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Miroslav Srnka am Münchner Cuvilliés-Theater:Die Module spielen verrückt

Singularity - Kammerspiele 6/2021

Singendes Eigenleben: Daria Prozek, ganz links, als "M", und Andrew Hamilton, ganz rechts, als "B" im Münchner Cuvilliés-Theater.

(Foto: W. Hösl/Kammerspiele)

Diese armen Computerabhängigen: Miroslav Srnkas Oper "Singularity" über das Leben im virtuellen Raum in ihrer Münchner Uraufführung.

Von Helmut Mauró

Es ist nicht das erste Mal, dass im Cuvilliés-Theater, Nebenspielstätte der Bayerischen Staatsoper, zeitgenössisches Musiktheater stattfindet. Meist ist das während der Opernfestspiele der Fall, wenn das Haupthaus für die große Oper ausgebucht ist und kleinere Produktionen ausweichen müssen. Dann bricht in das architektonische Rokoko-Juwel des Cuvilliés-Theaters immer mal wieder die Moderne ein, prallen streng linear konstruierte, oft dynamisch überzeichnete Klangmuster auf sanft geschwungene Rocailles. Dergleichen konnte man auch diesmal vermuten bei der Uraufführung von Miroslav Srnkas neuer Oper "Singularity". Aber es kam dann doch ganz anders.

Der tschechische Komponist - nach der Kammeroper "Make non noise" von 2011 und "South Pole" von 2016 ist es das dritte Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper für Srnka - gestaltet sein nostalgisch futuristisches Dramolett eher zurückhaltend, erzählt die Geschichte der modernen Kommunikation, die unmittelbar in den Abgrund führt, anhand von vier mehr oder eher weniger agierenden, höchst gespaltenen Personen: dem Computerspielsüchtigen "B" (Andrew Hamilton) mit seinem halbvirtuellen Begleiter "eB" (Theodore Platt), seiner nur noch in Chaträumen agierenden Freundin "S" (Eliza Boom) mit ihrem Pendent "eS" (Juliana Zara), dem lebensuntüchtigen und schon leicht verblödeten Nerd "T" (George Virban) und "eT" (Andres Agudelo), der manipulativen "M" (Daria Proszek), begleitet von "eM" (Yajie Zhang). Die abgespaltenen e-Figuren erscheinen schwarz vermummt, folgen den gerade noch menschlichen Figuren und gewinnen doch zunehmend ein sprechendes und singendes Eigenleben. Dieser Prozess ist aber so subtil angelegt, dass sich daraus leider keine tragende Dramatik ergibt.

Stattdessen setzt auch die Regie ganz auf die allerdings stimmlich und darstellerisch hervorragenden Hauptfiguren: den Gamer B, der die Oper mit vulgären Kraftausdrücken eröffnet - "Fuck!", "This sucks", "This is shit" - und dazu zischend puffend Computerspielgeräusche imitiert. Die Mitbewohnerin S, kaum als wirkliche Freundin erkennbar, kümmert sich um die täglichen Updates. Auch M und T bewegen sich nur noch im virtuellen Raum, selbst der Kanarienvogel ist eine künstliche "Trostdrohne" und schmeichelt dem debilen T mit dem Reizwort "Resol", das er in einer fallenden kleinen Terz ständig wiederholt. Musikalisch erinnert das an die Malo-Rufe in Benjamin Brittens "The Turn of the Screw", textlich verweist es als Umkehrung des Wortes "Loser" - was im Stück auch noch erklärt wird.

Zum Auftakt hört man nur die Mundgeräusche des Gamers

Was man der Regie von Nicolas Brieger, der Kostümspezialistin Andrea Schmidt-Futterer, dem Lichtkünstler Benedikt Zehm und den übrigen gestaltenden Helfern nicht nachsagen kann. Der erste Eindruck ist ohnehin ein rein optischer, die Musik kommt später hinzu. Aus einem schwarzen Loch in der Mitte der Bühne lächelt die wasserstoffblonde Freundin S, davor, lautstark in sein Computerspiel versunken, Gamer B im Bademantel. Um das schwarze Loch sausen projizierte Leuchtpartikel, die sich zu einem Lichtring verdichten.

