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Essays von Michel Houellebecq:Der Angst eine Form geben

French author Michel Houellebecq presents

Was, wenn ich nicht denke? Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

(Foto: Andreu Dalmau/dpa)

Hartnäckig hält sich das Gerücht, Michel Houellebecq sei ein Provokateur. Seine gesammelten Essays und Gespräche aber zeigen: Der Kleinbürger liegt ihm näher als der Unruhestifter.

Von Thomas Steinfeld

Er wolle sich über René Descartes unterhalten, hatte der französische Schriftsteller Michel Houellebecq im Sommer 2015 zwei Journalisten mitgeteilt. Er hielt ihnen dann einen kleinen Vortrag über einen der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte, über das "cogito ergo sum": "Ich denke, also bin ich", hatte René Descartes im Jahr 1641 behauptet. Michel Houellebecq überlegt dagegen: Was aber ist, wenn ich nicht denke? Bin ich dann nicht? Oder bin ich dann nicht ich?

In der Folge entwirft er eine kleine Typologie der Helden, wie sie durch seine Romane ziehen: Sie alle sind von der eher anämischen Sorte. Sie denken nicht viel. Sie haben kaum andere Interessen als den Wunsch, am Leben zu bleiben, mit ein wenig Komfort. Besonders gilt das für den Ich-Erzähler in "Unterwerfung", dem Roman, der, in Frankreich wie in Deutschland, nur wenige Monate vor dem Interview erschienen war.

Michel Houellebecqs Erläuterungen zu Descartes sind eine Reaktion auf einige Rezensionen zu "Unterwerfung". Der Mangel an Verständnis seitens der Kritik mochte dabei der Erwartung eines Skandals geschuldet sein, die der Veröffentlichung vorausgegangen war: Der Autor schildere, wie eine islamistische Partei im Jahr 2022 in Frankreich die Macht übernehme, hatte es geheißen.

Islamismus ist in "Unterwerfung" was für Opportunisten

Die Erwartung einer Schreckensvision wurde dann nicht erfüllt: Der islamistische Staatspräsident erwies sich als Politiker, aller Theokratie zum Trotz, und der Erzähler entpuppte sich als gewöhnlicher Held eines gewöhnlichen Romans von Michel Houellebecq. Zwar wäre er, wie sein Autor, vielleicht gern selbst ein Strenggläubiger. Aber weder der eine noch der andere vermag an sein Seelenheil zu glauben. Und der siegreiche Islamismus? Eine Angelegenheit für Opportunisten. Das Gerücht, es handele sich bei Houellebecq um einen "Provokateur", hielt sich trotzdem. Ihm wollte der Autor entgegentreten, zum letzten Mal, wie er versicherte.

Das Gespräch über Descartes ist in einem Band mit dem Titel "Ein bisschen schlechter" veröffentlicht, der seit diesem Donnerstag im Buchhandel ausliegt. Versammelt sind darin Vorträge, Essays und Interviews aus den vergangenen Jahren, die im französischen Original in einer erweiterte Neuausgabe der Gelegenheitsarbeiten mit dem Titel "Interventions 2020" erschienen sind, auf Deutsch aber separat veröffentlicht werden.

Teils sind sie thetischen Charakters (Donald Trump sei ein guter Präsident, schreibt Houellebecq), teils geht es, wie in der Diskussion über Descartes, um das Selbstverständnis eines Literaten (und darin insbesondere um den Katholizismus), teils geht es um Autoren, mit denen Houellebecq sich beschäftigt, um den Soziologen Auguste Comte zum Beispiel, der an eine Wiedergeburt der spirituellen Gemeinschaft aus dem Geist des Positivismus glaubte, um den frommen britischen Kriminalschriftsteller G. K. Chesterton oder um den französischen Romancier und Selbstbekenner Emmanuel Carrère.

Einsame Menschen betrinken sich vor ihren Computern

Das bekannte Universum des Autors tut sich in diesem Band auf. Eingeschlossen darin sind ein paar Nachrichten aus dem Privatleben: etwa über die neue Wohnung in einem der Hochhäuser im 13. Arrondissement, über seine chinesischen Nachbarn (die am wenigsten integrierten Einwanderer seien die "meistgeschätzten", schreibt er), bis hin zum Verlust der oberen Zähne. Auch ein Gespräch über die Folgen der aktuellen Seuche ist in dem Band enthalten.

Sie werden sich, meint Michel Houellebecq, so gestalten, wie die Zukunft bei Houellebecq schon immer beschaffen war: Einsame Menschen werden sich in halb eingerichteten Wohnungen vor Computern betrinken, ihre sozialen Kontakte werden langsam erlöschen, und sie werden nicht einmal wissen, dass sie einsam sind. Die Zukunft wird "ein bisschen schlechter" als die Gegenwart sein, aber sie wird sich nicht grundsätzlich vom Bekannten unterscheiden.

