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Midlife-Crisis:"Wir sind nicht, was wir uns vornehmen zu erledigen"

Im Zuge seiner "kognitiven Therapie" nimmt sich der Midlife-Philosoph einige Denkfehler vor. Einer davon ist die Fixierung auf Projekte und Ergebnisse. Unsere Wirtschaftsweise, unsere Kultur ist auf das Abhaken von Zielen ausgerichtet, auf Output. Das erzeugt aber im mittleren Alter leider das Gefühl von Austauschbarkeit und sinnloser Repetition von Aktivitäten und Vorhaben, selbst wenn sie im Einzelnen sogar ganz großartig sein mögen.

Das kann und will man nicht als Ganzes abschaffen; aber ausgehend von Arthur Schopenhauers pessimistischer Erkenntnis, dass wir entweder unter der Noch-nicht-Erfüllung oder unter der Erfüllung von Begehren leiden, ist Setiyas handfesterer Tipp für die Midlife-Crisis : Wer das verstanden hat, soll einfach zwischendurch mehr Dinge tun, die kein Ergebnis haben, die sich nicht abschließen, nicht vollenden lassen. Denn: "Wir sind nicht, was wir uns vornehmen zu erledigen." Also wäre mehr Platz zu schaffen für das, was für Menschen in den Vierzigern lange nicht mehr so einfach ist, wie es klingt: einen Spaziergang ohne Ziel machen. Musik hören ohne Absichten und begleitende Tätigkeiten. Nicht durchgeplante Zeit mit Freunden und Familie verbringen. Online-Shopping zum Zeitvertreib: eher nicht so. "Sie haben mehr Zeit, als sie denken."

Solche privatistisch anmutenden Denk-Lösungen, wie sie ähnlich auch die buddhistische Meditation bietet, dürften allerdings allen, die an kein richtiges Leben im falschen glauben, suspekt erscheinen. Was ist mit den sozialen Zusammenhängen, der Klassenbedingtheit von Lebensformen, was ist mit der "vita activa", was ist mit einer politisch motivierten Anthropologie, wie sie der in Princeton lehrende Franzose Didier Fassin in seinem neuen Buch "Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung" (Suhrkamp, 2017) formuliert, gegen die Ungerechtigkeit der kapitalistischen Lebensbedingungen und der europäischen Flüchtlingspolitik? Ähnlich hatte schon Theodor W. Adorno die Lebensphilosophie des 20. Jahrhunderts angegriffen.

Auch was sich nach Gefangensein anfühlt, ist ein Ergebnis der menschlichen Freiheit

Allerdings macht gerade die temporäre Ausblendung des Gesellschaftlichen, die Konzentration auf ein (einigermaßen) konkretes Lebensproblem die Philosophie, wie sie Kieran Setiya betreibt, in einem einfacheren Sinne wirkungsvoll und hilfreich. Und wer auf solche Weise aus dem Tiefpunkt der Lebensmitte herauskommt, kann doch vielleicht auch gesellschaftlich wieder segensreicher sein, oder? Das sieht man auch an unserem anderen Denkfehler der mittleren Jahre, den "Midlife" scharf auseinandernimmt: Das ist die Sehnsucht nach der Jugend, in der einem angeblich noch die Welt offenstand, in der man unzählige Optionen hatte. Was wäre, wenn ich einen anderen Beruf ergriffen, einen anderen Partner getroffen hätte, woandershin gezogen wäre ...?

Doch sich nach einem Leben zu sehnen, das keinen Ausschluss von Möglichkeiten kennt, ist eigentlich "eine drastische Verengung von Horizonten". Damit meint der Philosoph dies: Der Protest gegen die Festlegung auf einen Lebenspfad ist, wenn man ihn zu Ende denkt, eigentlich auch ein Protest gegen die Vielfalt des Lebens selbst, ohne die aber alles unendlich trüber wäre. Anders gesagt: Auch was sich nach Gefangensein anfühlt, ist ein Ergebnis der menschlichen Freiheit.

Hinzu kommt bei wichtigen Lebensentscheidungen noch ein Weiteres: Wir wissen gar nicht vorher, ob und wie eingreifend sie uns auch in unserer Identität, unserem Selbstverständnis verändern werden, weswegen klare, rationale Entscheidungen darüber ohnehin kaum möglich sind (und die Entscheidungstheorie darüber auch schweigt) - darauf hat die Philosophin L. A. Paul in ihrem Buch "Transformative Experience" (Oxford, 2014) hingewiesen.

Kieran Setiya gibt in "Midlife" zwar zu: "Nicht jede Wunde kann heilen." Aber dann erinnert er, wofür man unendlich dankbar sein kann, noch an einem Mann namens Reginald "Reggie" Perrin.

Das ist der Held einer legendären britischen Comedy-Serie der Siebzigerjahre. Reggie Perrin flieht in der Midlife-Crisis vor seinem monotonen, uninspirierenden Job bei der Firma Sunshine Desserts. Er fingiert seinen eigenen Tod, indem er Kleider und Koffer an einem Strand liegenlässt, kommt dann nach diversen Abenteuern und Pechsträhnen zurück, gibt sich als "Martin Wellbourne" aus, heiratet noch einmal Reggies "Witwe" (also seine Frau) und wird dann auch noch als Ersatz für den fehlenden Mitarbeiter, also sich selbst, von derselben Firma wieder angeheuert.

Das wäre ungefähr die Lösung. Ich bin 46 und werde noch ein paar Jahre lang an Reggie Perrin denken. Und mir diese Auslegung des Philosophen an die Wohnungstür hängen: "Etwas verpasst zu haben, ist die Konsequenz aus der Pluralität des Wertvollen." Dann wird das schon. Dann kommen die besten Jahre.

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