Auf der Buchmesse: Michel Houellebecq Utopie einer Liebe

Mit der Figur der slawischen, langbeinigen Schönheit Olga zeigt Houellebecq dann virtuos die Aporien der Künstlerexistenz Jeds: Sie scheint zunächst nichts weiter als eine krude Männerphantasie zu sein, eine austauschbare Projektion, und doch entwickelt sich eine Beziehung, in der unversehens die Möglichkeit menschlicher Nähe aufscheint. Schon ihr lakonischer Satz beim Kennenlernen "Ich arbeite bei Michelin" zeigt die Bedingtheiten dieser Gefühle, aber wie es Houellebecq gelingt, ohne größeren sprachlichen Aufwand die Utopie einer Liebe aufscheinen und wieder verschwinden zu lassen, ist fast altmeisterlich.

Als Olga, die eine steile Karriere macht, zurück nach Russland muss, verschmilzt sie in einem raffinierten Vexierspiel mit Thomas Manns Madame Chauchat aus dem Zauberberg - ebenfalls eine französisch sprechenden Russin, die in erkrankter westlicher Bürgerseele einen Stachel hinterlässt: "kleiner unentschlossener Franzose". Und als sie zurückkommt, umkreist Houellebecq eine enigmatische Leerstelle: Jed sieht Olgas Erscheinung wie das "Phantom eines nicht zustande gekommenen Glücks". Houellebecq erklärt nichts, dennoch entsteht ein vielschichtiges, nach mehreren Seiten hin interpretierbares Bild.

Im Kulturmilieu verlegt sich Jed Martin auf Distanz und Schweigen, was ihm dann unvermeidlich als geheimnisvolle Aura zuwächst. Er gerät in eine Maschinerie, die ihm überlegen ist, und es kommt dabei zu grotesk-komischen Szenen. Houellebecq verzeichnet soziale Distinktionen - Automarken, Weine, Möbel - exakt im Sinne des Soziologen Pierre Bourdieu, er seziert die gesellschaftliche Wirklichkeit mit derselben "Hochpräzisionsmechanik", mit der Martin seine Werke ausführt, wie ein Naturalist.

Und in seiner Schilderung des überkommenen Konflikts zwischen Künstler und Gesellschaft nimmt Houellebecq das emphatische J'accuse von Emile Zola vehement und kapitalismuskritisch auf, ja, eingedenk der hundert Jahre, die dazwischen vergangen sind und dieses J'accuse mit einem Grundakkord von Melancholie versehen haben. "Karte und Gebiet" ist ein großes Buch über die Gegenwart, voller Erkenntnis, voller Schmerz. Houellebecq hat all seine "Elementarteilchen" mitgenommen und sämtliche Capricen, alles Kokette und Stilisierte abgestreift. Er hat sie in einen völlig anderen Kosmos überführt, in ein Meisterwerk.

Michel Houellebecq: "Karte und Gebiet " Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont Buchverlag, Köln 2011. 416 Seiten, 22,99 Euro.