. Ein Kardinal wurde deshalb verurteilt, ein Priester verlor sein Amt. Über die Macht des Kinos - und die unrühmliche Rolle des Papstes.

François Ozon, 51, hat als Starregisseur des französischen Autorenkinos schon viel erlebt. Seine Filme wie "8 Frauen", "Frantz" und "Jung & schön" wurden heiß diskutiert. So heftig wie im Fall seines Dramas "Gelobt sei Gott" waren die Reaktionen aber noch nie, wie er beim Treffen in Berlin berichtet. In dem Spielfilm rekonstruiert Ozon einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Frankreich.

SZ: Es gab Versuche, den Start Ihres Films per Gericht zu verschieben?

François Ozon: Ja, es gab zwei Prozesse. Einmal vom Anwalt von Bernard Preynat, dem Pater, dem der Missbrauch vorgeworfen wird. Der Prozess hat noch nicht stattgefunden, deshalb wollte er den Film verschieben lassen. Und Régine Maire, im Film die Psychologin, wollte, dass ihr Name entfernt wird. Aber beide haben verloren. Der Film konnte in Frankreich normal starten.

War es schwer, sich mit dem Thema Kindesmissbrauch in der Kirche zu befassen?

Ja, es war aufreibend und verstörend. Es bringt Dinge hoch, Erinnerungen, sehr intime Sachen. Ich bin ja selbst katholisch erzogen worden. Mir ist plötzlich wieder eingefallen, dass es da so einen Priester gab, der sich sehr seltsam benommen hat und sehr bizarr war mir gegenüber. Er atmete immer so heftig. Wir haben Verstecken gespielt, er drückte mich auch mal an sich. Plötzlich fragte ich mich: Ich bin nicht missbraucht worden, aber was wäre, wenn? Viele Kinder machen das durch. Es hat eine Untersuchung gegeben, dass innerhalb Europas jedes fünfte Kind, vor allem unter den Mädchen, missbraucht wurde.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Hatten Sie Schwierigkeiten, den Film zu finanzieren?

Es war wirklich schwer. Der wichtigste Fernsehsender und Partner für Regisseure wie mich ist in Frankreich Canal Plus. Die haben bislang all meine Filme finanziert. Diesmal haben sie abgelehnt. Wir haben später herausgefunden, dass einer der Chefs des Senders ein strenger Katholik, fast schon ein Fanatiker ist. Und er wollte auf keinen Fall, dass über das Thema ein Film gemacht wird. Ich glaube, mittlerweile tut es ihm leid, da der Film ein Erfolg ist. Nun, er zahlt jetzt für das nächste Projekt.

Was kann ein Film über dieses Thema leisten, außer Aufmerksamkeit zu erregen?

Mir war nicht bewusst, dass er so eine Wirkung entfalten würde. Er hat wirklich Folgen gehabt. Preynat ist nicht mehr Priester. Die Kirche hat ihn von seinen Ämtern entlassen, es ist sehr, sehr selten, dass so etwas geschieht. Kardinal Barbarin ist von der französischen Justiz verurteilt worden. Der Film war in Frankreich äußerst erfolgreich, obwohl er so kompliziert und hart ist. Er wurde von über einer Million Zuschauerinnen und Zuschauer gesehen, auch viele Katholiken haben ihn angenommen. Ich weiß, dass er in vielen Diözesen, auch in Ausbildungszentren für Priester gezeigt wird. Immer, wenn man mir früher die Frage gestellt hat, ob das Kino die Welt verändern kann, habe ich sofort Nein gesagt. Jetzt sage ich, vielleicht. Vielleicht kann es die Kirche verändern.

Wie ist die Stimmung in Frankreich?

Barbarin ist zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden und wollte daraufhin zurücktreten. Der Papst hat den Rücktritt nicht angenommen. Das war ein weiterer Skandal, weil der Papst immer behauptet, gegen Pädophilie zu sein, aber das tut, was die Kirche immer macht: Die Kirche schützt ihre eigenen Leute.