Zu hören sind nur die Mundgeräusche des Gamers, schließlich der Gesang der Blondine, spät erst zaghafte Geräusche und punktuelle Klänge - gedämpfte Trompete etwa - aus dem ausgedünnten Ensemble im Orchestergraben. Patrick Hahn, sonst Generalmusikdirektor in Wuppertal, dirigiert mit wenigen sicheren Handbewegungen das im Bereich Neue Musik legendäre Klangforum Wien.

Der Komponist hat diese Oper generell klanglich eher sparsam ausgestattet. Kein groß besetztes instrumentales Überwältigungsbrimborium wie so oft in zeitgenössischer Musik, kein falsches Pathos im Gesang. Das Instrumentalensemble agiert weitestgehend im kammermusikalisch intimen Rahmen, rascheln, wischen, klopfen, dann wieder zittern die Streicher, und das Holz bläst tonlos ins Leere. Nur die Sänger dürfen hie und da stimmlich über die Stränge schlagen. Komponist Srnka lässt sich hier nicht zu hohlem Pathos verführen. Wenn es lauter wird, blockiert ein situativ ironischer Ton falsche Gefühle. Allerdings scheint die Angst vor missglücktem Emotionstheater so groß, dass man am Ende den Eindruck hat: Die Musik oder die musikalisch inspirierte Geräuschkulisse ging dem Hörer zwar nicht auf die Nerven, aber auch nicht ans Herz.

Am Ende verschmelzen alle Lebewesen zu einem virtuellen Ganzen

Also dorthin, wo Oper eigentlich stattfindet. Er verfängt sich oft in diesem ironischen Spiel um diese armen Computerabhängigen, treibt das Geschehen aber weder in beißenden Sarkasmus noch in tragischen Absturz. Es fehlt generell an dramatischer Bewegung, an Entwicklung - alles bleibt oft tableauhaft statisch. Muntere Bilder, zunehmend absehbare Handlung. Momente angedeuteter Melancholie, in denen sich wenigstens stimmungsmäßig etwas der Tragik Ähnliches einstellen könnte, gelingen weniger gut, das Tragische gar nicht, das Komödiantische einigermaßen, wenn auch meist im Revuemodus, man denkt an den 80er-Jahre-Schlager "Computerliebe": "Die Module spiel'n verrückt". Hier ist es eine Art rote Wärmelampe mit angeschlossenem Bildschirm, der mal verrückt spielt, mal göttliche Botschaften sendet.

Aber eine wirkliche Komödie ist die Oper "Singularity" auch wieder nicht. Am Ende verschmelzen alle Lebewesen zu einem virtuellen Ganzen, einer "Singularität", der alle sofort zustimmen - warum eigentlich? Es scheint eine inhaltlich lose Gruppe hermetischer Individuen zu sein, manchmal schreien die Protagonisten herum, leiden an ihrer Isoliertheit, aber sie können sich selber nicht mehr distanziert betrachten. Es gibt keinen Ausweg, schon gar nicht zurück ins rein Menschliche. Es gibt nur noch das Ersatzleben im Netz. Das dient kaum mehr der Kommunikation, es dient nurmehr der Realitätsflucht. Also, und das ist die herrlich absurde Pointe, muss sich die Realität den menschlich degenerierten Personen anpassen, nicht umgekehrt. Um die Rettung der Welt geht es in dieser Oper Gott sei Dank nicht, das ist von Anfang an klar. Als Beschreibung der Gegenwart ist die Oper zwar lückenhaft und brüchig, aber theatralisch am überzeugendsten, märchenhaftesten. Am Ende findet sich der Zuschauer mitten in einem über den ganzen Theaterraum projizierten sternenprallen Weltall wieder.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Sex. Statt getextet wird, das ist längst gängiger Jargon, gesextet. Die Regie ist dabei hin- und hergerissen zwischen der Bedeutung: Sex zeigt den menschlichen Kern, und: Der gefühlsfreie Sex zeigt die Unmenschlichkeit des modernen Daseins. Da wird es oft etwas verschwiemelt, da wird ein bisschen kopuliert und ein bisschen verhuschte Annährung praktiziert. Und Gamer B träumt ständig von den großen Zehen seiner entschwundenen Freundin - verrutschte Erinnerung, verschrobene Begierde?

© SZ/fxs
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Interview von Egbert Tholl
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