MikrostaatenImperium im Donausumpf

Lesezeit: 3 Min.

Wyatt Baek und Amalia Battle Cordova sind zwei der Teenager, die den Mikrostaat Gapla gegründet haben - auf Instagram erzählen sie davon und werben um neue Bürgerinnen und Bürger.
Wyatt Baek und Amalia Battle Cordova sind zwei der Teenager, die den Mikrostaat Gapla gegründet haben - auf Instagram erzählen sie davon und werben um neue Bürgerinnen und Bürger. Screenshot: instagram.com/gaplaofficial; Collage: SZ

Ein paar Teenager gründen zwischen Serbien und Kroatien den Mikrostaat Gapla. Und natürlich gibts schon eine eigene Währung. Was soll da noch schiefgehen?

Von Marie Gundlach

SZ bei Google bevorzugen

„Ich habe als Teenager mein eigenes Land gegründet und wurde sogar eingeladen, bei den UN zu sprechen – mit 17.“ Wyatt Baek hält einen Pass in die Kamera. 205 Hektar soll das Land groß oder besser gesagt klein sein, das entspricht in etwa der Fläche des Kölner Stadtwaldes, oder Hamburgs größtem Park, dem Altonaer Volkspark. Es liegt zwischen an der Donau zwischen Serbien und Kroatien – auf „unbeanspruchtem Land“, so nennt Baek es. Betreten hat er sein Land noch nie. Aber die wichtigsten Dinge gibt es schon: Pässe, Nummernschilder, eine Flagge, eine eigene Webseite. Und natürlich einen Namen: Federated States of Gapla. Dann fehlt zum Staat ja nicht mehr viel.

Gapla soll „Frieden und Harmonie unter ethnischen Gruppen“ stärken, eine „moderne und innovative Nation“ sein, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist, heißt es auf der offiziellen Website. Man wolle sich auf Fortschritt fokussieren, nicht auf Politik.

Mikrostaaten sind schon immer eine Form von Revolution, von Philosophie, eine Art Planspiel im echten Leben. Wie kann ein Staat aussehen, der keine Altlasten mit sich bringt? Was macht einen Staat zu einem guten? Muss er das überhaupt sein, ein guter Staat? Muss er seinen Bürgern nutzen, oder darf er sich selbst nutzen?

Bauverzögerung
:Scheitert in Stuttgart die liberale Demokratie?

Stuttgart 21 soll erst 2031 fertig werden. Das bewegt sogar den amerikanischen Starpolitologen Francis Fukuyama zu einer vernichtenden Analyse.

SZ PlusVon Moritz Baumstieger

Im Mikrostaat Elgarland-Vargaland der schwedischen Künstler Carl Michael von Hausswolff und Leid Elggren kann zum Beispiel jeder Bürger einfach König werden. Der Slowene Peter Mlakar rief mit seinem Künstlerkollektiv „Neue slowenische Kunst“ 1992 den NSK-Staat aus, der immer wieder mit Kunstaktionen auffiel und zu Debatten über Grenzen, Migration und Identität anregte. Besonders viele Anhänger fanden sich in Nigeria, die ihre NSK-Staatsbürgerschaft als Ausdruck von Protest und Hoffnung auf ein besseres Leben sahen.

Der Künstler Robert Jelinek, der 2003 die Mikrostaat „State of Sabotage (SoS)“ gründete und ihn zehn Jahre später wieder auflöste, sagt in einer Arte-Dokumentation 2005 bereits: „Entweder die Idee stammt von bizarren Künstlern, die eine ganz bestimmte Vision haben, die sie aus einer revolutionären Idee heraus umsetzen wollen – oder aber es hat finanzielle Beweggründe.“ Mikrostaaten als Freihandelszonen, für krumme Geschäfte von Offshore-Banken, Schiffahrtsgesellschaften, Casinos.

So wie Liberland. Das liegt in direkter Nachbarschaft von Gapla, wurde 2015 gegründet und ist laut eigener Website das „freieste Land der Welt“. Hier regiert die Blockchain, wortwörtlich. Wer Bürger werden will, muss in die landeseigene Kryptowährung investieren, Premierminister ist der Krypto-Milliardär Justin Sun. Angetrieben sind die Bürger Liberlands offenbar vor allem von Bürokratie- und Steuer-Hass – und von der Hoffnung, nach genug Investitionen als große Gewinner dazustehen. Auch Liberland ist selbstverständlich international nicht anerkannt, niemand lebt auf dem beanspruchten Landstück an der Donau.