Preynat ist im Film ein komplizierter Böser. Er ist nicht schlicht der "böse Kinderschänder", er leugnet seine Taten nie. Gerade das macht ihn schwer greifbar und zu einer filmischen Herausforderung.

Ich wollte unbedingt einen Schauspieler, der über ein gewisses Charisma verfügt, der einen hübschen Kopf hat. Denn auch der echte Preynat ist bewundert worden. Er galt als ein gut aussehender Mann und hatte viel Macht. Deshalb war es mir sehr wichtig, keinen klassischen Bösewicht aus ihm zu machen. Ich wollte, dass er schöne Augen hat. Er hat nur überhaupt kein Bewusstsein dafür, was er da tut.

Berlinale

François Ozon auf einer Pressekonferenz während der Berlinale.

(Foto: Regina Schmeken)

Eine Ihrer Ideen war maskuline Fragilität. Was bedeutet das Wort für Sie?

Ich unterscheide nicht zwischen männlicher und weiblicher Empfindsamkeit. Aber Männer drücken ihre Empfindsamkeit nicht aus. Dabei streben wir doch nach Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Deswegen hatte ich Lust, davon zu erzählen, dass auch Männer Opfer sein können und wie sie damit umgehen. Unsere Gesellschaft ist immer noch sehr patriarchal, das Kino übrigens auch. Männer sind da meistens in Aktion und weinen nie, Frauen heulen immer.

Im Kino ist es oft so, dass der Mann beim Sex etwas gewinnt und die Frau etwas verliert. Das heißt, wenn ein Mann missbraucht wird, geht man darüber hinweg. Wenn eine Frau missbraucht wird, weint sie für den Rest des Films in der Dusche.

Ich wollte auch mit gewissen Ideen brechen. Beispielsweise war es in der Generation meiner Großeltern noch so, dass man da fast humorvoll drüber geredet hat: Ach, der Priester hat mich mal wieder angegrapscht. Dass das bei einigen ein Trauma auslösen kann, darüber ist nie reflektiert worden. Deswegen war es mir sehr wichtig, es anders zu thematisieren.

Es ist im Kino ein Kunststück, das Leid der Betroffenen zu zeigen, ohne sie auszunutzen. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich habe ich eine große Verantwortung gespürt. Denn es sind ja echte Menschen, deren Geschichte ich erzähle. Deswegen war es mir wichtig, ihre Familiennamen zu verändern und nur ihre Vornamen zu behalten. Das haben mir die Anwälte von Preynat und von Régine Maire auch vorgeworfen, aber deren Namen zu verändern hätte nichts gebracht. Alles, was sie im Film sagen, ist belegt. Trotzdem habe ich eine Fiktion gefilmt und musste meine Figuren schützen, weil ich mit ihren Frauen, Kindern und Eltern geredet habe, die sich noch nie öffentlich geäußert haben.

Im Film will ein Sohn, dessen Vater missbraucht wurde, von diesem wissen, ob er noch an Gott glaube. Er bleibt ihm die Antwort schuldig. Ist das die wichtigste Frage des Filmes?

Oui! Das ist die wichtigste Frage, weil mit ihr der Glaube infrage gestellt wird. Ich habe sie dem echten Vater gestellt und ich kenne auch seine Antwort. Sie war mal Teil des Drehbuchs, aber ich habe mich dann dagegen entschieden. Ich wollte es lieber offenlassen, da ich in dem Moment auch mit dem Publikum kommunizieren und ihm dieselbe Frage stellen kann: Glauben Sie nach alldem noch an Gott?

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"Gelobt sei Gott" von François Ozon erzählt von einem der schlimmsten Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Ein Balanceakt zwischen Kirchenkritik und Solidaritäts-Appell.   Von Fritz Göttler