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Missbrauch:"Als wäre ich ihr Spielzeug"

Jahrestagung der Schriftstellervereinigung PEN

"Ich habe allen Grund, eine große Wut auf diese Typen zu haben." Trotzdem wartete der Schriftsteller Josef Haslinger mit seinem Bericht, bis die Täter verstorben waren.

(Foto: Jens Wolf/picture alliance/dpa)

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger wurde als Kind im Klosterinternat missbraucht. In "Mein Fall" erzählt er von Trauma, Empathie und der Indifferenz der Behörden.

Aus erster Hand, nämlich vom Opfer, über sexuellen Missbrauch an einem Kind informiert zu werden, ist verstörend. Von einem 64 Jahre alten Mann erzählt zu bekommen, wie er als Bub einem Mönch unter die Kutte fasste und ihm als Masturbationshilfe diente, ist verstörend. Ihn lesend beim Abarbeiten an diesem Schicksal zu verfolgen, ist verstörend. Den älteren Herrn, der heute ein bekannter Schriftsteller ist und auch Professor, in der Lektüre von einer Beschwerdestelle zur anderen zu begleiten, wo er zur nächsten verwiesen wird, das ist dann aber fast schon bizarr.

Der Autor Josef Haslinger schildert seinen Fall. So heißt sein bewegendes Buch: "Mein Fall". Was daran ein wenig bizarr ist, das ist die Tatsache, dass Haslinger keineswegs vorhatte, diesen Fall in einem Buch darzustellen. So gesehen hat er ein neues Genre eröffnet: die literarische Zeugenaussage. Sie ist frei von Fiktionen und wäre, keine Frage, strafrechtlich hochgradig relevant, wenn die Übergriffe und die Gewaltorgien nicht lange verjährt wären. 50 Jahre sind eine lange Zeit.

Haslinger wollte aussagen. Mündlich. Nicht schriftlich. Es wurde ihm sogar zugehört. Einmal, zweimal, dreimal. Erst durfte er bei Brigitte Bierlein vorsprechen. Sie war zu dieser Zeit Präsidentin des österreichischen Verfassungsgerichtshofes, nach der Ibiza-Affäre leitete sie als Bundeskanzlerin die Übergangsregierung. Er wunderte sich, dass sie nicht mitschrieb, als er sein Schicksal offenbarte. Frau Bierlein, Mitglied der Unabhängigen Opferschutzkommission, hörte Herrn Haslinger, dem Opfer, zu und ermunterte ihn, sein Recht auf eine Entschädigung geltend zu machen. Sie versprach ihm, seinen Fall weiterzuleiten. Dann meldete sich Frau Klasnic, die Vorsitzende der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft. Waltraud Klasnic, die neun Jahre lang Landeshauptmann in der Steiermark war, hörte ihm freundlich zu. Die ganze Geschichte nochmal. Dann verwies sie ihn an einen Professor von der Ombudsstelle. Aber es passierte erst mal nichts. Bis ein Mitarbeiter von der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien sagte, er solle das doch aufschreiben. Als Schriftsteller könne er das doch, schreiben.

Haslinger spricht von einer "weiterhin bestehenden Empathie mit den Tätern"

Die kleine Opferschutz-Odyssee bildet die Nebenhandlung dieser Anklageschrift. Das Buch wird nicht zuletzt dadurch zu einem literarischen Glanzstück, dass Haslinger diese Odyssee in dramaturgischer Meisterschaft verwebt mit den Vorgängen aus seiner Kindheit. Wobei es scheint, als sei er über die Zumutungen bei der Aufarbeitung seines Falles mindestens genauso indigniert wie über die Missbrauchshandlungen von damals.

Haslinger spricht von einer "weiterhin bestehenden Empathie mit den Tätern". Das führt er darauf zurück, dass es wahrscheinlich "so etwas wie ein Schutzbedürfnis der eigenen Kindheit" gebe. Stockholm-Syndrom ex post, ein Leben lang.

Der Bub hätte Pfarrer werden sollen. Seine Mutter wünschte es sich, und er selbst wollte es auch. Die Eltern waren Bauern und katholisch und gottesfürchtig. Jeden Sonntag fuhren sie in die Kirche und einmal im Jahr gingen sie groß zum Wallfahren. Als den Landwirten Herbizide und Kunstdünger noch fremd waren, glaubten sie noch, dass sie der Ertragskraft ihrer Felder mit Gebeten nachhelfen können. Wenn mehrere Kinder da waren, musste ein Junge in die geistliche Laufbahn eintreten. Und zwar möglichst keiner der stärkeren, weil die bei der Arbeit gebraucht wurden, aber im Kopf sollte er schon was haben, man wollte ja keine Schande. Der Josef, der war gut in der Schule, also schickten sie ihn ins Klosterinternat.

Klöster, der Soziologe Erving Goffman hat es beschrieben, waren totale Institutionen. Und bei Klosterinternaten handelte es sich um besonders perfide totale Institutionen. Die Insassen - Kinder - waren von ihren Eltern ausgeliefert. Wie viele Kinder wurden von Geistlichen missbraucht und misshandelt, weil sie für die geistliche Laufbahn vorgesehen waren? Das geht einem bei der Geschichte des Bauernsohnes Josef Haslinger, der Priester werden wollte und Missbrauchsopfer wurde, durch den Kopf.

Der Haupttäter im Fall des Josef Haslinger ist Pater Gottfried. Er hat sich an dem Kind und an einigen seiner Schulkameraden vergangen. Die Beziehungen waren zum Teil sehr eng. Er machte ihnen Geschenke, er gab sich als ihr Freund aus, er benutzte sie als Sexualpartner. Haslinger beschreibt nur wenige Details, er deutet mehr an. Vielleicht will er den Lesern und der Opferschutzanwaltschaft Ekel ersparen, vielleicht hat er manches vergessen, mitunter war Alkohol im Spiel. Wein machte die Opfer gefügiger. Es reicht, was Haslinger an Einzelheiten aufschreibt. Eines der wiederkehrenden Details, ein Motiv des Ekels in seiner Zeugenaussage, ist die Form des männlichen Gliedes. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass Männer, die sexuell mit Personen gleichen Geschlechts verkehren, über Penisse mit einer bestimmten Form verfügten. Lang und dünn. Pater Gottfrieds Glied war anders. Das verwirrte den Jungen.

Die katholische Kirche schützte solche Männer bekanntlich. Wurden pädophile Übergriffe ruchbar, kamen die Täter in eine andere Einrichtung, eine zweite Chance bekamen sie allemal. Eine zweite Chance oft auch, ihre krankhafte Sexualität an Wehrlosen auszuleben. Auch für notorische Gewalttäter, für brutale Sadisten, die Kindern - wie bei Haslinger beschrieben - offensichtliche, nämlich physische, und ebenso seelische Verletzungen zufügten, für diese Gewalttäter hatte die Kirche neue Aufgaben, die keineswegs mit einer Degradierung einhergehen mussten.

"Ich habe allen Grund, eine große Wut auf diese Typen zu haben, die mich in meiner Kindheit behandelt haben, als wäre ich ihr Leibeigener oder ihr Spielzeug", schreibt Josef Haslinger, "stattdessen bin ich um ihren Ruf besorgt. Bis heute". Die Wut dieses Opfers hat ein gewisses Entwicklungspotenzial. Seine Abscheu ist in diesem Bericht schon ziemlich ausgereift.

Josef Haslinger: Mein Fall. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 139 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 24.02.2020
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