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Mick Jagger:"Komischerweise werde ich immer älter"

Mick Jagger spricht über die Peinlichkeit zu enger Hosen, weitere Tourneen der Rolling Stones, über London und seine Entscheidung, nicht jung zu sterben.

Das Soho Hotel in London am Dienstag Abend. Eine Suite im zweiten Stock. Dieser Herr hat so schmale Schultern, dass man denkt, man kann ihn wie einen Speer durch die Gegend werfen. Das Gesicht erscheint nicht wie ein Gesicht - sondern wie die eine große trademark des Gottes namens Pop. Mick Jagger. Kurz fasst man es nicht. Und dann? Dann ist er einfach nur ein aufmerksamer, gut gelaunter Mann aus London. Sehr fester Händedruck!

Mick Jagger am vergangenen Donnerstag bei einem VIP-Dinner in London.

(Foto: Foto: Getty)

SZ: Sir Mick, ich habe mich in meinen besten Anzug geworfen und dies mit Bedacht.

Mick Jagger: Sie sehen aus wie Memphis Slim. Kennen Sie Memphis Slim?

SZ: Der Bluesmusiker? War er nicht ganz leicht untersetzt?

Jagger: Er war großartig.

SZ: Memphis Slim war Afroamerikaner. Ich bin ein Weißer.

Jagger: Spielt keine Rolle. Er hat auch immer diese grauen Anzüge getragen - vielleicht erinnern Sie mich deshalb an ihn.

SZ: Ich dachte, ein guter Anzug ist die beste Art, Rache zu üben.

Jagger: Was habe ich verbrochen?

SZ: Jeder, der sich anzog wie Sie, machte sich zum Affen. Wenn man zum Beispiel nach einem Stones-Konzert 1982 mit einer gestreiften Hose in die Schule ging . . .

Jagger: Gut, ja, Sie haben eine einfache Regel nicht befolgt.

SZ: Welche?

Jagger: Dass es entscheidend ist, wann und wo man etwas trägt. Eine gestreifte Hose auf einer Bühne am Abend ist ein Utensil. Eine gestreifte Hose in der Schule am Morgen ist peinlich. Das tut mir leid für Sie. Wir haben hier bei uns in England Schuluniformen aus diesem Grund. Um die Jungen und Mädchen vor derartig dummen Peinlichkeiten zu bewahren.

SZ: Reden wir mal über Ihre unbestreitbare Klasse: Wieso schaden Ihnen Peinlichkeiten nicht?

Jagger: Hm . . .

SZ: Ich meine, Sie sind ohne Zweifel der berühmteste Popstar der Welt . . .

Jagger: . . . das ist ein übler Journalistentrick: erst kommt das Kompliment . . .

SZ: . . . das ist ja nicht nur ein Kompliment, sondern eine Tatsache: Sie sind nun mal stilbildend. Aber ich habe mir jetzt diese Bonus-DVD auf Ihrer neuen Best-Of-CD angesehen. Bitte verzeihen Sie: Sie haben da in einigen Videos Sachen an, dass man ja sofort blind werden möchte!

Jagger: Okay, also: Sie haben Recht. Ich sah diese Videos jetzt wieder. Bei "Let's Work" dachte ich: Ich sehe aus wie ein Irrer, verheerendste 80er-Jahre. "Dancing In The Street" mit Bowie, die flatternden Seidenhemden, wir hatten nur ein paar Stunden für das Video damals, aber so oder so: schlimm. Dann "Don't Look Back" mit Peter Tosh, 1978 in der Sendung "Saturday Night Life": Ich trage eine Hose mit silbernen Klebestreifen! Sie deuten an, einige dieser Videos seien peinlich. Sagen wir es, wie es ist: Sie sind vielleicht sogar alle peinlich.

SZ: Muss man sich im Popgeschäft gelegentlich einfach deshalb blamieren, weil es nunmal das Popgeschäft ist?

Jagger: Eine philosophische Frage. Also, ich muss darüber nachdenken. Ich denke nach, ich denke nach, ich denke nach . . .

SZ: Sie nehmen es jedenfalls mit Humor.

Jagger: Nun, Sie tragen keine Hosen mit Klebestreifen. Sie tragen einen smarten Anzug. Ich inzwischen auch, wie Sie sehen. Aber diese Videos sind nicht nur peinlich - sie sind ja auch wunderbar. Sie sind ein Dokument. Sie dokumentieren den state of the art - ihrer Zeit. Ich finde es sehr in Ordnung, das nochmal abzubilden. Ich meine, wen interessiert's, dass das peinlich ist nach 30 oder 20 Jahren?! Es sind gute Songs. Ich mag auch den Gedanken dahinter, dass David und ich für die Coverversion von "Dancing In The Street" nur ein paar Stunden Zeit hatten, Song und Video, das haben wir 'runtergehauen, weil es halt zu "Live Aid" schnell fertig werden musste, alles nicht perfekt, aber ich liebe beides, den Song und das Video. Beides hat eine sehr rohe, spontane Qualität. Sie sehen, ich nehme vieles mit Humor, vor allem meine Sünden. Was bleibt mir übrig.

SZ: Wenn Sie heutzutage das Drogen- und Sextheater um Leute wie Peter Doherty oder Amy Winehouse mitkriegen - was löst das aus? Vatergefühle? Langeweile?

Jagger: Hm, schwer zu sagen. Am ehesten Langeweile? . . . Aber Amy, sie ist eine wunderbare Künstlerin. Schreibt phantastische Songs, hat Klasse. Was löst es bei mir aus, sie auf Drogen in irgendwelchen tabloids zu sehen? Am ehesten, dass ich hoffe, sie bekommt die Kurve. Es wäre schade.

SZ: Auch Pete Doherty spielt unbeirrt den Alltag der frühen Stones nach, oder?

Jagger: Die Leute lieben Wiederholungen, Fortsetzungen, solche Sachen. Das Kino liebt sowas. Und die Presse natürlich auch. Doherty bedient, was man von ihm sehen will, eine Art Teufelskreis . . .

SZ: . . . in der Art, dass man aus dem Image nicht mehr 'rauskommt?

Jagger: Ja, er leidet an den tabloids, weil sie nur über Dreck berichten, nicht über seine Kunst. Das Schlimmste aber wäre nun, dass sie gar nicht mehr über ihn berichten. Also gibt er sich ständig zu erkennen.

SZ: Und die Kunst?

Jagger: Ich wüsste nicht, wie ich den Künstler Pete Doherty bewerten soll. Ich habe nicht ein Lied von ihm im Ohr . . . Bei Amy Winehouse ist das anders.

SZ: Das alles muss Sie an ganz, ganz alte Zeiten erinnern.

Jagger: Neulich haben mich hier in Soho einige Fotografen über den Haufen gerannt. Ich sagte zu einem Freund: Was ist denn mit denen los? Er: Da hinten geht Pete Doherty. Ich: Was macht er denn Irres? Mein Kumpel: Er geht in ein Hotel. Ich: Was ist daran so aufregend? Er: Mick, ich habe absolut keine Ahnung, aber sie finden es ziemlich aufregend, und Pete Doherty findet es ziemlich aufregend, dass sie es ziemlich aufregend finden.

SZ: Haben die Fotografen Sie nicht erkannt??

Bildergalerie

Dieses wurstige Gefühl auf der Bühne: Mick Jagger