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Miranda July:Diese Gefühle bitte anfassen

From Miranda July © 2020 by Miranda July. Published by Prestel.

„So sehe ich aus, wenn ich lüge“ - Miranda Julys Skulpturengarten bei der Biennale in Venedig im Jahr 2009.

(Foto: Tim Barber)

Erst schrieb sie Theaterstücke, dann Kettenbriefe, und später schuf sie einen Skulpturengarten - der Prestel-Verlag präsentiert die amerikanische Universalkünstlerin Miranda July in einem Band.

Von Marie Schmidt

Früher einmal war das Offensichtliche, das Ordinäre, das Überdeutliche tabuisiert und das Subtile die Form, es zu umgehen. Inzwischen ist es eigentlich andersherum. Da sind die subtilen Zwischentöne, die Nebengeräusche auf den Kanälen, durch die wir unsere Botschaften senden, der emotionale Überschuss der Kommunikation das, was stört. Weil es bei der Menge der zu sendenden und zu empfangenen Nachrichten zu schwierig zu verarbeiten ist. Unter dem Radar unserer alltäglichen Komplexitätsreduktion geht so einiges durch, das dann halbbewusst und unbehaglich zwischen uns steht. Als Künstlerin ist Miranda July darin unvergleichlich, diese Affekte zu materialisieren. Unvergessen ihr Messaging-Service "Somebody" von 2014, der SMS umlenkte auf das Handy eines sich zufällig in der Nähe des Empfängers befindlichen Nutzers. Der musste die Nachricht dann leibhaftig überbringen, in einem vom Sender wählbaren Ton: flüsternd, schreiend, mit fist bump oder Kuss.

Von geringer Bedeutung ist für July offensichtlich, mit welchem Material sie genau arbeitet. Ohne dass sie es angestrebt hätte, hat sich ihr Werk zu dem einer Multimediakünstlerin entwickelt, wie man jetzt an einer Werkschau sehen kann, die der Prestel-Verlag als Bildband herausgebracht hat. Es ist zugleich eine Art Biografie der 1974 geborenen Amerikanerin July, die mit ihren ersten Theaterstücken beginnt, aufgeführt im 924 Gilman, einem "all ages punk club" in Berkeley, Kalifornien. Es folgten Fanzines, Performances und 1995 die Kettenbriefaktion "Big Miss Moviola". Da bat sie Filmemacherinnen, ihr einen Kurzfilm zu schicken und sandte den dann auf einer Videokassette zusammen mit neun anderen Filmen zurück. So entstand eine gute Dekade vor Video-Streaming-Seiten im Internet ein Netzwerk des weiblichen Films. Als Regisseurin ist July mit "Ich und du und alle, die wir kennen" (2005) zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit aufgefallen, als Schriftstellerin mit dem Erzählungsband "No one belongs here more than you" (2007, auf Deutsch "Zehn Wahrheiten").

From Miranda July © 2020 by Miranda July. Published by Prestel.

Aufkleber, den Miranda July, bei ersten Performances verteilte.

(Foto: Miranda July)

2009 steuerte sie zur Biennale in Venedig einen Skulpturengarten bei, der berühmter geworden wäre, hätte es Instagram schon gegeben. Die Objekte verlangten die Teilnahme der Betrachter, etwa eine Platte, durch die einer den Kopf stecken sollte über der Aufschrift "So sehe ich aus, wenn ich lüge". Oder die Sockel, auf denen sich Besucher danach aufstellen sollten, wer sich gerade schuldig fühlte, schuldiger, am schuldigsten (links, ). Scham, in den sozialen Medien eine politische Waffe, sei als künstlerisches Material besonders interessant, sagt Miranda July.

Miranda July: Works 1992 - 2020. Prestel, München 2020. 223 Seiten, 45 Euro.

© SZ vom 10.08.2020/khil

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