Staaten existieren als Gruppenchat und diplomatische Gespräche finden im Forum Reddit statt

Denn zwischen Serbien und Kroatien liegt natürlich nicht einfach zufällig noch ein bisschen Land herum, das beim Zerfall Jugoslawiens einfach vergessen wurde. Kroatien und Serbien erkennen unterschiedliche Grenzen an. Beide orientieren sich am Verlauf der Donau, aber zu verschiedenen Zeitpunkten. Dadurch ergeben sich viele kleine Gebiete, die von beiden Ländern beansprucht werden – oder eben von keinem.  Die politische Situation ist komplex, die Anwohner und Behörden genervt von Ausländern, die glauben, hier einfach einmaschieren zu können – selbst wenn dieser „Einmarsch“ nur noch symbolisch ist.

Insbesondere durch die fortschreitende Digitalisierung wird für Mikrostaaten wie Liberland und Gapla das reale Territorium egal, es dient lediglich als oberflächliche Legitimation. Staaten existieren als Gruppenchat auf der Plattform Discord, und diplomatische Gespräche finden im Forum Reddit statt. Kaum vorstellbar, dass die Teenager aus Kalifornien lieber am verschlammten Donauufer leben wollen.

Sachbuch
:Was der neue Muskismus bedeutet

Der Börsengang von Elon Musks Firma Space-X ist mehr als eine Wirtschaftsnachricht. Der Historiker Quinn Slobodian und Tech-Experte Ben Tarnoff analysieren in ihrem neuen Buch diese Art der extremen Machtkonzentration – und kommen zu alarmierenden Ergebnissen.

SZ PlusGastbeitrag von Thomas Khurana

Für Gapla gibt es ebenfalls bereits eine Kryptowährung. Die Regierung distanziert sich zwar vom „$GAPLA“, Investitionen würden auf eigenes Risiko erfolgen. Wer aber genug in die Währung investiert, kann deutlich einfacher ein echter Bürger Gaplas werden. Die Gapla-Gründer versichern in ihren Kurzvideos: „Wir wollen eure Ideen, nicht euer Geld.“ Man möchte es ihnen glauben, möchte glauben, dass diese Generation vielleicht mit neuen Ideen kommt.

Das kann Wyatt Baek nun unter Beweis stellen. „MrBeasts Firma hat uns geschrieben und gefragt, wie sie mitmachen können, und ich weiß wirklich nicht, was ich antworten soll“, erzählt er in einen Kurzvideo auf Instagram. MrBeast ist mit fast 500 Millionen Followern der erfolgreichste Youtuber der Welt, führt zahlreiche Marken und Firmen. In den Kommentaren zu Baeks Video sind sich die Leute einig: So jemand passt nicht zur Idee von Gapla.

Ob Baek da auch so eine eindeutige Meinung hat, ist schwer zu sagen. Gapla in seiner heutigen Form ist nicht sein erstes Projekt. Der Fantasiestaat existierte in anderer Form bereits vor einigen Jahren, wurde nun erst nach Europa verlegt und völlig neu aufgezogen. Auf der Karriereplattform Linkedin und auf seiner eigenen Webseite präsentiert er diverse Projekte, die er entwickelt hat: einen IQ-Test, eine Schulbewertungsplattform, einen Tech-Youtube-Kanal, auf dem er unter anderem erklärt, wie man eine Kryptowährung aufbaut. E-Books zur Webseiten-Gestaltung hat er veröffentlicht, und natürlich auch darüber, wie man erfolgreich einen Mikrostaat gründet. Dieser Typ ist ambitioniert, er ist schlau, und kurz – ganz kurz – fühlt man sich an „The Social Network“ und Mark Zuckerberg und all die anderen Tech-Nerds aus den Nullerjahren erinnert.

Den Ausflug zum „United Nations ECOSOC Youth Forum“ finanzierten sich Baek und zwei weitere Gaplaner übrigens über die Gaplan Representation Organization (GRO), die komplett von der Regierung Gaplas finanziert wird. Das Geldverschieben klappt also schon wie bei den Großen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Libertäre Städte
:Kein Staat, keine Steuern, keine Sorgen

Libertäre misstrauen dem Staat zutiefst. Manche wollen Orte erschaffen, in denen er so gut wie abgeschafft ist. In Prag zeigen Anhänger, wie sie ihre Utopie einer privatisierten Stadt verwirklichen wollen: „Zuerst die Ozeane, dann der Mars.“

SZ PlusVon Lisa Nguyen

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: