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Migration:Es fehlen nur die Gartenzwerge

Irgendwie deutsch, aber mitten in der Türkei: Wie ehemalige Gastarbeiter sich ihren Lebenstraum erfüllen.

Von Verena Mayer

Ein älteres türkisches Ehepaar sitzt in der türkischen Stadt Kayseri im selbstgebauten Eigenheim. Sie trägt Kopftuch und schweigt, er spricht viel, und zwar auf Deutsch. Auch sonst sieht hier alles sehr deutsch aus, die riesige Pendeluhr, der Hobbykeller mit dem Werkzeug, die Fototapete, Motiv röhrender Hirsch. "Alles aus Deutschland mitgebracht", erzählt er, während eine ARD-Nachmittags-Soap über den Fernseher flimmert. Ein Stück Deutschland, mitten in Zentralanatolien.

Das ist eine von vielen Szenen, die die Künstlerin Stefanie Bürkle auf Fotos und in kurzen Filmen eingefangen hat, für ein Forschungsprojekt, das im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgestellt wurde (www.stefanie-buerkle.de). Es trägt den etwas sperrigen Titel "Migration von Räumen", geht aber einer sehr guten Frage nach: Was nämlich aus den vielen türkischen Gastarbeitern wird, die vor 30, 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind und deren Arbeitsleben nun zu Ende ist.

Das Thema Migration haben Wissenschaft und Kunst ja schon länger auf dem Zettel. Inzwischen hat es noch ein "post" als Vorsilbe bekommen, wie die Moderne. Man nähert sich also über das "Postmigrantische" an, was bedeutet, dass Migration nicht mehr nur als Leben zwischen den Welten gedeutet wird, als Zustand des Zerrissenseins und der Heimatlosigkeit, sondern man lieber von der Veränderung und der Bewegung an sich erzählt. Dass es also nicht nur seit jeher der Normalfall ist, dass sich Menschen irgendwo auf den Weg machen, um anderswo Fuß zu fassen, sondern dass es in einer globalen Welt auch unerlässlich ist, über die Grenzen der Sprache und des Selbst hinauszudenken.

Irgendwie deutsch sehen diese Häuser in der Türkei aus.

(Foto: Stefanie Bürkle/VG Bild-Kunst Bonn 2016)

So gesehen, sind die Gastarbeiter, die einst aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, schon fast "Pioniere einer Transnationalisierung", wie das der Soziologe Erol Yildiz nennt. Weil sie sich bereits in den 60er- und 70er-Jahren das aneignen musste, was heute von allen wie selbstverständlich erwartet wird. Dass man einem Tag auf den anderen woanders arbeitet, sich in einem fremden Land zurechtfindet und verkraftet, Familie und Freunde nur mehr selten zu sehen.

Was aber passiert, wenn diese Leute, wie es so viele Türken tun, als Rentner nun wieder dorthin zurückgehen, woher sie aufgebrochen sind? Die Antwort, die Stefanie Bürkle, Professorin für Bildende Kunst an der TU Berlin, gefunden hat, ist eindeutig: Die Rückkehrer erfüllen sich ihren Lebenstraum. Sie werden Häuslebauer.

Es sieht in der Türkei inzwischen vielerorts genauso aus wie in der deutschen Provinz

Ganze Landstriche in der Türkei sind inzwischen überzogen mit den Eigenheimen der Remigranten aus Deutschland. Man sieht Siedlungen von Einfamilienhäusern mit spitz zulaufenden Ziegeldächern und Kunststofffenstern, Wintergärten, ausgebaute und mit Holz verkleidete Dachböden. Dazu Säulen und Stuck aus dem Baumarkt, überdachte Garagen und Gärten mit Zierbrunnen. Mit einem Wort: Es sieht in der Türkei inzwischen vielerorts genauso aus wie in der deutschen Provinz. Beziehungsweise wie im Speckgürtel jeder deutschen Großstadt. Nur die Gartenzwerge fehlen.

