Michael Mann im Interview Schichten des Surrealismus

Ein Gespräch mit Michael Mann über Killer und Kartelle, die Palmen und die Patina von L.A. in seinem Film "Collateral".

Von Interview: Anke Sterneborg

SZ: Sie lieben die kompromisslosen Perfektionisten - spiegelt sich darin Ihr eigener Anspruch als Regisseur? Michael Mann: Mich faszinieren Menschen, die ihre Arbeit gut machen, ihre Ziele konzentriert verfolgen - das intensiviert die Wahrnehmung des Lebens. Auch ich bin ziemlich ehrgeizig, was ich mir vorstelle, möchte ich genau umsetzen. Bei dem Killer Vincent in "Collateral" ist das anders, er ist perfekt, aber er agiert wie ein Roboter. Was er tut, erfüllt für ihn keinen persönlichen Zweck.

Michael Mann bei der Präsentation seines neuen Films.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Sie haben immer wieder mit Stars gearbeitet - Al Pacino und Robert de Niro in "Heat", jetzt Cruise. Haben Sie da nie die Befürchtung, dass die Rolle vom Glamour überstrahlt wird? Mann: Aber in diesem Fall wären sie doch nicht so großartige Schauspieler - und dann würden sie mich auch nicht interessieren. Tom will Vincent besser spielen, als es irgend jemand sonst könnte, und er weiß, dass er sich hundertprozentig in den jeweiligen Moment hineinversetzen muss, und ich tue alles, um ihm dabei zu helfen. Ich habe unglaublichen Respekt vor der sehr harten Arbeit der Schauspieler, die ich selbst niemals tun könnte. Sie sind es, die ihren Kopf hinhalten, und wenn Tom Cruise nach zwanzig Jahren Arbeit so populär ist, dann nicht, weil er lieb aussieht. Mein Verhältnis zu den Schauspielern hat nichts Diktatorisches, nichts Feindseliges. Wenn ich hinter der Kamera stehe, bin ich den Schauspielern so nah wie sie sich vor der Kamera. Diese Intimität genieße ich mehr als alles andere beim Filmemachen.

SZ: Im Laufe der Jahre haben Sie eine Strategie entwickelt, Ihre Schauspieler tief in ihre Rolle hineinzuführen... Mann: Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass ich dem Schauspieler nur helfen könnte, wenn ich selbst sehr genaue Vorstellungen davon hatte, wer die Figur ist. Um zu wissen, wer die Figur wirklich ist, musste ich selbst am Drehbuch schreiben. Und dann musste man den Schauspieler vorbereiten auf die Rolle - was bei Will Smith als Ali fast ein Jahr dauerte. Schon vor der ersten Klappe, im Grunde schon vor den Proben müssen die Schauspieler eins mit ihrer Rolle sein.

SZ: Warum werden Sie in "Collateral" nicht als Autor geführt? Mann: Das ist ganz klar durch die Richtlinien der Writers Guild bestimmt. Das Drehbuch wurde von Stuart Beattie geschrieben, die ganze Konstruktion, wie die Figuren aufeinander treffen, ihre Ziele, das kommt von ihm. Ich habe die Handlung lediglich von New York nach L.A. verlegt, ein paar Figuren und die Dialoge verändert. Auch Frank Darabont hat einige gute Sachen beigetragen, ohne einen Credit zu kriegen.

SZ: Wie hat sich die Stadt L.A. seit Ihrem Film "Heat" verändert? Mann: Ich habe nun nach subjektiveren Schauplätzen gesucht, nach mindscapes, und nach einem Realismus, der magischer ist - ohne was mit einer Disneyland-Magie zu tun zu haben. Ich beute die Stadt ganz opportunistisch aus, als Auslöser für Stimmungen und Gefühle. Die Stadt hat etwas Surreales, nicht perfekt stilisiert wie bei Dalí, sondern auf eine reale greifbare Weise, in den Schichten der Patina und Korrosion, die sich über die Oberflächen legt. Alles ist staubig, die Palmen müssten mal wieder gestutzt werden, alles war einmal elegant und idyllisch, aber vor sehr langer Zeit. Heute alles alt und abgewirtschaftet, wie die Träume, die sich damit verbinden.

SZ: Sie setzen die Digitalkamera auf eine ungewohnte Weise ein, mit Bildern, die in die Tiefe gehen, und ungeheuer scharfen Konturen. Mann: Ich wollte einen sehr klaustrophobischen Film, mit einem immer dunklem Himmel. Ohne Digitalkameras hätten wir das nicht drehen können, da wäre manchmal gar nichts zu sehen. Wir haben mit ganz wenig Licht gedreht, gleichzeitig konnte ich die Farben ganz verrückt manipulieren. Alles ist so, wie es wirklich ist, der Himmel mit seinem nächtlichen Bernsteinglanz, die Palmen als Silhouetten vor den Wolken, um zwei oder drei Uhr morgens in L.A.

SZ: Trotz der Eleganz und Perfektion Ihrer Helden zahlt sich das Verbrechen am Ende Ihrer Filme nie aus. Sind Sie womöglich doch ein Moralist? Mann: Nein, mit der Moral ist es wie mit den Metaphern: Sie sind zu einfach, und nicht sehr interessant. Die menschliche Erfahrung ist viel komplexer. Das Interessante an Vincent war, wie diese maschinengleiche makellose Erscheinung, mit all ihren Rationalisierungsmechanismen, zerbricht. Wenn er die Geschichte von dem Mann erzählt, der stundenlang unbemerkt tot im Zug fährt - da geht es darum, ob irgendjemand Notiz davon nimmt, dass man existiert hat, nicht darum, ob Verbrecher sterben oder nicht.

SZ: Ein Shootout in einer überfüllten Disco dürfte für Sie als Regisseur so traumatisch sein wie für Ihren Killer. Mann: Ja, das war ganz schön wild. Wir hatten 600 koreanische Statisten, die wir neun Tage lang in einem Zustand der Panik halten mussten. Wir haben vier, fünf Monate vorher mit der Vorbereitung angefangen, die Handlung in riesigen Diagrammen ausgelegt, und dann die Größe des Schauplatzes darauf abgestimmt. Das funktioniert wie die Konstruktion eines Gebäudes.

SZ: Was bedeutet Ihnen in diesen kunstvoll kreierten Welten die Realität? Mann: Im Gegensatz zum ursprünglichen Drehbuch basiert die Geschichte jetzt stark auf Realität. Ich habe kein Interesse an einem Auftragskiller, der nur nach dem Fernsehen modelliert ist. Ich weiß sehr viel über Globalisierung, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen, politische Verbrechen ... Da gibt es Kartelle, die ungeheure finanzielle Ressourcen haben, es ist klar, dass die nur die Besten engagieren, die sich aus der Spionageabwehr rekrutieren, Stasi oder KGB. Da gibt es teure Genfer Kanzleien, die amerikanische Detektive engagieren, Ex-FBI, um rauszufinden, ob es geheime Ermittlungsverfahren gegen ihre Klienten gibt. Das ist der Hintergrund von "Collateral". Viele Leute, mit denen ich zu tun habe, haben in diesem Bereich gearbeitet.