Die öffentliche Erregung scheint ihm zu bedeuten, dass er von wichtigen Dingen spricht: "Ein bisschen schlechter" von Michel Houellebecq

(Foto: Dumont)

An solchen Vorstellungen ist nichts Anstößiges. Dennoch wird auch dieses Buch auf Leser stoßen, die darin Anstößiges finden. Eine Verteidigung der Prostitution ("sie lieben ihren Beruf", falls sie ihn "lieben") gehört dazu, und selbstverständlich wünscht sich der Autor, dass Frankreich dem britischen Beispiel folgen und die Europäische Union verlassen werde. Houellebecq wird um diese Potenziale zur Skandalisierung wissen, und er wird sie vielleicht sogar gesucht haben.

Die öffentliche Erregung scheint ihm zu bedeuten, dass er von wichtigen Dingen spricht. Zugleich aber - und das weiß dieser Schriftsteller, denn er spielt mit der Erwartung des Falschen - verweist die Bereitschaft zur Empörung auf einen offenbar systematisch gewordenen Mangel der literarischen Kritik: Sie ist nicht willens oder, wahrscheinlicher noch, nicht mehr in der Lage, Literatur anders denn als eine besonders anspruchsvolle Form des moralischen Engagements wahrzunehmen. Sie liest Romane, weil sie darin nach Symptomen für einen Willen zur Weltveränderung sucht, nach Absichten, denen sie zustimmen oder die sie ablehnen kann.

Seine Romane sind Fragen, keine Antworten

Vorhersagen seien nicht seine Sache, sagt hingegen Michel Houellebecq. Er finde zu seinen Gegenständen, erklärt er, weil sie ihn umtreiben. So kommt es, dass Houellebecq einerseits mit dem Philosophen und Politiker Michel Onfray sympathisiert, der die muslimischen Einwanderer in Frankreich tatsächlich auf dem Weg zur Herrschaft sieht, während er andererseits die Rechtspopulisten vom "Rassemblement National" neben die Islamisten stellt: Die Fundamentalismen erscheinen ihm als Parallele, und er will offenbar weder an der einen noch an der anderen Variante teilhaben.

Aber er besteht darauf, die Satirezeitschrift Charlie Hebdo am Kiosk ausliegen zu sehen. Houellebecqs Romane sind keine Antworten, sondern Fragen. Sie bleiben offen. Der Schriftsteller, sagt Houellebecq, "spürt eine Angst bei seinen Zeitgenossen und bringt sie in einem Buch zum Ausdruck. Das ist der Antrieb". Möglicherweise will Houellebecq mit seinen Einfällen nicht einmal recht behalten.

Der einleitende Essay des Bandes ist dem Konservativismus gewidmet. Jahrzehntelang seien die Progressiven fleißig gewesen und hätten die Gesellschaft mit immer wieder neuen Offenbarungen heimgesucht. Der wahre Konservative hingegen sei faul: "Der Revolutionär, der Widerständische, der Patriot, der Unruhestifter wird ihm vor allem verachtenswert erscheinen, angetrieben von Dummheit, Eitelkeit und Gier nach Gewalt."

Der Kleinbürger steht ihm näher als der Nationalist

Diesem Konservativen gelten Houellebecqs Sympathien, und aus dieser Perspektive sind seine politischen Äußerungen zu verstehen. Houellebecq hält Donald Trump, wie so viele andere Menschen auch, für einen "haarsträubenden Clown". Aber er hält ihm zugute, die Welt nicht mit neuen Kriegen überzogen und den militärischen Missionarismus seiner Nation zurückgenommen zu haben (wie es mit den "Interessen der amerikanischen Arbeiter" bestellt ist, die Trump angeblich vertritt, ist eine andere Sache).

Die Empörung über den scheidenden amerikanischen Präsidenten scheint indessen so mächtig zu sein, nicht nur in Europa, dass ein solches Verdienst nicht einmal erwogen wird. Umgekehrt ist die Begeisterung für das europäische Projekt zumindest in der Öffentlichkeit offenbar so groß, dass man nicht wahrhaben will, dass es "gemeinsame Interessen" nur insofern gibt, als man aus den jeweils anderen Staaten der Gemeinschaft einen nationalen Vorteil ziehen will.

In beiden Fällen sucht sich Houellebecq den landläufigen politischen Programmen zu entziehen (auch zur "Nation" hält er übrigens Distanz), und in beiden Fällen haben Houellebeqs Ansichten mit rechten oder gar rechtsradikalen Überzeugungen nichts zu tun. Der Kleinbürger, der "gern ein gewöhnliches häusliches Leben hätte, ein paar Freunde - nicht zu viele -, schöne kleine Mahlzeiten", steht ihm näher, zumindest theoretisch. Denn er selbst kann kein Konservativer sein. Dafür ist er viel zu fleißig.

Michel Houellebecq ist weder tiefsinnig noch kompliziert, er schreibt nicht ambitioniert, und seine analytischen Einsichten sind von begrenzter Reichweite. Seine Fähigkeit besteht darin, dem Einfachen und manchmal auch dem Banalen eine in sich stimmige Form und einen ebensolchen Zusammenhang zu geben. Das ist nichts Geringes, im Gegenteil.

Michel Houellebecq: Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen. Dumont, Köln 2020. 200 Seiten, 17,99 Euro.

© SZ/fxs
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