Voll Stolz erzählen die Rückkehrer, wie sie die Materialien von Deutschland in die Türkei transportiert haben, meistens im Sommer, wenn sie Urlaub hatten. Wie sie türkische Bauunternehmer dazu brachten, nach deutschen Maßstäben zu bauen. "Vor zwanzig Jahren wusste kein Handwerker in der Türkei, was ein Garagentor ist", sagt ein Mann.

Allen diesen Gebäuden ist gemeinsam, dass es Architektur ohne Architekten ist. Getragen allein von einem menschlichen Urbedürfnis: sich in dem auszudrücken, was man baut. So wie der Mann, der seinem Haus ein Ölgemälde von einem deutschen Flohmarkt zugrunde legte. Jetzt sieht es so aus, wie man auf den Schinken des 19. Jahrhunderts eben Häuser malte: Weiß getüncht, mit Giebeldach und quadratischen Fenstern, irgendwie romantisch.

Stefanie Bürkle hat die Häuser der Rückkehrer für das Projekt "Migration von Räumen" dokumentiert.

(Foto: Stefanie Bürkle/VG Bild-Kunst Bonn 2016)

Oder gemütlich. "Gemütlich" ist ein Wort, das oft fällt in den Erzählungen der türkischen Häuslebauer. Zeige mir, mit welchen Fenstern du wohnst, und ich sage dir, aus welcher Fremde du kommst.

Das Fremde zieht sich durch alle Geschichten. Die Heimkehrer finden sich nicht selten in einer Welt wieder, mit der sie nichts mehr anfangen können, schon politisch. Viele sind gegangen, als die Türkei ein zutiefst laizistisches Land war, jetzt sitzen sie in einer sich islamisierenden Gesellschaft und müssen jede Alkoholflasche in der Hausbar aus Deutschland verstecken.

In ihren türkischen Heimatdörfern gelten die Häuslebauer als deutsche Angeber, und vor allem die Frauen werden genau beäugt, ob sie sich nicht zu viel herausnehmen. Sie sind einmal mehr Fremde, was ihnen bleibt, sind ihre Häuser und die Gärten mit dem sorgsam gemähten Zierrasen. "Wir haben kein Land, unser Land ist hier", sagt ein alter Mann und zeigt dabei auf das Wohnzimmer um ihn herum. In diesem Zimmer spiegelt sich eine doppelte Heimatlosigkeit wider. Denn das, was hier gebaut ist, bildet ein deutsches Wohngefühl der 70er- und 80er-Jahre ab. Mit verglasten Veranden, zementierten Garagenzufahrten, Gelsenkirchener Barock. Die Migranten, die sich in Deutschland immer auch ein Stück ihrer alten Türkei erhalten wollten, richten sich in der Türkei nun mit einem alten Deutschland ein. Und so erzählen diese Häuser sehr oft von ungelebten Leben. Allein die ausgebauten Dachböden und Einliegerwohnungen, die für die Kinder gebaut wurden. Die bleiben aber lieber in Deutschland, wo sie aufgewachsen sind. Und werfen ihren Eltern nicht selten vor, das Familienvermögen für ein Haus in Anatolien zu verschleudern statt den Kindern eine Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg zu kaufen.

Andererseits geht von diesen Häusern etwas sehr Modernes aus. Sie haben meistens typisch deutsche Wohnküchen, was bedeutet, dass die Frauen immer mittendrin sind und nicht isoliert am Herd stehen. Die Männer machen den Garten oder stehen am gemauerten Grill, man sieht Komposthaufen und Mülltrennung. Die Rückkehrer kommen mit einem westeuropäischen Lebensstil in die Türkei zurück und mit den Erfahrungen aus der Globalisierung. Sie leben im Kleinen ihres Eigenheims einen Fortschritt, der sich irgendwann auch auf das Große einer Gesellschaft übertragen wird. Diese Generation wird wohl selbst in der Rente noch zu Pionieren.

© SZ vom 29.03.2016
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