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Ming & Marmor:Was kostet das Klischee?

Keine Zwischenräume mehr: Ai Weiweis "Marble Arm" von 2007.

(Foto: Galerie Urs Meile)

Ai Weiweis Probleme mit dem chinesischen Staat machen seine Kunst teurer. Über einen bizarren Markt, der sich wandelt.

Wird man ein anderer, wenn man ein Ai-Weiwei-Kunstwerk kauft? Entpuppt sich der Einkäufer damit als Anständiger oder als Philanthrop? Kunstmarkt kann zynisch sein. Keiner sieht ein Gemälde noch so an wie vorher, wenn er weiß, dass es eine Million wert ist, hieß es in den Sechzigern. Auch deshalb druckten Beuys und Warhol Vielfachkunstwerke. Inzwischen kosten selbst die ein Vermögen.

Nach dem Kunstmarkt für den Bildhauer, Installationskünstler, Architekten und Fotografen Ai Weiwei, Chinas anzunehmenden Staatsfeind Nummer eins im Feld der Kunst, wurde zuletzt immer wieder gefragt. Aus gutem Grund. Sein Marktstatus erschien, durch seine ziemlich einmalige Stellung zwischen Politik und Kunst, lange undurchsichtig bis bizarr. Aber 2015 sind bei Phillips in London schon zweimal Lose mit je zwölf Tierköpfen extrem hoch zugeschlagen worden: Circle of Animals / Zodiac Heads, gerade fünf Jahre alt, ging - in Varianten - im Februar für 2,9 und Ende Juni für 3,5 Millionen Pfund weg, es waren nicht mal Unikate. Lässt sich politisches Engagement etwa doch beziffern?

Bei ihm ist immer China drin. Aber nicht das China, das man fürchtet oder obszön findet

Ai Weiwei hat auf solche Anspielungen schon öfter wütend reagiert. Weil man die Kunst nicht mit seiner Einmischung verrechnen könne. Er bekomme bei Verkäufen 40 bis 50 Prozent, wie andere Künstler auch. Darüber hinaus äußert er sich nicht zum Marktwert. Einer seiner bekannten Sammler, der New Yorker Hedgefonds-Manager Christopher Tsai, rechnete indes 2012 - nach Ais Verhaftung und Arrest - lapidar vor, die Preise seien nun drei- bis sechsmal höher als 2009.

November 2006. Damals recherchierten wir vor einem Besuch in Peking ebenfalls die Preise: Das Limit waren 300 000 Dollar. Und auf der Art Basel hatte ein Würfel Ton of Tea aus gepressten Teeblättern gerade 90 000 Dollar erbracht. Ai saß in seinem Haus im Chaoyang District in einem Qing-Stuhl und sagte stoisch Dinge wie: "Ich muss nicht ständig Kunst schöpfen. Genauso gut ist es, wenn ich eine Stunde spazieren gehe, ein Buch lese oder hier mit Ihnen sitze und rede."

Der bärtige Mann mit der gemütlichen Figur und dem legeren Schlammfarben-Outfit verströmte ein Bild wachsamer Gelassenheit. Gewiss wurde er schon damals überwacht. Aber irrealerweise fühlte man sich nach zwei Stunden Gespräch durch seine bloße Anwesenheit beschützt. Seither hat sich viel getan: 2007 besuchten 1001 Chinesen Kassel - Ais Kunstprojekt, die teuerste Documenta-Aktion aller Zeiten. 2008 ließ er die Namen der während des Erdbebens von Sichuan gestorbenen Schüler ermitteln. 2009 folgte die hochpolitische Schau im Haus der Kunst.

Dann seine Blogs, die Verprügelung, die Atelier-Zerstörung in Shanghai, 81 Tage Gefängnis, Hausarrest, Ausreiseverbot. Die Kunst trat scheinbar in den Hintergrund. Aber Art Review sah in ihm 2012 plötzlich den mächtigsten Menschen im Kunstzirkus - vor Gagosian. Time wählte ihn gar unter die Top 3 der Kunst.

Ais Werk war schon immer gespeist aus vielen Quellen: Einst hat er vom Wissen über Antiquitäten gelebt. Als Künstler zeigt er uns seit Langem ein wunderschönes China, dessen Handwerk und Alltagskultur wir ohne schlechtes Gewissen annehmen, sobald sie seine Form und seinen Segen haben: grell lackierte Vasen aus dem Neolithikum, Sonnenblumensamen aus Porzellan, historische Möbeldekore. Bei Ai Weiwei ist immer China drin. Aber nicht das China, das man fürchtet oder obszön findet. Er berührt Ming & Marmor, Reis & Räder, Perlen & Porzellan - und schließt damit einen Kreis zwischen Schönheit und Rebellion. Das China-Klischee ist also stets dabei, kennt aber seinen Platz - hinter Dada und Fluxus.

1997 zerbrach er als Performance eine Han-Urne, auf antike Schalen setzt er den Coca-Cola-Schriftzug. "Ich muss zerstören, um etwas anderes daraus zu machen." So weit, so normal. Aber einigen sind die übermalten Coloured Vases, die Sunflower Seeds oder - wie zuletzt am 29. Juni - ein Porzellanblumenkleid oder 17 Qing-Hocker dann eben viel Geld wert.

Und die politischen Kunstwerke? Für monumentale Installationen kämen Museen infrage. Doch die halten sich bedeckt. 2009 brüskierte Ai seine Regierung durch einen als Schriftzeichen stilisierten Fassadendekor am Haus der Kunst: 9000 Kinderrucksäcke, die an das Erdbeben und die mörderisch schlecht erbauten Schulgebäude von Sichuan erinnerten. Nebeneffekt: die Dekonstruktion des ersten Nazi-Baus durch den Kurzschluss mit einer abgrundtief hässlichen Gegenwart. Auch der extra gewebte Riesenteppich, der ein Steinbodenmuster im Haus der Kunst replizierte, ist irgendwie schön, aber unheilvoll, tonnenschwer - und immer noch zu haben. Als Skulptur d'Amour für Privatkäufer völlig ungeeignet. Schon eher wird die handliche Surveillance Camera im September in der Londoner Ai-Schau ein breites Echo finden, meint Galerist Urs Meile. "Je einfacher etwas physisch zu beherrschen ist, umso größer der Kreis der Interessenten." 14 Exemplare der Kamera gestaltete Ai Weiwei 2010, alle in Nuancen anders. Es sind sehr aktuelle Arbeiten, spezifisch für seine Situation, zumal jetzt, wo er seinen Reisepass wieder hat.

Bei Ai Weiwei ist das Künstlerische politisch, und das Politische künstlerisch. Privat ist beides in seinem Fall sowieso. Und wenn er Überwachungskameras, die jahrelang jeden Schritt in seinem Haus für die Polizei aufzeichneten, im Stil von Grabbeigaben der Qing-Zeit mit weißem Marmor überzieht, dann gibt es keinen Zwischenraum mehr.

© SZ vom 22.08.2015
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