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Missbrauch in Schulen:Du sollst nicht begehren

Wer nichts übrig hat für Halbwüchsigkeit, kann kein guter Lehrer sein. Aber was ist eigentlich der "pädagogische Eros"? Nicht doch ein anderer Name für Pädophilie?

Von einem Lehrer, der nicht nur sein Fach, sondern auch seinen Beruf liebte und (vielleicht) den ein oder anderen seiner Schüler zu begeistern wusste, der gar einen Teil seiner Freizeit opferte, um mit den Schülern nach Rom oder Griechenland zu fahren oder mit den besonders Interessierten eine nicht im Lehrplan verordnete Lektüre zu behandeln, sagte man gern, er sei vom "pädagogischen Eros" erfüllt.

Das war ein positives Etikett, auch wenn in den Applaus sich da und dort ein Hochziehen der Augenbrauen mischte. Nach den zu Tage gekommenen Vorfällen von sexuellem Missbrauch in katholischen Internaten, aber auch anderswo steht dieser Eros unter Generalverdacht: Ist das nicht nur ein anderer Name für das momentan schlimmste aller Schimpfwörter: die Pädophilie?

Der Erfinder des "Eros paidagogikós" ist Platon; die Schrift, in der sein Wesen grundlegend und wirkungsmächtig dargestellt wird, ist das "Symposion". Bei einem Gastmahl in Athen im Jahre 416v.Chr. unterhalten sich Sokrates und seine Freunde über die Liebe. Das Gespräch ist typisch griechischerweise als Wettstreit angelegt: Wer die schönste Lobrede auf Eros hält, gewinnt. Natürlich schießt Sokrates den Vogel ab, doch auch die anderen Redner tragen im Sinne Platons Wichtiges bei. Fundamental ist die Unterscheidung zwischen einer "himmlischen" und einer "gemeinen" Liebe, die - für Platons Zeitgenossen unanstößig, für heutige Leser mindestens befremdlich - am Beispiel der Knabenliebe durchgeführt wird.

Unterwerfung um der Tugend willen

Der schlechte Liebhaber, heißt es da, ist nur am Körper des Geliebten interessiert, es geht ihm, würden wir heute formulieren, lediglich um sexuelle Triebbefriedigung. Der gute Liebhaber wählt einen geistig und seelisch vielversprechenden Knaben, der seinerseits vom Verhältnis mit dem Älteren die Förderung seiner Anlagen erhofft und sich ihm "um der Tugend willen" unterwirft.

Das griechische Wort heißt etheloduleia: freiwillige Dienstbarkeit. Man könnte nun meinen, dass die besagte Unterscheidung auf den "platonischen" Leib-Seele-Dualismus hinausläuft. Dem ist aber nicht so. Auch das edle Liebesverhältnis bezieht die körperliche Hingabe des Knaben ein, wenn sie auch freilich nur Stufe ist. Endziel ist die "areté", die "Tugend" als eine dem Schüler erreichbare Bestform.

Sokrates korrigiert diese Zielbestimmung: Es kommt dem vom pädagogischen Eros Getriebenen letztlich nicht auf die Erziehung des einzelnen Knaben an, sondern auf "Zeugung". Wie das Zusammensein von Mann und Frau leibliche Kinder hervorbringt, so begehrt der Lehrer im Jüngeren weniger sterbliche Nachkommen zu zeugen: Er sorgt für das Fortleben und Fortschreiten der großen intellektuellen und moralischen Errungenschaften, etwa der Idee eines "richtigen" Lebens und einer gerechten Ordnung.

Aber auch dabei wird die körperliche Nähe nicht ausgeklammert. Die den pädagogischen Eros resümierende Formulierung lautet: "Indem er den Schönen berührt und mit ihm Umgang pflegt, zeugt er, wovon er die Samen schon längst in sich trug, anwesend, abwesend an ihn denkend, und gemeinsam mit ihm zieht er das Gezeugte auf."

Uff! Am Straftatbestand einer so engen Gemeinschaft von Lehrer und Schüler würde heute, zweieinhalbtausend Jahre später, außer Vertuschung und Verjährung kein Weg vorbeiführen. Will man den pädagogischen Eros, wie Platon ihn verstand, retten, müsste man entscheidende Abstriche machen und eine haarscharfe Grenzziehung zwischen Erlaubtem und Verbotenem auf sich nehmen.